Sexaffäre bei «französischem Fox»: Jetzt muss der Chefpolemiker gehen
Sie heissen BFM, CNews, LCI oder France-Info: Ein halbes Dutzend Livesender sind heute für viele Franzosen die wichtigste Informationsquelle. Der erfolgreichste dieser Kanäle, die in vielen Haushalten rund um die Uhr laufen, ist seit kurzem CNews. Er zieht täglich neun Millionen Zuschauer an und polarisiert rechts aussen. Medienexperten nennen ihn die «Lowcost-Version des amerikanischen Senders Fox News».
CNews gehört dem bretonische Geschäftsmann und Medienmogul Vincent Bolloré (73). Er bezeichnet sich selbst als «katholisch-konservativ» und hat nichts gegen das Attribut «reaktionär». CNews besteht vorab aus billig zu produzierenden Talkshows. Mit der Besonderheit, dass nicht die geladenen Gäste den Ton angeben, sondern Wortführer aus der Redaktion. Die Gesprächsrunden drehen sich meist um Themen wie Abtreibung, Kriminalität oder die «arabisch-muslimische» Einwanderung. Auch harmlose Diskussionen etwa über die Bettwanzen driften meist ab, wenn Starmoderator Pascal Praud fragt, ob ihr nicht ein Hygieneproblem der Immigranten zugrunde liege.
Die französische Medienaufsicht Arcom hat CNews schon mehrfach wegen diverser Verfehlungen gebüsst. Im vergangenen September vermochte der Bolloré-Sender das Blatt vorübergehend zu wenden, als ihm ein Video zugespielt wurde. Es zeigt zwei bekannte Journalisten des öffentlichen Rundfunks, Thomas Legrand und Patrick Cohen, beim trauten Gespräch mit zwei sozialistischen Parteikadern. Das Quartett bespricht, wie die öffentlich-rechtliche Radiostation France-Inter über die kommenden Gemeindewahlen berichten solle. Legrand verspricht den Sozialisten, er werde sich um die konservative Kandidatin Rachida Dati «kümmern».
CNews schlachtete das Video tagelang aus. Unter Druck von rechts ordnete die Nationalversammlung eine Untersuchungskommission an. Die Anhörung der Starmoderatorin von France-2, Léa Salamé, endete aber schlecht für sie: Die an sich sehr professionelle Journalistin musste ankündigen, sie werde in den Ausstand treten, falls ihr langjähriger Lebenspartner Raphaël Glucksmann in einem Jahr als Präsidentschaftskandidat der Linkspartei Place Publique antreten werde.
Jobprofil mit Nacktfotos
CNews frohlockte aber nicht lang. Mitte Januar wurde ihr scharfzüngigster Moderator Jean-Marc Morandini definitiv zu einer auf Bewährung ausgesetzten Haftstrafe verurteilt. Laut dem Urteil hatte er junge Frauen und einen Mann «korrumpiert», indem er sie mit sexuellen Nachrichten belästigte oder ihnen einen Fernsehjob gegen Nacktfotos versprach.
Morandini ist ein Aushängeschild von CNews; er scheute keine Polemik und trieb mit seinen aufgeregten Berichten über Vergewaltigungen und Mordanschläge durch Nordafrikaner die Einschaltquoten hoch. Nach seiner Verurteilung gingen aber mehrere CNews-Stars wie Pascal Praud oder Laurence Ferrari auf Distanz zu ihm. Bolloré empfing den rechtskräftig Verurteilten aber und erteilte ihm damit den Segen.
Am Wochenende reichte darauf eine andere, gemässigtere Starjournalistin von CNews, Sonia Mabrouk, ausdrücklich wegen Morandini ihre Demission ein. Selbst politisch befreundete Abgeordnete des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen weigerten sich, bei Morandini aufzutreten.
Am Montag liess Bolloré ihn endlich fallen. Der 60-jährige Polemiker musste per Communique seinen Rückzug vom Bildschirm erklären. CNews hat damit auf einen Schlag zwei seiner wichtigsten Stimmen verloren. Und Bolloré den Anspruch, dem angeblich linken Rundfunk Lektionen erteilen zu wollen. (aargauerzeitung.ch)
