International
Gesellschaft & Politik

Viktor Orban wackelt – so wurde er zum Vorbild von Anti-Demokraten

Orban
Sowohl privat als auch öffentlich bringen europäische Politiker ihre Verärgerung über den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban zum Ausdruck.bild: keystone (Archivbild)

Viktor Orban wackelt – so wurde er zum Vorbild von Anti-Demokraten

Seit seiner Rückkehr an die Macht im Jahr 2010 hat Viktor Orban Ungarn zu einem regelrechten Versuchslabor der «illiberalen Demokratie» umgebaut. Dafür kassiert er Applaus von ähnlich tickenden Politikern im Ausland. Doch zuhause bröckelt sein Rückhalt: Korruptionsvorwürfe und steigende Preise setzen ihm zu – und das ausgerechnet kurz vor dem möglichen fünften Mandat.
Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
09.04.2026, 05:0309.04.2026, 05:03
Andras ROSTOVANYI / afp

Seit 2010 regiert Viktor Orban Ungarn praktisch ohne echte Konkurrenz. Doch in den letzten Jahren hat sein Glanz deutlich gelitten: Die Korruption ist für viele schlicht zu offensichtlich geworden – vor allem für eine Bevölkerung, die gleichzeitig den Gürtel immer enger schnallen muss.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Der 62-jährige Machtpolitiker, der sein Land zum Versuchslabor der «illiberalen Demokratie» gemacht hat, hat sich auch international einen Namen verschafft. Mit seinen Dauer-Sticheleien gegen die Europäische Union und seinen demonstrativen Freundschaften mit Donald Trump und Wladimir Putin sorgt Viktor Orban regelmässig für Schlagzeilen.

Emilia Palonen, assoziierte Professorin an der Universität Helsinki, sagt gegenüber der AFP:

«Illiberale Machthaber sehen in ihm ein Vorbild – jemanden, der es geschafft hat, die Macht an sich zu reissen und zu halten.»
Emilia Palonen

Geboren am 31. Mai 1963 in einem Dorf rund eine Stunde von Budapest entfernt, machte sich Viktor Orban zunächst als junger Liberaler einen Namen. Im Juni 1989 stellte er sich in Budapest mit einer flammenden Rede gegen das kommunistische Regime – und forderte lautstark Demokratie.

Ein Jahr zuvor hatte der Jurist, Absolvent der Eötvös-Loránd-Universität, bereits die Fidesz (Bund Junger Demokraten) mitgegründet. Dank eines Stipendiums der Open Society Foundations konnte Viktor Orban zudem an der University of Oxford studieren.

Schon bald schwenkt er um auf einen Kurs, der stark auf traditionelle Familienwerte, ländliche Identität und das Christentum setzt. Ein politischer Move, der sich auszahlt: 1990 wird Viktor Orban ins Parlament gewählt – und 1998, mit gerade einmal 35 Jahren, erstmals Premierminister.

Vier Jahre später wird er von der sozialistischen Partei – der Erbin der Kommunisten – abgewählt, und 2006 kassiert er erneut eine Niederlage. Eine Demütigung, die seinen politischen Wandel beschleunigt. Als Viktor Orban 2010 zurück an die Macht kommt – ein Land vorfindend, das von der Wirtschaftskrise durchgeschüttelt ist – startet er durch: Unter dem Banner der «ungarischen Nation» baut er systematisch den Einfluss seiner Partei auf Medien, Institutionen und Universitäten aus.

2014 sorgt Viktor Orban dann für Aufsehen: Als einer der ersten gewichtigen Politiker preist er offen den «illiberalen Staat» als Zukunftsmodell an. In einer Rede in einem Dorf in Transsilvanien – wo eine grosse ungarische Minderheit lebt – relativiert er dabei ganz nebenbei auch noch den Stellenwert des Rechtsstaats.

«Er hat aus den Fehlern seiner ersten Amtszeit gelernt. So konnte er weitreichende Veränderungen im Eiltempo durchdrücken – und seine Macht gezielt festigen», analysiert Emilia Palonen.

Äusserer Feind

Seine Angriffe auf die Unabhängigkeit von Justiz, Medien und Institutionen – sowie Eingriffe in individuelle Freiheiten, etwa jene der LGBT+-Community – haben für Dauerzoff mit der Europäischen Union gesorgt. Die Konsequenz: Brüssel hat Ungarn Milliarden an Fördergeldern eingefroren.

Auch bei der Migrationspolitik stellt er sich quer: Viktor Orban weigert sich, Asylsuchende aufzunehmen – und lässt 2015 stattdessen einen mehrere hundert Kilometer langen Grenzzaun hochziehen.

Diese Strategie, die laut der Politologin Zsuzsanna Szelenyi auf dem Bild eines «äusseren Feindes» basiert, hat sich für Viktor Orban politisch ausgezahlt: Er gewann die Wahlen 2014, 2018 und 2022 jeweils mit einer Zweidrittelmehrheit.

Mit Blick auf den 12. April und ein mögliches fünftes Mandat setzt Viktor Orban erneut auf ein bekanntes Rezept: Nach Kommunisten und Migranten erklärt er nun die Ukraine zum neuen Feindbild. Er wirft ihr vor, Ungarn nach der russischen Invasion in den Krieg hineinziehen zu wollen.

Doch diesmal scheint die Strategie nicht mehr zu ziehen. Umfragen sehen die Tisza-Partei seines Herausforderers Peter Magyar klar vorne. Viele Wählerinnen und Wähler beschäftigt etwas ganz anderes: steigende Preise, marode öffentliche Dienste – und Korruption, von der vor allem das Umfeld von Orban profitiert haben soll.

epa12854348 A handout photo made available by the Hungarian PM's General Department of Communication shows Hungarian Prime Minister Viktor Orban, leader of the ruling Fidesz party, speaking durin ...
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, Vorsitzender der Partei Fidesz, hält am 27. März 2026 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Veszprém eine Rede, wenige Wochen vor den für den 12. April angesetzten Parlamentswahlen.Keystone

Auch seine Autorität bekam zuletzt Risse: Bei der Pride-Parade in Budapest gingen im vergangenen Jahr so viele Menschen auf die Strasse wie noch nie – obwohl Viktor Orban die Veranstaltung eigentlich verboten hatte. Und selbst im Fall eines Wahlsiegs dürfte es für ihn ungemütlicher werden. Beobachter rechnen damit, dass er auf eine deutlich weniger gefügige Öffentlichkeit trifft – und sich gleichzeitig heftiger mit seinen europäischen Partnern anlegt. Die hatten ihm zuletzt Illoyalität vorgeworfen, nachdem er Ende März ein Veto gegen ein 90-Milliarden-Euro-Hilfspaket für die Ukraine eingelegt hatte.

«Er hat der Politik definitiv seinen Stempel aufgedrückt», sagt der Politologe Attila Gyulai vom Zentrum für Sozialwissenschaften ELTE – und verweist dabei auf die härtere Linie der Europäische Union in der Migrationspolitik. Er fügt hinzu:

«Aber er hat wie ein Rammbock agiert – und deshalb wird er sich wohl auch als Erster abnutzen.»
Attila Gyulai
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Iran-Krieg in Bildern
1 / 30
Iran-Krieg in Bildern

Menschen heben bei einer Demonstration in Tel Aviv die Hände, um ein Ende des Krieges zu fordern.

quelle: keystone / maya levin
Auf Facebook teilenAuf X teilen
J.D. Vance findet in Ungarn, die EU mische sich zu sehr in die Wahlen ein
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
5 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
5
TACO again: Wie Trump (erneut) eingeknickt ist
Donald Trump verkauft die zweiwöchige Waffenruhe mit dem Iran als grossen Erfolg. Dabei kann sich vor allem das Regime in Teheran als Sieger fühlen. Es hat den Krieg nicht verloren.
Das Akronym war rasch zur Stelle, als die zweiwöchige Feuerpause im Iran-Krieg in der Nacht auf Mittwoch verkündet wurde: TACO again. Oder in vollem Wortlaut: Trump always chickens out. Erneut hat das Grossmaul im Weissen Haus den Schwanz eingezogen, bevor es zu einer Eskalation kam, lautete die Einschätzung vieler Beobachter und Medien.
Zur Story