Er mischte Schlaftabletten und Medikamente gegen Angstzustände ins Essen seiner Frau, lud Männer via Internet ein und liess sie sie vergewaltigen – unzählige Male, über neun Jahre lang, ohne ihr Wissen.
«Ich bin ein Vergewaltiger», sagt der geständige Hauptangeklagte vor Gericht. Dominique Pelicot steht derzeit mit 50 weiteren Männern im Zentrum eines Missbrauchs-Prozesses, der seinesgleichen sucht. Denn normalerweise bleiben die Opfer solcher Gewalttaten anonym. Aus Schutz – und aus Scham.
Nicht so Gisèle Pelicot. Als sie erfährt, dass sie jahrelang von ihrem eigenen Mann und unzähligen Fremden mutmasslich sexuell missbraucht wurde, während sie bewusstlos war, will sie nicht schweigen. Sie kanalisiert ihre Wut nach aussen, konfrontiert ihre Peiniger und besteht darauf, dass der Prozess in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird.
Die Angeklagten wären gerne unerkannt geblieben. Viele laufen vermummt in den Gerichtssaal in Avignon, wo sie sich seit Anfang September bis Ende Dezember verteidigen müssen. Sie sind nicht etwa «Monster», die am Rande der Gesellschaft leben. Es sind Journalisten, Pflegefachmänner oder Bäcker, einige sind Familienväter, andere vorbestraft. Gisèle Pelicot quält sich durch nahezu jede Anhörung. Ihre Devise:
Nicht das Opfer, sondern die Täter sollen sich schämen, sagt die 72-Jährige. Mit dieser Einstellung wird sie quasi über Nacht zur feministischen Ikone.
Das sind einige ihrer mutmasslichen Vergewaltiger.
Ehemals Feuerwehrmann und Eigentümer einer Pizzeria. Er streitet die Vergewaltigung ab. Sagt, er sei «naiv» gewesen und davon ausgegangen, es handle sich um ein Spiel des Paares. Der Vater zweier Kinder «respektiere Frauen in all ihrer Komplexität».
Der Mann wurde 2015 über ein Onlineportal von Dominique Pelicot kontaktiert. Dieser suche ein Valentinstags-«Geschenk» für seine Frau. Die Polizei fand Videomaterial von fünf Besuchen bei den Pelicots. Auch er streitet die Vorwürfe ab: «Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht und dachte, heute will ich eine Straftat begehen». Er habe genug Bestätigung von Gisèle Pelicots Mann gespürt und dabei ganz vergessen, ihr Einverständnis einzuholen.
Der Sanitär, ehemalige Boxmeister und dreifache Vater fuhr jeweils am Abend zum Haus des Paares, nachdem seine Frau ins Bett gegangen war. Auch er will Pelicot nicht vergewaltigt haben. Wenn das sein Ziel gewesen wäre, hätte er «keine 57-jährige Frau ausgesucht, sondern eine hübsche».
Er gibt die Tat vor Gericht zu. Der Metzger suchte auf dem Onlineportal Trost – er sei in seiner Beziehung «sexuell frustriert» gewesen. Geprägt von einer Kindheit voller Gewalt verbrachte er seine Teenagerjahre in Pflegeheimen. Zu den Vorwürfen sagt er: «Es tut mir leid, ich war naiv, ein bisschen dumm, ein Idiot». Er habe im Gefängnis verstanden, dass Frauen nicht Männern gehören.
Der jüngste aller Angeklagten im Prozess ist Soldat im französischen Militär. Er war gerade mal 22, als er Pelicots Haus an zwei verschiedenen Gelegenheiten aufsuchte. Er gibt sich vor Gericht naiv. «Ich bin ein Vergewaltiger, weil das Gesetz es so will». Es sei ihm zwar seltsam vorgekommen, dass Gisèle Pelicot geschnarcht habe. Doch zu der Zeit habe er nicht gewusst, was Einverständnis bedeutet.
Sein Erklärungsversuch verblüfft besonders: Der ausgebildete Anästhesie-Pflegefachmann will angeblich nicht gemerkt haben, dass sein Gegenüber bewusstlos war. Er glaubte, sie spiele tot. Entsprechend plädiert er auf nicht schuldig und stellt sich stattdessen als Opfer eines Tricks dar.
Der Marokkaner wollte gemeinsam mit seiner zweiten Frau ein Mädchen adoptieren und zeigte sich enttäuscht, als das Verfahren wegen seiner Verhaftung eingestellt wurde.
Den insgesamt 51 Angeklagten drohen teilweise bis zu 20 Jahre Haft. Das Urteil wird im Dezember erwartet.
'ganz vergessen, ihr Einverständnis einzuholen'
'er sei «naiv» gewesen und davon ausgegangen, es handle sich um ein Spiel des Paares'
'Doch zu der Zeit habe er nicht gewusst, was Einverständnis bedeutet'
'will angeblich nicht gemerkt haben, dass sein Gegenüber bewusstlos war'
Eine Frau liegt auf dem Bett, sie ist total weggetreten und die Täter behaupten sie hätten es nicht bemerkt, seine von Konsens ausgegangen, das ist doch lächerlich.
Steht wenigstens zu Euren Gräueltaten!
Und,
«Die Scham muss die Seite wechseln.»
Ja, absolut, alles Gute Ihnen.
Und unglaublich jämmerlich dagegen die hier notierten Ausreden der Angeklagten (bis auf jene Stimme, die das eigene Fehlverhalten scheinbar erkennt) …