Wo Zebras grasen und Milliarden verschwinden: Eine Reise nach Orbanistan
Das Ziel der Reise liegt rund 45 Minuten Autofahrt von der Hauptstadt Budapest entfernt. Umgeben von grünen Wiesen, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft, liegt das alte Habsburger-Gut «Hatvanpuszta».
Einst gehörte das Anwesen aus dem 19. Jahrhundert dem Erzherzog Joseph von Österreich. Jetzt aber heisst der Hausherr Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn.
Die Zufahrtsstrasse wird gerade neu geteert. Baumaschinen stehen herum. Durch einen schmalen Spalt im Sichtschutzzaun kann erahnt werden, was sich hinter dem Eingangsportal verbirgt: ein weitläufiger Komplex, aufwendig renovierte Herrenhäuser, eine akkurat gepflegte Gartenanlage – alles hermetisch abgeschirmt.
«Was wollt ihr hier?», fragt der ältere Mann, als er aus seinem Wohnwagen steigt, der ihm als Wartehäuschen dient. Er ist der Wächter hier, graue Haare, runder Bauch. Besonders viel Arbeit scheint er nicht zu haben.
«Guten Tag, wir sind Journalisten. Wir wollen bloss ein Foto machen.»
«Warum? Was gibt es Interessantes zu sehen?», fragt er zurück.
«Naja, das kleine Versailles von Orban. Das ist doch interessant.»
Mehr pflichtschuldig als alarmiert geht er zu seinem Wohnwagen zurück und meldet die ungebetenen Gäste durchs Funkgerät.
«Wer ist es? Ist es Hadhazy?», tönt es aus dem Lautsprecher zurück.
«Nem, nem» – «Nein, nein», sagt der Wächter auf Ungarisch und fügt an:
«Es sind nur so zwei Schwuchteln.»
Willkommen in Ungarn!
Swimmingpools, luxuriöse Gästehäuser und ein Safari-Zoo
Oder «Willkommen in Orbanistan!», müsste man wohl sagen.
Hadhazy, von dem im Funkgerät die Rede war, heisst mit vollem Namen Akos Hadhazy. Er ist unabhängiger Abgeordneter im ungarischen Parlament und so etwas wie der Staatsfeind im eigenen Land – zumindest aus Sicht der Regierung.
Seit Jahren dokumentiert er Korruption, verfolgt Geldflüsse, legt Netzwerke offen. Dass das Thema im laufenden Wahlkampf erstmals die entscheidende Rolle spielt, ist auch sein Verdienst.
Im vergangenen Jahr spazierte der ausgebildete Tierarzt durch das zufällig offen stehende Tor von Hatvanpuszta. Entstanden ist ein Video-Dokument, das den Luxus des Orban-Familienpalasts zeigt: Swimmingpools, Palmengärten, ein Haupthaus mit über 2000 Quadratmetern Wohnfläche, eine zweistöckige Bibliothek, eine Gastronomie-Küche und mehrere luxuriöse Gästehäuser.
In einem angrenzenden Park traf Hadhazy sogar auf exotische Tiere wie Antilopen und Zebras.
Manchmal fliegt Hobby-Pilot Hadhazy auch mit einem Flugzeug über das Gelände, um den Fortschritt der umfassenden Renovierungsarbeiten zu dokumentieren.
Hatvanpuszta, das offiziell Orbans Vater gehört und nach Schätzungen gerade für mehr als 30 Millionen Euro umgebaut wird, ist zum Symbol für die systematische Bereicherung der Orban-Clique geworden.
«Das Vermögen gehört dem König. Und der ist Orban»
Rund 10 Minuten Autofahrt von Hatvanpuszta entfernt kann man ein weiteres Beispiel finden. In Felcsut, dem Heimatdorf von Viktor Orban, steht die Pancho Arena – ein Fussballstadion, das so gar nicht in diese ländliche Umgebung passen will. Knapp 4000 Sitzplätze fasst das Stadion; mehr als doppelt so viele, wie Felcsut Einwohner hat.
Architektonisch ist der Bau beeindruckend. Entworfen vom ungarischen Stararchitekten Imre Makovecz, getragen von einer filigranen Holzkonstruktion, deren Bögen an einen Wald erinnern – oder an eine Kathedrale. Ein Bau aus Holz und Schiefer, monumental und gleichzeitig verspielt. Im Jahr 2023 spielte hier die Schweizer Nati, als sie wegen des Krieges in Gaza nicht zu ihrem Gegner nach Israel reisen konnte.
Dass die Pancho Arena in Felcsut steht, ist kein Zufall. Viktor Orban gilt als fussballverrückt, das Stadion als sein «Prestigeprojekt». Sein Elternhaus steht unmittelbar angrenzend zur Sportstätte. Finanziert wurde der Bau fast vollständig durch Spenden von Unternehmen, welche diese dank eines Spezialgesetzes komplett von den Steuern abziehen konnten. Bezahlt hat also der Staat, oder besser gesagt: der Steuerzahler.
Aber auch sonst ist Felcsut speziell. Im Volksmund nennt man es «Dorf der Wunder». Da ist etwa die berüchtigte Schmalspurbahn: Zwei Millionen Euro aus EU-Fördertöpfen flossen in die Renovation. Sie verbindet Felcsut mit dem Alcsúter Arboretum, einem botanischen Garten. Im EU-Förderantrag gab die ungarische Regierung an, mehrere Tausend Touristen würden die Bahn täglich benutzen. In der Realität sind es höchstens ein paar Dutzend – wenn die Bahn überhaupt einmal fährt.
Hatvanpuszta, die Pancho-Arena, die Schmalspurbahn: Es sind Stationen einer «Korruptions-Safari», die man von Budapest aus gut in einem Tagesausflug abklappern kann. Aber sie bilden nur die Oberfläche eines Systems organisierter Korruption, das sich durch alle Ebenen der ungarischen Staatlichkeit zieht. Wobei sie natürlich ganz oben beginne, wie es Korruptionsjäger Hadhazy beschreibt: «Es ist wie im Feudalismus: Das Vermögen gehört dem König. Und der ist Orban.»
Orbans Jugendfreund: Vom Gas-Installateur zum reichsten Mann Ungarns
Dreh- und Angelpunkt dieses Systems ist das öffentliche Beschaffungswesen, wo EU-Fördergelder eine zentrale Rolle spielen. 80 Milliarden Euro sind seit Orbans Amtsantritt nach Ungarn geflossen. Der deutsche EU-Abgeordnete Daniel Freund schätzt, dass rund ein Viertel, also 20 Milliarden, davon schlicht gestohlen wurden. Er spricht deshalb von einem «Mafiastaat», den Orban geschaffen habe.
Eine zentrale Rolle spielt Lörinc Meszaros. Er ist ein enger Jugendfreund von Orban und ebenfalls aus Felcsut. In den Jahren seiner Regentschaft stieg er vom einfachen Gasinstallateur zum reichsten Mann in Ungarn auf. Sein Vermögen wird auf rund 5 Milliarden Euro geschätzt. Den kometenhaften Aufstieg erklärt er selbst so: «Gott, Glück und Viktor Orban.»
In der Praxis bedeutet das, dass Meszaros und seinen über 300 Firmen gezielt öffentliche Aufträge zugeschanzt werden. Konkurrenz gibt es da keine, und wenn doch, dann handelt es sich oft bloss um fingierte Eingaben.
Sein Tätigkeitsfeld geht vom Strassenbau über das Energiewesen bis hin zum Bau des Atomkraftwerks Pak II in Kooperation mit dem russischen Staatskonzern Rosatom. Überall, wo der Staat Geld ausgibt, kommt Meszaros zum Zug. Dabei wird er längst als «Orbans Geldbörse» bezeichnet. Hadhazy vermutet, dass hinter Meszaros’ Reichtum in Wirklichkeit Orban steht. Ganz ähnlich, wie man es von Russlands Wladimir Putin und seinen Oligarchen kennt.
Ein anderes Beispiel ist Orbans Schwiegersohn Istvan Tiborcz, der Ehemann von Rahel, der ältesten Tochter Orbans. Mit seinen 39 Jahren gehört er zu den reichsten Ungarn mit einem geschätzten Vermögen von mindestens 400 Millionen Euro. Korruptionsjäger Hadhazy geht davon aus, dass es in Wirklichkeit rund 1 Milliarde Euro beträgt.
Reich wurde Schwiegersohn Tiborcz mit dem Bau von Strassenbeleuchtungen. Im ganzen Land konnte er mit seiner Firma Elios Strassenlampen im Staatsauftrag auf LED umrüsten. Nach einem EU-Verfahren wegen manipulierter Ausschreibungen und überhöhter Preise wurde er 2018 zur Rückzahlung von 40 Millionen Euro verdonnert. Die Rechnung übernahm dann der Staat, besser gesagt der Steuerzahler, was zum sogenannten Elios-Skandal führte. Im Nachgang dazu verabschiedete sich Tiborcz aus dem Strassenlampen-Geschäft. Heute fokussiert er seine Aktivitäten auf Tourismus und Luxusimmobilien.
Staatsgelder werden in Private Equity Fonds umgeleitet
Dazu kommt seit einigen Jahren ein besonders lukrativer, weil intransparenter Geschäftszweig: das Geschäft mit sogenannten «Private Equity Funds». Über 200 dieser Fonds privater Investoren sind in den letzten Jahren in Ungarn aufgepoppt. Der Clou dabei ist, dass wegen einer Gesetzeslücke niemand weiss, wem sie wirklich gehören.
Laut Judit Zeisler vom Budapester Büro von Transparency International würden heute bereits über fünf Prozent der gesamten ungarischen Wirtschaft von diesen Fonds kontrolliert. Co-Investor ist dabei der ungarische Staat selbst.
Das System ist komplex und höchst intransparent; vereinfacht kann gesagt werden, dass über diese Vehikel Staatsgeld in verschiedene Wirtschaftsbereiche gepumpt wird. Zum Beispiel in den Bau von Büroimmobilien, welche dann unter hohen Gewinnmargen dem Staat zurückverkauft werden. Der Fond agiert quasi als «Zwischenhändler» bei der Verschiebung von Staatsgeld in private Taschen.
Orbans Oligarch Meszaros und sein Schwiegersohn Tiborcz sind in diesem Bereich stark aktiv. Belegt ist mindestens ein Fall, bei dem mit ihnen und einem weiteren Geschäftsmann aus dem Orban-Umfeld verbundene Fonds rund 1 Milliarde Euro an öffentlichen Geldern erhalten haben.
Wer sich im Dorf nicht mit Fidesz arrangiert, riskiert Repressalien
Es geht aber auch weniger komplex, wie ein Besuch in Törtel zeigt, einem Dorf in der ungarischen Tiefebene, rund 1,5 Stunden von Budapest entfernt. Dort treffen wir Ferenc Perlaki am Rande eines Auftritts des Oppositionsführers Peter Magyar.
Perlaki war selbst unabhängiger Kandidat bei den Bürgermeisterwahlen 2024 und weiss, wie korrumpierte Macht auf lokaler Ebene funktioniert.
Das geht ganz einfach: Wer sich nicht gut mit den lokalen Fidesz-Behörden stellt, riskiert Schaden zu nehmen. Wie die unabhängige Bäckerei im Dorf, die den Kindergarten mit Brot versorgt hatte. Als nach den Wahlen ruchbar wurde, dass die Betreiber nicht Fidesz gewählt hatten, wurde ihnen der Auftrag entzogen. Wenig später musste die Bäckerei den Laden dichtmachen, erzählt Perlaki.
Der Grund, dass dieses System nach Jahren nun Risse bekommt, ist, dass die grundlegenden Funktionen des Staates mehr und mehr zusammenbrechen. Das bestätigt uns auch die Frau von Perlaki, eine Deutsch-Ungarin, die vor einigen Jahren aus Deutschland in die Heimat ihrer Eltern zurückgekehrt ist. Als ihr Sohn im Teenageralter kürzlich ins Spital in der nächstgelegenen Stadt musste, hätten sie ihm nämlich nicht nur das Essen mitbringen müssen. Sondern auch das Toilettenpapier. Dies, weil es im Spital selbst keines gab. Und das in einem Land der Europäischen Union, fügt sie an. (aargauerzeitung.ch)
