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Demonstranten vor dem Gebäude der EZB in Frankfurt.
Demonstranten vor dem Gebäude der EZB in Frankfurt.Bild: KAI PFAFFENBACH/REUTERS

Das Buch, das Wolfgang Schäuble grün und blau ärgert

Als griechischer Finanzminister ist Yanis Varoufakis zurückgetreten. Sein Buch «Der Globale Minotaurus» ist für die deutsche Wirtschaftspolitik nach wie vor ein Stachel im Fleisch.
21.07.2015, 20:5222.07.2015, 08:44

Die unbeugsame Härte Deutschlands gegenüber Griechenland überrascht und irritiert gleichzeitig. Was reizt die deutsche Polit- und Wirtschaftselite bis aufs Blut? Eine Antwort könnte in den Thesen liegen, die der zurückgetretene griechische Finanzminister in seinem Buch «Der Globale Minotaurus» vertritt. 

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Das Buch, das die Deutschen auf die Palme bringt.
Das Buch, das die Deutschen auf die Palme bringt.

Das Buch ist 2011 erschienen und befasst sich mit der neuen Weltordnung nach der Krise von 2008. Varoufakis geht dabei von folgenden Grundannahmen aus: Wir leben am Ende eines Zyklus' und brauchen eine neue Ordnung der Weltwirtschaft. Damit diese neue Ordnung funktioniert, braucht es einen Mechanismus für das Recycling von Überschüssen, abgekürzt GMÜR. 

Haltet mir den Griechen vom Leibe!

Dieser GMÜR steht für alles, was der deutschen Wirtschaftslehre zuwider ist. Der so genannte Ordoliberalismus setzt nämlich auf die «schwäbische Hausfrau», will heissen: Jedes Land hat die Pflicht, für Ordnung im eigenen Haus zu sorgen. Exporte und Importe haben damit nichts zu tun. In einem Kommentar in der «Financial Times» stellt sich Giles Wilkes vor, dass der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble allein beim Begriff «Recycling von Überschüssen» in Rage gerät und ausruft: «Haltet mir die Griechen und ihren GMÜR vom Leibe.» 

Wolfgang Schäuble als Karikatur eines sadistischen Arztes.
Wolfgang Schäuble als Karikatur eines sadistischen Arztes.Bild: EPA/ANA-MPA

Die Idee für einen GMÜR stammt nicht von Varoufakis, sondern von John Maynard Keynes. Der wohl bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts hat bei der Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944 vorgeschlagen, einen Mechanismus einzuführen, der Länder bestraft, die längere Zeit einen notorischen Exportüberschuss erzielen. 

«Genau wie die Amerikaner auf ihren Überschüssen beharrten, verlangte Deutschland, der Maastricht-Vertrag dürfe keinen expliziten Mechanismus zum Überschussrecycling beinhalten.»
Yanis Varoufakis

Keynes vertrat dabei die These, wonach solche Exportüberschüsse letztlich nichts anderes seien als das Absaugen der Nachfrage von anderen Ländern. Um niemanden zu benachteiligen, müssten die Leistungsbilanzen der Länder langfristig im Gleichgewicht sein. 

Die Amerikaner wollten jedoch von dieser These nichts wissen. Ihre Wirtschaft war nach dem Krieg intakt. Sie hatten deshalb ein Interesse daran, zu exportieren. Als Gegenleistung investierten sie in den besiegten Mächten Deutschland und Japan und sorgten so dafür, dass deren Wirtschaft wieder auf die Beine kam. 

Deutschland löst die USA als Exportmaschine ab

Gegen Ende der 80er-Jahre verwandelte sich die ehemalige Exportmacht USA allmählich in ein Importland und wurde schliesslich zum «Konsumenten in letzter Instanz». Will heissen: Die Amerikaner kauften die billigen Produkte aus China und sorgten damit für das chinesische Wirtschaftswunder. In Europa übernahm Deutschland die Rolle der USA als Exportmaschine. 

«Genau wie die Amerikaner auf ihren Überschüssen beharrten, verlangte Deutschland, der Maastricht-Vertrag dürfe keinen expliziten Mechanismus zum Überschussrecycling beinhalten», schreibt Varoufakis. 

Innerhalb von Europa werden die Überschüsse nicht recycelt

Deutschland ist ein traditionelles Exportland. Doch seit Beginn dieses Jahrhunderts haben die Überschüsse massiv zugenommen. Einst bewegten sie sich im Rahmen von ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), heute liegen sie zwischen sechs und sieben Prozent des BIP. 

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«Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens erinnert daran, einen kollabierten Marathonläufer mit Gewalt zum Weiterrennen zu zwingen. Noch mehr solches Verhalten, und das Buch von Varoufakis wird noch viele Auflagen erleben.»
Giles Wilkes, «Financial Times»

Diese gewaltigen Überschüsse werden innerhalb von Europa zu einer ebenso gewaltigen Belastung, denn anders als in den Vereinigten Staaten gibt es keinen innereuropäischen GMÜR. In den USA werden Altersvorsorge und Sozialversicherungen national geregelt, was gleichbedeutend mit einem Überschussrecycling ist. Zudem werden grosse Staatsaufträge oft mit Auflagen erteilt. Wenn Boeing beispielsweise Kampfjets für die Armee bauen will, dann muss das Unternehmen Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schaffen. 

Hat die Krise kommen sehen: Yanis Varoufakis.
Hat die Krise kommen sehen: Yanis Varoufakis.Bild: CHRISTIAN HARTMANN/REUTERS

In Europa fehlen ähnliche Mechanismen. Der Euro verhindert gleichzeitig, dass ein Ausgleich über die Währung erfolgen kann. Das Resultat beschreibt Varoufakis wie folgt: «Ohne einen effektiven Mechanismus zum Überschussrecycling ist eine Währungsunion tektonischen Beben ausgesetzt, die schliesslich grosse Risse erzeugen, bis die Union zerbricht.» 

Das grosse So-tun-als-ob

Diese Zeilen scheinen sich jetzt zu bewahrheiten. Obwohl erneut ein Hilfspaket mit Griechenland geschnürt worden ist, glaubt kaum jemand daran, dass dies eine tragbare Lösung sein könnte. Die Situation erinnert an die ehemalige Sowjetunion. Dort galt bekanntlich folgendes Bonmot: Die Arbeiter tun so, als ob sie arbeiten, und die Unternehmen so, als ob sie sie dafür bezahlen würden. 

Giles Wilkes hält nicht allzu viel von Varoufakis’ Buch. Seiner Grundthese jedoch stimmt er zu: «Ohne zusätzliche externe Nachfrage ist es der Eurozone nicht gelungen, innerhalb der eigenen Grenzen genügend Nachfrage zu erzeugen. Die Krise ist die unausweichliche Konsequenz. (...) Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens erinnert daran, einen kollabierten Marathonläufer mit Gewalt zum Weiterrennen zu zwingen. Noch mehr solches Verhalten, und das Buch von Varoufakis wird noch viele Auflagen erleben.» 

Der mythische Minotaurus. 
Der mythische Minotaurus. bild: PD

Was ist eigentlich ein Minotaurus?

Ach ja, was hat das alles mit einem Minotaurus zu tun? Gemäss griechischer Mythologie war diese Mischung aus Mensch und Stier eine Strafe für König Minos aus Kreta. Er brach gegenüber den Göttern ein Versprechen. Zur Strafe wurde seine Frau schwanger vom in einen Stier verwandelten Zeus und gebar den Minotaurus. Dieser hatte die unangenehme Eigenschaft, dass man ihm jedes Jahr sieben Knaben und sieben Jungfrauen zum Frass vorwerfen musste. 

Die Opfer stammten aus Athen, das von Kreta beherrscht wurde. Schliesslich gelang es den Athenern, das kretische Joch abzuwerfen und den Minotaurus zu töten. Ähnliches erhoffen sich die Griechen heute von den Deutschen. 

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9 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Olmabrotwurst vs. Schüblig
21.07.2015 21:25registriert Dezember 2014
hatte Deutschland nicht schon mal ein Problem wegen so einem Weltanschauungs Buch?
2211
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