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A demonstrator wearing the mask depicting former Greek Finance Minister Yanis Varoufakis takes part in a protest outside the European Central Bank headquarters in Frankfurt, Germany, July 16, 2015. The European Central Bank could be forced by time constraints to delay a funding boost for Greek lenders, a key step towards their reopening, as it waits for Europe to agree a financial backstop that ensures Athens can repay its debts. The text reads 'Debt haircut now!   REUTERS/Kai Pfaffenbach

Demonstranten vor dem Gebäude der EZB in Frankfurt. Bild: KAI PFAFFENBACH/REUTERS

Das Buch, das Wolfgang Schäuble grün und blau ärgert

Als griechischer Finanzminister ist Yanis Varoufakis zurückgetreten. Sein Buch «Der Globale Minotaurus» ist für die deutsche Wirtschaftspolitik nach wie vor ein Stachel im Fleisch.



Die unbeugsame Härte Deutschlands gegenüber Griechenland überrascht und irritiert gleichzeitig. Was reizt die deutsche Polit- und Wirtschaftselite bis aufs Blut? Eine Antwort könnte in den Thesen liegen, die der zurückgetretene griechische Finanzminister in seinem Buch «Der Globale Minotaurus» vertritt. 

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Das Buch, das die Deutschen auf die Palme bringt.

Das Buch ist 2011 erschienen und befasst sich mit der neuen Weltordnung nach der Krise von 2008. Varoufakis geht dabei von folgenden Grundannahmen aus: Wir leben am Ende eines Zyklus' und brauchen eine neue Ordnung der Weltwirtschaft. Damit diese neue Ordnung funktioniert, braucht es einen Mechanismus für das Recycling von Überschüssen, abgekürzt GMÜR. 

Haltet mir den Griechen vom Leibe!

Dieser GMÜR steht für alles, was der deutschen Wirtschaftslehre zuwider ist. Der so genannte Ordoliberalismus setzt nämlich auf die «schwäbische Hausfrau», will heissen: Jedes Land hat die Pflicht, für Ordnung im eigenen Haus zu sorgen. Exporte und Importe haben damit nichts zu tun. In einem Kommentar in der «Financial Times» stellt sich Giles Wilkes vor, dass der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble allein beim Begriff «Recycling von Überschüssen» in Rage gerät und ausruft: «Haltet mir die Griechen und ihren GMÜR vom Leibe.» 

epa04621567 Performers wearing masks depicting Greek Premier Alexis Tsipras (L), German Finance Minister Wolfgang Schäuble (C) and German Chancellor Angela Merkel (R), as protesters gather outside the parliament in a rally in solidarity with the Greek government for the negotiations with the country's international lenders, in Athens, Greece, 15 February 2015. Thousands of people gathered at Syntagma Square in central Athens in order to protest against EU-austerity policy while EU Finance ministers of the Eurogroup are going to  meet on 16 February in Brussels, Belgium, for a discussion of the Greek situation.  EPA/ORESTIS PANAGIOTOU

Wolfgang Schäuble als Karikatur eines sadistischen Arztes. Bild: EPA/ANA-MPA

Die Idee für einen GMÜR stammt nicht von Varoufakis, sondern von John Maynard Keynes. Der wohl bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts hat bei der Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944 vorgeschlagen, einen Mechanismus einzuführen, der Länder bestraft, die längere Zeit einen notorischen Exportüberschuss erzielen. 

«Genau wie die Amerikaner auf ihren Überschüssen beharrten, verlangte Deutschland, der Maastricht-Vertrag dürfe keinen expliziten Mechanismus zum Überschussrecycling beinhalten.»

Yanis Varoufakis

Keynes vertrat dabei die These, wonach solche Exportüberschüsse letztlich nichts anderes seien als das Absaugen der Nachfrage von anderen Ländern. Um niemanden zu benachteiligen, müssten die Leistungsbilanzen der Länder langfristig im Gleichgewicht sein. 

Die Amerikaner wollten jedoch von dieser These nichts wissen. Ihre Wirtschaft war nach dem Krieg intakt. Sie hatten deshalb ein Interesse daran, zu exportieren. Als Gegenleistung investierten sie in den besiegten Mächten Deutschland und Japan und sorgten so dafür, dass deren Wirtschaft wieder auf die Beine kam. 

Deutschland löst die USA als Exportmaschine ab

Gegen Ende der 80er-Jahre verwandelte sich die ehemalige Exportmacht USA allmählich in ein Importland und wurde schliesslich zum «Konsumenten in letzter Instanz». Will heissen: Die Amerikaner kauften die billigen Produkte aus China und sorgten damit für das chinesische Wirtschaftswunder. In Europa übernahm Deutschland die Rolle der USA als Exportmaschine. 

«Genau wie die Amerikaner auf ihren Überschüssen beharrten, verlangte Deutschland, der Maastricht-Vertrag dürfe keinen expliziten Mechanismus zum Überschussrecycling beinhalten», schreibt Varoufakis. 

Innerhalb von Europa werden die Überschüsse nicht recycelt

Deutschland ist ein traditionelles Exportland. Doch seit Beginn dieses Jahrhunderts haben die Überschüsse massiv zugenommen. Einst bewegten sie sich im Rahmen von ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), heute liegen sie zwischen sechs und sieben Prozent des BIP. 

«Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens erinnert daran, einen kollabierten Marathonläufer mit Gewalt zum Weiterrennen zu zwingen. Noch mehr solches Verhalten, und das Buch von Varoufakis wird noch viele Auflagen erleben.»

Giles Wilkes, «Financial Times»

Diese gewaltigen Überschüsse werden innerhalb von Europa zu einer ebenso gewaltigen Belastung, denn anders als in den Vereinigten Staaten gibt es keinen innereuropäischen GMÜR. In den USA werden Altersvorsorge und Sozialversicherungen national geregelt, was gleichbedeutend mit einem Überschussrecycling ist. Zudem werden grosse Staatsaufträge oft mit Auflagen erteilt. Wenn Boeing beispielsweise Kampfjets für die Armee bauen will, dann muss das Unternehmen Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schaffen. 

Former Greek Finance Minister Yanis Varoufakis reacts during a parliamentary session in Athens, Greece July 15, 2015. Prime Minister Alexis Tsipras battled to win lawmakers' approval on Wednesday for a bailout deal to keep Greece in the euro and avoid bankruptcy, as the IMF pressured Greece's creditors to provide massive debt relief for its crippled economy.    REUTERS/Christian Hartmann

Hat die Krise kommen sehen: Yanis Varoufakis. Bild: CHRISTIAN HARTMANN/REUTERS

In Europa fehlen ähnliche Mechanismen. Der Euro verhindert gleichzeitig, dass ein Ausgleich über die Währung erfolgen kann. Das Resultat beschreibt Varoufakis wie folgt: «Ohne einen effektiven Mechanismus zum Überschussrecycling ist eine Währungsunion tektonischen Beben ausgesetzt, die schliesslich grosse Risse erzeugen, bis die Union zerbricht.» 

Das grosse So-tun-als-ob

Diese Zeilen scheinen sich jetzt zu bewahrheiten. Obwohl erneut ein Hilfspaket mit Griechenland geschnürt worden ist, glaubt kaum jemand daran, dass dies eine tragbare Lösung sein könnte. Die Situation erinnert an die ehemalige Sowjetunion. Dort galt bekanntlich folgendes Bonmot: Die Arbeiter tun so, als ob sie arbeiten, und die Unternehmen so, als ob sie sie dafür bezahlen würden. 

Giles Wilkes hält nicht allzu viel von Varoufakis’ Buch. Seiner Grundthese jedoch stimmt er zu: «Ohne zusätzliche externe Nachfrage ist es der Eurozone nicht gelungen, innerhalb der eigenen Grenzen genügend Nachfrage zu erzeugen. Die Krise ist die unausweichliche Konsequenz. (...) Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens erinnert daran, einen kollabierten Marathonläufer mit Gewalt zum Weiterrennen zu zwingen. Noch mehr solches Verhalten, und das Buch von Varoufakis wird noch viele Auflagen erleben.» 

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Der mythische Minotaurus.  bild: PD

Was ist eigentlich ein Minotaurus?

Ach ja, was hat das alles mit einem Minotaurus zu tun? Gemäss griechischer Mythologie war diese Mischung aus Mensch und Stier eine Strafe für König Minos aus Kreta. Er brach gegenüber den Göttern ein Versprechen. Zur Strafe wurde seine Frau schwanger vom in einen Stier verwandelten Zeus und gebar den Minotaurus. Dieser hatte die unangenehme Eigenschaft, dass man ihm jedes Jahr sieben Knaben und sieben Jungfrauen zum Frass vorwerfen musste. 

Die Opfer stammten aus Athen, das von Kreta beherrscht wurde. Schliesslich gelang es den Athenern, das kretische Joch abzuwerfen und den Minotaurus zu töten. Ähnliches erhoffen sich die Griechen heute von den Deutschen. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Crecas 22.07.2015 10:47
    Highlight Highlight @ Peter Gasser: Auf sollten die Quellen erkennbar sein: Statistisches Bundesamt, Oxford Economics zusammengetragen von BCA. Das gleiche Bild zeigt sich auch mit Blick auf den Konsum:
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    • The Writer Formerly Known as Peter 22.07.2015 11:02
      Highlight Highlight Das wäre dann von hier? https://www.destatis.de/ Besten Dank! Werde ich mal studieren, wenn es wieder etwas kühler ist ;)
  • Crecas 21.07.2015 23:44
    Highlight Highlight Die Härte von Deutschland irritiert den geneigten Beobachter nicht. Genau so wenig die noch härtere Haltung von vielen anderen Euro Länder (dieser Aspekt passt nicht in die Polemik von Herr Löpfe und wird darum einfach ausgeklammert).

    Was die Bürger und Politiker (nicht nur die Wirtschaftselite... Hallo billige Polemik) dieser Länder hart ggü. Griechenland sein lässt, ist der Unwillen zur radikalen Aufgabe von Privilegien, welche die Bürger der Kreditorenländer auch nicht haben, die Griechen allerdings nicht aufgeben wollen. Darum kann ich das Verhalten der Euro Staaten gut verstehen.

    Symbolisch dazu: Entwicklung der Real Löhne von Deutschland und Griechenland im Vergleich (seit Einführung des Euros):
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    • Philipp Löpfe 22.07.2015 08:44
      Highlight Highlight Die idiotische Agenda 2010 hat genau dieses Ungleichgewicht erzeugt und die Deutschen bitter und die Europäer arm gemacht.
    • The Writer Formerly Known as Peter 22.07.2015 08:48
      Highlight Highlight @Grecas: Hast du dazu einen Link? Weil ich hinterfrage erstmal jede Grafik. Was man aber sieht, den raschen Anstieg der Löhne in Griechenland bis 2009, dem Jahr der Krise, danach der Rückgang auf ein "verträgliches" Niveau. Ein aktuelles Beispiel: Ein 45jähriger studierter Elektroingenieur (mit Masterabschluss) in Deutschland erhält (nach Steuern) gerade einmal 45'000€/a erhält. Da stimmt doch was nicht?
    • phreko 22.07.2015 10:05
      Highlight Highlight Hart, wenn 3 Absätze plus eine Grafik in einem Satz plattgemacht werden können.
    Weitere Antworten anzeigen
  • The Writer Formerly Known as Peter 21.07.2015 22:19
    Highlight Highlight Man kann keine Mehrheit dazu zwingen etwas zu tun, was diese nicht möchten. Ich unterstütze die Thesen von Varoufakis. Tatsache ist aber auch, dass die Linken keine Mehrheit haben. Wenn man Hilfe braucht, kann man keine Bedingungen diktieren. Es gab heute ein Interview im Spiegel. So langsam scheint sich auch Paul Krugmann von der griechischen Regierung abzuwenden.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-krugman-enttaeuscht-von-syriza-a-1044411.html
    • _kokolorix 22.07.2015 00:20
      Highlight Highlight das hat nichts mit mehrheit zu tun. auch die nazis hatten zu ihrer zeit eine mehrheit hinter sich. das ist das ergebnis einer unehrlichen berichterstattung der medien, vor allem der presse und des fernsehens als hauptsächliche informanten der breiten bevölkerung. während die propaganda des dritten reiches staatlich gesteuert war, ist sie heute das ergebnis der absoluten abhängikeit von potenten werbekunden. das sind fast ausschliesslich grosskonzerne, banken und versicherungen. diese werden profitieren, auch wenn die wirtschaft von deutschland schliesslich einbricht. die schulden von griechenland haben sie bereits in die tasche gesteckt und lassen das jetzt die steuerzahler berappen. nachher treiben sie einfach das nächste land in die pleite und versuchen das spiel noch einmal. irgendwann wird auch china gezwungen sein seine abnehmer vor dem bankrott zu bewahren. erst dann ist der kreislauf zuende. aber bis dahin haben alle wesentlichen leute eine griechische insel günstig gekauft und eine privatarmee angeheuert um diese vor den verarmten zu schützen. so geht das.
    • stadtzuercher 22.07.2015 00:22
      Highlight Highlight gasser, wenn das so wie jetzt nach dem willen von deutschland geht, dann werden bei den nächsten wahlen in griechenland die rechtsradikalen/nationalistischen parteien morgenröte sehen, das ist ja offensichtlich.
  • Olmabrotwurst 21.07.2015 21:25
    Highlight Highlight hatte Deutschland nicht schon mal ein Problem wegen so einem Weltanschauungs Buch?

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