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Interview

Amerikanerin in der Schweiz: ICE-Todesopfer «sind keine Überraschung»

People confront federal agents on Wednesday, Jan. 21, 2026, in Minneapolis. (AP Photo/Angelina Katsanis)
Immigration Enforcement Minnesota
Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Bundesbeamten, Minneapolis, 21. Januar 2026.bild: Keystone
Interview

«So etwas tolerieren die Amerikaner nicht»

Der Tod von Alex Pretti und zuvor Renee Good, die beide in Minneapolis von Einwanderungsbeamten getötet wurden, löst in den USA eine Flut von Reaktionen aus. Morgan Gray, Co-Vorsitzende von Democrats Abroad Suisse Romande, im Interview.
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28.01.2026, 09:1128.01.2026, 09:32
Cynthia Ruefli

Zwei US-Bürger wurden in Minneapolis von Beamten der von der Bundesregierung entsandten Einwanderungsbehörde ICE getötet. watson hat Morgan Gray, Co-Vorsitzende von Democrats Abroad in der Romandie, um ihre Einschätzung der jüngsten Ereignisse in Minnesota gebeten.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Morgan Gray, als Amerikanerin, die in der Schweiz lebt – wie waren Ihre ersten Reaktionen auf die Ereignisse in Minneapolis?
Morgan Gray:
Diese beiden Tötungen sind entsetzlich und widern mich an. Als ich die Bilder in den Nachrichten sah, war ich völlig schockiert, aber leider nicht überrascht davon, wie sich die Dinge entwickelt haben.

Inwiefern?
Im Präsidentschaftswahlkampf 2024 machte Trump aus seinen Absichten kein Geheimnis und sprach immer wieder vom «Feind im Inneren».

«Wir wussten, dass es so kommen könnte, denn Trumps ‹innerer Feind› waren all diejenigen, die nicht so dachten wie er.»

Manchmal waren es die Linksextremen, aber im Grunde waren es all jene, die sich ihm widersetzten. Während des Wahlkampfs 2024 nahm ich seine Drohungen sehr ernst, und innerhalb von Democrats Abroad arbeiteten wir unermüdlich daran, seine Wiederwahl zu verhindern und nicht erneut in eine solche Situation zu geraten.

Während der Wahlnacht im November 2024 glaubten in Genf viele Demokraten, Trumps zweite Amtszeit würde schlimmer werden als seine erste, weil sie besser organisiert sei. Teilten Sie diese Befürchtung?
Ich glaube nicht, dass sie besser organisiert ist, aber vor über einem Jahr sahen und hörten wir Aussagen vieler Republikaner aus seiner vorherigen Regierung, die nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollten.

«Wir wurden schon unzählige Male gewarnt.»

Diejenigen Republikaner, die seine Neigungen im Zaum halten konnten, gehören nicht mehr zu seinem Gefolge, was ihn gefährlicher macht.

Die Trump-Regierung scheint gezielt demokratisch regierte Bundesstaaten ins Visier zu nehmen, indem sie die Einwanderungsbehörde dort einsetzt. Was ist Ihrer Meinung nach die politische Agenda hinter diesen Aktionen?
Trump will die Bevölkerung destabilisieren und terrorisieren. Der Bundesstaat Minnesota ist überwiegend demokratisch, ebenso wie Kalifornien, und auch Illinois, wo ich herkomme, wurde von Trump ins Visier genommen.

«Ich glaube, seine Idee ist es, Chaos zu stiften, indem er die Bevölkerung an ihre Grenzen treibt.»

Indem er eine heftige Reaktion der Bürger provoziert, kann er die Machtergreifung auf autoritäre Weise rechtfertigen. Bei Democrats Abroad gibt es viele Mitglieder mit Freunden und Familie in Minneapolis; sie berichten, dass die Menschen dort aus Angst vor Verhaftung ständig ihre Pässe bei sich tragen. Unglaublich, oder?

«So etwas tolerieren die Amerikaner nicht – diese Situation ist surreal.»

Die Behörden von Minneapolis fordern den Rückzug der Einwanderungsbehörde. Halten Sie diese Reaktion für angemessen?
Ja. Ich möchte alle daran erinnern, dass es in unserem Land Gesetze gibt und dass es die Aufgabe von Politikern ist, in erster Linie nach legalen Lösungen zu suchen. Die Behörden beantragen beispielsweise Haftbefehle bei den ICE-Beamten. Sie appellieren an Richter, Menschen zu schützen, die von den Einwanderungsbehörden angegriffen werden. Ich möchte ausserdem hinzufügen, dass die Menschen im Mittleren Westen sehr widerstandsfähig sind. Die Winter dort sind bekanntlich hart, die Temperaturen können bis auf gefühlte –40 °C sinken, und dieses Klima fördert auch den Zusammenhalt der Bevölkerung. Wenn man sieht, wie diese Menschen demonstrieren, sich gegen das stellen, was ich eine ausser Kontrolle geratene private paramilitärische Miliz nenne, und deren Aktionen anprangern, kann man ihnen nur Anerkennung zollen.

«Die Bürger sind mutig und riskieren ihr Leben, um die Handlungen der Bundesagenten zu dokumentieren.»
epa12678469 Protesters confront federal officers following a fatal shooting in Minneapolis, Minnesota, USA, 24 January 2026. Tensions rose in the city after federal agents fatally shot a 37-year-old r ...
Nach einer tödlichen Schiesserei kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Bundesbeamten, Minneapolis, 24. Januar 2026.bild: EPA

Aus dem Ausland betrachtet fragen sich manche: Gleiten die USA in Gewalt ab? Halten Sie diese Sorge für berechtigt?
Ja, in Bezug auf die Regierung ist sie berechtigt, aber die Protestierenden sind friedlich geblieben. Als Amerikanerin, die im Ausland lebt, verfolge ich die Ereignisse aufmerksam und weiss, dass viele weitere Menschen von der Einwanderungsbehörde ICE getötet wurden oder in Haft starben. Doch das geschieht im Verborgenen. Wir haben keine Aufnahmen dieser Tötungen, und ich denke, wir sehen nur einen Teil der Wahrheit. Nicht nur die Tötungen sind schockierend, sondern auch die Lügen der Trump-Regierung.

«Wenn man die Aussagen der Trump-Regierung hört, ohne die Bilder zu sehen, denkt man, diese Worte würden eine andere Realität beschreiben.»

Das entspricht weder den Bildern noch den Zeugenaussagen, doch das hält die Regierung nicht davon ab, die Bevölkerung zu belügen. Auch diese Lügen sind eine Form von Gewalt.

Plant Democrats Abroad konkrete Aktionen in der Schweiz als Reaktion auf diese Ereignisse?
Unsere Mitglieder verfolgen die Situation aufmerksam und erhalten Nachrichten von ihren Freunden in Minneapolis – wir möchten für sie aktiv werden. Bei Democrats Abroad tun wir dies auf verschiedene Weise. Zunächst wenden wir uns an unsere Abgeordneten, sei es im Senat und im Kongress oder auf lokaler Ebene, beispielsweise die Gouverneure. Ich komme aus Illinois und habe zwei demokratische Senatoren, die meinen Bundesstaat vertreten. Ausserdem habe ich einen republikanischen Abgeordneten für meinen Wahlkreis im Kongress.

«Ich schreibe ihnen regelmässig, um meine Unzufriedenheit auszudrücken – und vor allem, um bei Abstimmungen Druck auszuüben.»

Zum Beispiel steht demnächst eine Senatsabstimmung über die Finanzierung von Bundesbehörden wie ICE an. Ich schreibe unermüdlich E-Mails, um meinen Abgeordneten klarzumachen, wie wichtig ihr Handeln ist. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich sehr oft an den republikanischen Kongressabgeordneten schreibe, der meinen Wahlkreis vertritt. Man dürfte mich in seinem Büro mittlerweile kennen.

Sie sind also hartnäckig, nicht wahr?
Ja, aber das ist normal. Diese Leute vertreten uns, sie arbeiten für uns. Aber das ist nicht alles, was wir gerade tun. Wir ermutigen auch amerikanische Wähler mit Wohnsitz in der Schweiz, ihre Wahlunterlagen anzufordern. Das Wahlverfahren in den Vereinigten Staaten ist kompliziert: Man muss sich registrieren, wissen, in welchem Wahlbezirk man wahlberechtigt ist, und sich mit den Abläufen im Ausland auskennen.

«Die Zwischenwahlen finden im Herbst statt, aber in einigen Bundesstaaten finden bereits ab heute Vorwahlen statt.»

Zu guter Letzt verteilt Democrats Abroad Informationen und organisiert Spenden für unsere Mitbürger, denn es ist wichtig, in einer solchen Situation zusammenzuhalten.

Haben diese Ereignisse Ihre Sicht auf Ihr Land verändert?
Ich habe Ende letzten Jahres zwei Monate in Illinois verbracht, um meine Familie zu besuchen, und ich spüre, dass sich die Atmosphäre verändert hat, weil sich immer mehr Bürger gegen die Angriffe dieser Regierung organisieren. Heute sehe ich Leute, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie sich aktivistisch bemühen würden, sich zusammenschliessen, um diesem autoritären Staat entgegenzutreten.

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Minnesota Proteste gegen ICE
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24 Kommentare
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Allkreis
28.01.2026 09:32registriert Januar 2020
Der "innere Feind", die "Linksextremen" und im Grunde alle die anders denken - KLINGELINGELING - das entspricht auch unserer SVP, der grössten (!!) Partei im Lande. Ich persönlich hege keinen Zweifel, dass die SVP die allergrösste Gefahr für unsere Werte, unsere Demokratie, und unsere Gesellschaft darstellt. Ihre destruktiven Kräfte wirken sich schon heute auf extrem viele Dinge aus: Medienvielfalt, Freiheitsgefühl von Randgruppen, Existenzangst von Minderbemittelten, Ressourcenmangel im Staatswesen, Lebensmittel- und Wasserqualität, Politklientelismus, Diskussionskultur, ....
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El_Chorche
28.01.2026 09:39registriert März 2021
«So etwas tolerieren die Amerikaner nicht»

Macht aber nicht den Anschein.
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D.Enk-Zettel
28.01.2026 09:49registriert Oktober 2021
Diese Regierung zu entfernen oder im minimum auf ein erträgliches Mass zu leiten, ist eine rein innerpolitische Angelegenheit. Wenn jetzt nichts geschieht ist den Amis nicht mehr zu helfen.
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