«Der iranische Vielvölkerstaat könnte explodieren»
Hat Israel, das heisst Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, die USA in diesen Krieg gezogen?
In gewisser Weise schon. Netanyahu hat mit dem Krieg fast alle Landsleute einschliesslich der politischen Linken hinter sich geschart – ganz anders als im Gazakrieg.
Vielleicht Reza Pahlavi, der Sohn des Schahs?
Er profitiert im Westen von einer massiven Medienresonanz. Im Iran ist er aber weit davon entfernt, die Menschen hinter sich zu scharen. (aargauerzeitung.ch)
Hätte Trump nicht zuerst die Strasse von Hormus für die Erdöl- und Gastransporte sichern müssen?
Das ist gar nicht so leicht. Es ist ja nicht eine physische Sperre, sondern eine Sicherheitsbedrohung durch die Iraner. Die Schnellboote der Revolutionsgarde, vermutlich auch Kamikazeboote, können unter den Frachtern viel Schaden anrichten.
Sind die iranische Marine und die Luftwaffe wirklich weitgehend zerstört, wie Donald Trump behauptet?
Nein. Es stimmt, die Einheiten der Artesch, der regulären iranischen Armee, sind stark geschwächt. Sie kommen zwar weiter auf grosse Bestände, sind aber wegen der internationalen Sanktionen seit 1979 schlecht ausgerüstet; ihre alten amerikanischen F4-Jets haben keine Chancen gegen Kampfflugzeuge der neuen Generationen. Aber im Iran gibt es eine zweite Armee – die der Revolutionsgarden. Sie verfügen über funktionierende ballistische Raketen, die aus dem Ukraine-Krieg bekannten Shahed-Drohnen sowie die gefährlichen Schnellboote. Die Amerikaner haben vorab die Einheiten dieser islamischen Revolutionswächter im Visier, nicht die reguläre Armee.
Geht den Iranern generell bereits die Munition aus, wie es vereinzelt heisst?
Es trifft zu, die Kadenz der Drohnen-Angriffe sinkt. Aber nicht so unbedingt, weil die Drohnen ausgehen, sondern weil die Startrampen fehlen. Ungefähr 300 dieser Abschussstationen wurden per Wärmedetektoren eruiert und zerstört. Die Drohnen-Lager sind nach wie vor beträchtlich und auch erneuerbar.
Könnten die Amerikaner kurdische Bodentruppen aus dem Irak lancieren?
Das ist für Trump eine mögliche Alternative zur Entsendung amerikanischer Bodentruppen. Der Einsatz von kurdischen Milizen wäre aber sehr riskant.
Warum?
Der iranische Vielvölkerstaat könnte explodieren. Neben den Kurden im Westen gibt es auch Aserbaidschaner im Norden, dazu die Belutschen in der Nähe von Pakistan. Werden diese Völker an der Peripherie dieses riesigen Landes gestärkt, droht das Zentrum zu implodieren. Zudem könnte ein Gross-Irak entstehen.
Droht in dem Fall ein Bürgerkrieg?
Nicht ein Bürgerkrieg, sondern die Aufsplitterung des Iran. Die Folgen für die ganze Region wären unabsehbar.
Hat Israel, das heisst Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, die USA in diesen Krieg gezogen?
In gewisser Weise schon. Netanyahu hat mit dem Krieg fast alle Landsleute einschliesslich der politischen Linken hinter sich geschart – ganz anders als im Gazakrieg.
Die Israeli hatten gute Vorarbeit geleistet: Jemand sagte, die israelischen Spione kennen Teheran so gut wie Jerusalem.
Die Israeli wissen bestens Bescheid über den Iran. Und das längst nicht nur wegen der Luftüberwachung, wie sie die Amerikaner etwa in der Ukraine praktizieren. Die Israeli durchdringen die iranischen Sicherheitssysteme seit zwanzig Jahren auf höchstem Niveau. Ein Verantwortlicher der iranischen Spionageabwehr war, wie sich herausstellte, selber ein Spion des Mossad (des israelischen Auslandsgeheimdienstes, die Red.). Heute herrscht in Teheran eine regelrechte Paranoia, jeder verdächtigt jeden. Dies auch, weil es in Teheran mehrere Machtzentren gibt, die sich misstrauisch beäugen. Die grösste Macht haben die Revolutionsgarden, die Pasdaran. Sie arbeiten daran, Modschtaba Khamenei als Nachfolger seines Vaters, des neutralisierten Ayatollahs Khamenei, durchzusetzen.
Obwohl dieser Sohn gar nicht Ajatollah ist.
Genau, er ist nur Hodschatoleslam. Diese Stufe der Geistlichen steht über den Priestern, den Mullahs, aber unter den Ajatollahs. Es gibt keinen Konsens für die Ernennung des Khamenei-Sohnes. In der 88-köpfigen «Expertenversammlung» stimmten offenbar trotz der Druckversuche acht Experten gegen ihn – ein unerhörter Vorgang, der auf starke Spannungen im sogenannten «Nezam», dem System der Islamischen Republik, hindeutet.
Der Iran bombardiert die Golfstaaten, sogar Zypern und Aserbaidschan. Welche Strategie verfolgt er damit?
Wahrscheinlich die Strategie des Chaos, mangels anderer Optionen.
Will das Regime in Teheran nicht auch Trump destabilisieren, indem es den Konflikt ausweitet, was die Weltwirtschaft belastet?
Das Kalkül war wohl eher, die Golfscheichtümer dazu zu bringen, sich von den USA loszusagen. Damit verrechneten sich die Mullahs aber: Eingetreten ist das Gegenteil; die Emire scharen sich zusammen und hinter die Amerikaner.
Gibt es wieder Demonstrationen in iranischen Städten?
Bisher bleiben die Leute zuhause. Der Schrecken über die brutale Reaktion des Regimes bei den Januar-Demonstrationen sitzt tief.
Wollen die Israeli mit ihren Angriffen gegen den repressiven Apparat des Regimes – zum Beispiel Polizeiposten – das Feld für einen Aufstand des iranischen Volkes bereiten?
Es ist unklar, ob Netanjahu und Trump einen Regimewechsel erwirken wollen. Die Aussicht auf Demokratie hat nicht unbedingt Vorrang. Um ein Chaos zu vermeiden, könnten die Amerikaner eher versucht sein, einen Repräsentanten aus dem System an die Spitze zu holen.
Wer könnte das sein?
Viele potenzielle Kandidaten halten sich im Schatten und warten, um nicht des Verrats bezichtigt zu werden. Wer das sein wird, ist momentan völlig offen.
Vielleicht Reza Pahlavi, der Sohn des Schahs?
Er profitiert im Westen von einer massiven Medienresonanz. Im Iran ist er aber weit davon entfernt, die Menschen hinter sich zu scharen. (aargauerzeitung.ch)

