Paris gebührt ein doppeltes «Chapeau». Die Stadt der Lichter hat in diesem Jahr nicht nur die Olympischen Spiele reibungslos über die Bühne gebracht. Am 7. Dezember wird auf der Seine-Insel auch die nach ihrem Brand vor fünf Jahren umfassend restaurierte Kathedrale Notre-Dame wiedereröffnet.
Präsident Emmanuel Macron hat erkannt, welche hochemotionale Wirkung von den Flammenbildern und nun von der symbolischen «Wiederauferstehung» ausgeht. Er, der im Unterschied zu früheren Staatspräsidenten wie Valéry Giscard d'Estaing, François Mitterrand oder Jacques Chirac der Stadt Paris keine architektonische Grosstat hinterlassen wird, hat sich schon letzte Woche bei einer Dachstuhl-Begehung als Kathedralenretter inszeniert. Am kommenden Wochenende wird er auch die Anwesenheit von Stargast Donald Trump weidlich auszunützen versuchen.
Nicht zu vergessen, Macron ist in seinem Land so unpopulär wie nie und wie kein Vorgänger vor ihm. Sein Macher-Ruf hat sich verflüchtigt, seitdem er die Nationalversammlung im Frühjahr aufgelöst hat. Der spektakuläre Regierungssturz von Mittwoch ist eine direkte Folge dieses schweren, fast suizidären Fehlers.
Trump allerdings hat in Paris seine eigene Agenda, er wird keine Rücksicht auf Macron nehmen. Frankreichs Präsident täuscht sich nicht zum ersten Mal, wenn er meint, dass er innenpolitisch punkten kann, wenn er sich international in Szene setzt.
Dabei hätte Macron durchaus Argumente, die für ihn sprechen. Er hatte den engen fünfjährigen Bauplan für den Wiederaufbau der gotischen Basilika festgelegt – und eingehalten. Frankreich kann stolz sein auf die Parforce-Leistung. Die französischen Architekten, Ingenieure und Kunsthandwerker – Männer wie Frauen – haben ganze Arbeit geleistet. Wie im Sommer schon die Olympiaplaner.
Natürlich: Sobald sich die Politik einmischt, stösst Frankreich an seine Grenzen. Seine Finanzen sind eine einzige Kalamität: Die Staatsschuld beträgt 3200 Milliarden Euro. Mit dem eigenen Geld kam Frankreich noch nie zurecht. Das zeigt ja gerade auch der Regierungssturz: Das auslösende Moment war, dass Premier Michel Barnier bei Budget 2025 den Sparstift ansetzen wollte.
Der Wiederaufbau von Notre-Dame hatte nie ein Finanzierungsproblem. Er war von Beginn weg auf Rosen gebettet: Aus 150 Ländern waren 850 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen. 140 Millionen sind noch nicht einmal verbraucht; sie werden über die nächsten Jahre für Renovationsarbeiten um die Basilika herum und in der Basilika Verwendung finden. Gibt es für einen Bauherrn etwas Schöneres, als nicht aufs Geld achten zu müssen?
Dass der Wiederaufbau von Notre-Dame unter einem guten Stern stand, zeigt ein Beispiel: Kurz vor dem Brand hatten italienische Informatiker das ganze Gotteshaus gescannt. Das erleichterte den Wiederaufbau «à l'identique» ungemein.
Der gute Stern von Paris wirkte sich bis in die öffentliche Debatte aus. Der übliche, nie gelöste Streit zwischen Kirche und Staat, zwischen säkularer und religiöser Sphäre, fand diesmal nicht statt. Als Macron seine Ansprache in der Kathedrale halten wollte, bedeutete ihm Erzbischof Laurent Ulrich diskret, dass dies ein Verstoss gegen den strikten französischen Laizismus wäre. Also ergreift Macron das Wort am Samstagabend draussen, vor der Notre-Dame-Fassade mit seiner herrlichen Rosette. Auch keine üble Kulisse für einen gefühlten politischen Auftritt.
Aber das Wichtige ist anderswo: Die Auferstehung ist vollzogen, Notre-Dame ist wieder da. Ihr Schicksal hat nicht nur für Christen etwas Berührendes, Ergreifendes, mit ihrem Leiden und ihrem neuen Glück fast etwas Menschliches. Gewiss, die Kathedrale wird weder Putins Krieg noch den Nahostkonflikt lösen. Aber mit ihren 900 Jahren zeigt sie, dass die Hoffnung nicht zuletzt stirbt, sondern wirklich nie. (aargauerzeitung.ch)