«Du lügst!» Der Schrei der 45-jährigen Frau gellte durch den Raum, bevor sie aufstand und den Verhandlungssaal Gerichtsgebäude von Avignon unter Tränen verliess. Caroline Darian hielt die Einvernahme ihres Vaters nicht mehr aus. Er bestritt rundum, sich jemals an seiner Tochter vergangen zu haben – so wie er seine Frau Gisèle vergewaltigt hatte. Er habe das Mädchen zwar nackt fotografiert, behauptete Dominique Pelicot zu Prozessbeginn im September, aber «nie berührt».
Angeklagt ist er, weil er seine Frau jahrelang immer wieder ohne ihr Wissen betäubt und Dutzenden von anderen Männern zur Vergewaltigung überlassen haben soll. Die Polizei fand auf seinem Computer über 20'000 Fotos und Videos.
Zwei davon, angeschrieben mit «Rund um meine nackte Tochter», zeigen ein schlafendes Mädchen von zehn Jahren in Unterwäsche. Caroline Darian erkannte sich, nicht aber ihre Schlafstellung. Und auch nicht ihre Unterwäsche – die musste ihr jemand angezogen haben. Dabei habe sie einen sehr leichten Schlaf, sie wache bei jedem Geräusch auf, sagte Caroline vor Gericht.
Als der Angeklagte aus seinem Glaskäfig erwiderte, das seien normale Familienfotos, sprang die Tochter von ihrem Stuhl auf. Sie sagt, er habe sich «ohne jeden Zweifel» auch an ihr vergangen. Das wäre Inzest. Doch die Beweislage ist dünn. Der Gerichtspsychologe hat klargemacht, dass es für die Tochter besonders schwierig sei, eine Aggression zu verarbeiten, wenn es keine Gewissheit gebe.
Unbestreitbar sind dagegen die Albträume, die schlaflosen Nächte. Und die Wut: Caroline Darian, verheiratet, ein zehnjähriger Sohn, verhehlt ihre Abscheu gegenüber ihrem Vater nicht. Unruhig sitzt sie an den langen Prozesstagen zwischen ihren beiden Brüdern; immer wieder schiesst sie wütende Blick in Richtung des Mannes, den sie nur ihren «Erzeuger» nennt.
Während ihre Mutter den Ausführungen ihres Ex-Gatten schweigend und stoisch folgt, wirft Caroline ihm vor, er lüge «wie gedruckt», und er manipuliere das Gericht, so wie er seine Familie jahrelang hintergangen habe.
Schon vor zwei Jahren hatte Caroline Darian in einem Buch beschrieben, was an dem Prozess heute die halbe Welt verfolgt: Nicht nur, wie Dominique Pelicot (71) seine regelrecht betäubte Frau nachts per Internet-Chatroom Unbekannten zur sexuellen Misshandlung offerierte. Sondern auch, wie sich ihre Familie nach dem ersten Polizeianruf nur langsam mit dem Unfassbaren, ja Unvorstellbaren abfand.
Das Buch mit dem Titel «Wie ich aufhörte, dich Papa zu nennen» – das im Frühjahr 2025 auf Deutsch erscheinen soll – zeugt vom Schock und Schmerz, dass hinter dem viel geliebten Familienvater ein monströser Sexualverbrecher zum Vorschein kam.
Noch heute fühle sich die Familie «wie in einem Tsunami», schrieb Darian diese Woche auf ihrem Instagram-Konto, das sie aus dem gleichen Grund unterhält, aus dem sie ihr Buch geschrieben hat: «Ich will allen Frauen und Kindern helfen, die von sexueller Gewalt überwältigt werden. Mit meiner Schilderung will ich Alarm schlagen und aufzeigen, wie verbreitet die Plage der ‹chemischen Unterwerfung› ist.»
So nennt man in Frankreich den sexuellen Missbrauch nach Verabreichung von Schlafmitteln oder Partydrogen wie GHB. Im Jahr 2022 gingen in Frankreich deswegen 1229 Anzeigen ein; die Dunkelziffer liegt laut Expertinnen um mindestens das Zehnfache darüber.
Caroline Darian wendet sich in ihrem Buch auch direkt an die Opfer: «Wenn Sie regelmässig Gedächtnislücken haben, muss Ihnen das ein Zeichen sein. Zögern Sie nicht, einen toxikologischen Test zu machen.» Sie zählt weitere Symptome auf: Schläfrigkeit, Erinnerung nicht an den Sexualverkehr, aber vielleicht an einen seltsamen Geschmack des Kaffees; die Überraschung, andere Kleidung als am Vortag zu tragen oder hohe Geldausgaben getätigt zu haben.
Die meisten Frauen dächten, so etwas könne ihnen nie passieren, schätzt die Buchautorin. Doch die Täter kämen nicht als gefährliche Psychopathen daher, sondern agierten wie andere Vergewaltiger zu grössten Teilen im eigenen Familien- oder Bekanntenkreis.
Einige Fälle machen heute Schlagzeilen. So erhielt der Direktor des reputierten Thinktanks «Institut Montaigne» eine bedingte Haftstrafe von einem Jahr, nachdem er einer Untergebenen, zugleich seiner Ex-Schwägerin, eine Droge ins Getränk geschüttet hatte. Am kommenden Montag beginnt in Paris es weiteren eine Strafuntersuchung gegen den französischen Senator Joël Guerriau, der eine andere Abgeordnete der politischen Mitte in sein Büro lud und Ecstasy in ihr Glas schüttete.
Sie konnte sich knapp in ein Taxi retten. Mehrere Abgeordnete haben dieser Tage einen Gesetzesvorschlag eingereicht, laut dem die Sozialversicherung den fast tausend Euro teuren toxikologischen Test übernehmen soll.
Vor einem Jahr hat Caroline Darian das Kollektiv «M'endors pas» («Schläfere mich nicht ein») gegründet. Damit und mit ihrem viel beachteten Buch hat sie wertvolle Vorarbeit für die öffentliche Wahrnehmung des Pelicot-Prozesses geleistet. Auf ihrem neuen Instagram-Eintrag betont sie allerdings, sie sei keineswegs eine «Wonder Woman» (Superfrau).
«Meine Mutter, meine Brüder und ich bemühen uns nur, vor Gericht und der Kamera Würde zu bewahren», schrieb sie, um anzufügen, sie werde für ein paar Tage ein Sanatorium aufsuchen. Dort wolle sie sich nach der aktuellen Prozesspause auf die zweite Hälfte der bis Dezember dauernden Gerichtsverhandlungen vorbereiten. Und «um einem der schlimmsten Sexualtäter der letzten 20 oder 30 Jahre gegenübertreten zu können». Das heisst ihrem Vater.
(aargauerzeitung.ch)
Ich finde nach wie vor, Sexualstraftaten werden viel zu gering bestraft.
Wo ist die Zivilcourage geblieben?
Dies ist die eigentliche Tragödie der ganzen Geschichte.
Mitschuld durch Schweigen sollte ebenfalls strafbar sein -