Deshalb will Macron Frankreichs Atomwaffen schnellstmöglich in Europa verteilen
Die martialische Kulisse passte zu Macrons verteidigungspolitischer Rede: Die Île Longue im äussersten Zipfel der Bretagne ist der Stützpunkt für die vier U-Boote, die einen Teil der 290 französischen Atomsprengköpfe tragen können – und von denen stets eines durch die Weltmeere kreuzt.
Die Frage nach dem Verwendungszweck dieser nuklearen «Force de Frappe» stellt sich heute mehr denn je: Die Russen drohen Europa mit Angriff, die Amerikaner mit Rückzug. Kann Frankreich, die einzige Atommacht der EU, in die Lücke springen und den US-Atomschirm ersetzen? Der Wille ist da: Macron hat auf der Île Longue angekündigt, dass er das französische Atomwaffenarsenal verstärken will. Zahlen nannte er nicht; dafür machte er klar, dass auch die neuen Atombomben eine hohe Sprengkraft – siebenmal Hiroshima – behalten sollen.
In den europäischen Hauptstädten verfolgt man Macrons Ankündigungen mit höchstem Interesse, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin das Nachbarland Ukraine angegriffen hat. Der französische Präsident bestätigte am Montag, dass die «Force de Frappe» eine «europäische Dimension» habe. Die EU ist heute in der Tat so stark verbandelt, dass ein Angriff von aussen auf ein Land wie Polen oder Litauen unweigerlich die «vitalen Interessen» Frankreichs beeinträchtigt, wie Militärs sagen.
Macron offeriert deshalb den Partnerländern die Möglichkeit, französische Atomsprengköpfe in ganz Europa zu stationieren. Das ist ein grosser Schritt gegenüber dem bisherigen, rein nationalen Dispositiv der französischen Armee.
Europäische Truppen sollen zudem an den Übungen der französischen Atomwaffen-Einheiten teilnehmen. Sieben Länder haben laut Macron Interesse bekundet, von der französischen «Force de Frappe» zu profitieren: Deutschland, Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Dänemark und Schweden. Mit dem Nicht-EU-Land Grossbritannien, das über rund 230 Atomsprengköpfe verfügt, hat Frankreich bereits 2025 in Northwood eine Kooperation im Bereich der Atomwaffen vereinbart.
Eine «nukleare Teilhabe», das heisst ein Mitspracherecht der Europäer beim Einsatz der französischen Atombomben, schliesst Macron aber kategorisch aus. Der französische Staatschef wahre als Chef der französischen Armee weiterhin allein die Entscheidung über den Druck auf den «roten Knopf», sagte er.
Diese Klarstellung ist auch innenpolitisch gemünzt: Macron nimmt den Rechtspopulisten Marine Le Pen und Jordan Bardella sowie dem Linken Jean-Luc Mélenchon ein Argument weg. Für diese Erznationalisten kommt es nicht infrage, die nukleare «Force de Frappe» – ein integraler Bestandteil der nationalen Unabhängigkeit – mit europäischen Partnern zu teilen. Indem Macron klarstellt, dass er die alleinige Verfügungsgewalt behält, nimmt er den Nationalisten den Wind aus den Segeln.
Die Zeit drängt
Le Pen wirft dem Proeuropäer im Elysée weiter vor, er «verkaufe» die eigenen Atomwaffen ans Ausland, namentlich an Deutschland. Die derzeitige Präsidentschaftsfavoritin macht aus ihrer Sympathie für Russland und ihrer Ablehnung Deutschlands keinen Hehl. Offen unterstellt sie den Deutschen «hegemoniale» Absichten in Europa: Sie hätten schon heute doppelt so hohe Verteidigungsausgaben wie Frankreich; 2030 würden sie sogar dreimal so hoch ausfallen.
L’esprit français. 🇫🇷 pic.twitter.com/m0rwSkEC9X
— Élysée (@Elysee) March 2, 2026
Macron dreht das antideutsche Argument um. Die atomare «Force de Frappe» verschlingt jährlich Milliarden. Das gilt insbesondere für die überfällige Erneuerung derjenigen U-Boote und Kampfjets, die Atomsprengkörper tragen. Hier könnte Deutschland einen Beitrag leisten. Denn allen Beteiligten ist klar, dass es ein nukleares Mitspracherecht nicht umsonst gibt.
Auch die USA verlangen im Gegenzug zur «Teilhabe» an ihrem Atomschirm, dass die interessierten Europäer amerikanische F35-Jets kaufen. Frankreich sucht seinerseits weitere Abnehmer für seine Rafale-Jets, um seine «Force de Frappe» zu finanzieren. Warum nicht deutsche? Oder warum nicht eine höhere finanzielle Beteiligung Berlins am neu geplanten deutsch-französischen Kampfjetsystem FCAS?
Eins ist klar: All diese europäischen Nuklearabsprachen würden hinfällig, wenn Le Pen oder Bardella nach den Präsidentschaftswahlen im April 2027 ins Elysée einziehen sollte. Macron hat deshalb nur noch gut ein Jahr, das französische Atomarsenal unumkehrbar in Europa aufzustellen.
