Die «Rich Kids» der iranischen Elite leben weit weg von den blutigen Protesten
Die Social-Media-Profile vieler Exil-Iranerinnen und -Iraner haben sich in den letzten Wochen zu regelrechten Nachrichtenportalen verwandelt. Sie wollen auf die Situation in ihrer Heimat während einer der grössten Protestwellen und der darauffolgenden Internet-Blockade aufmerksam machen. Rund 6000 Menschen sind Oppositionskreisen zufolge getötet worden. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.
Auf den Profilen von Anashid Hoseini und Sasha Sobhani fehlt jedoch jede Spur von Mitgefühl für die Situation in ihrer Heimat. Die beiden gehören zu den sogenannten «Aghazadeh» – so werden die Kinder hochrangiger Regierungsvertreter genannt. Sie profitieren von der politischen Macht ihrer Väter – hochrangige Geistliche, Minister und Sicherheitschef – und leben weit weg vom Leid im Luxus.
Diesen Luxus inszenieren Hoseini und Sobhani stolz im Internet. Hoseini ist mit dem Sohn eines ehemaligen iranischen Botschafters in Dänemark verheiratet. Auf ihren Bildern zeigt sie regelmässig teure Markenkleider, Designer-Handtaschen, Luxusreisen und Schmuck.
In der Woche, in der die jüngsten Proteste im Iran ausbrachen, postete Hoseini drei Bilder für ihre 1,7 Millionen Instagram-Follower. Zu sehen ist sie mit ihrem kleinen Sohn vor einer Villa, im Arm hält sie eine braune Birkin-Bag. Zum Bild schreibt sie: «Meine Ruhe.» Seither hat sie nichts mehr veröffentlicht. Berichten zufolge lebt sie in Niavaran, einem wohlhabenden Stadtteil im Norden Teherans. Ob sie seit den Unruhen geflohen ist, ist unklar. Laut dem britischen «Telegraph» sind viele wohlhabende Iranerinnen und Iraner in den letzten Wochen nach Van, einem beliebten Ferienort in der Türkei, rund 100 Kilometer von der Grenze entfernt, geflüchtet.
Weit weg von der Lebensrealität im Iran
Noch weiter weg, in Spanien, lebt Sasha Sobhani. Sein Vater war ehemaliger Botschafter des Iran in Venezuela. Sobhani präsentiert sich als Rapper. In aufwendig produzierten Musikvideos zeigt er sich mit leicht bekleideten Frauen. Würde er in seiner Heimat leben, drohten den Frauen Geldstrafen von mehreren Tausend Franken, Auspeitschung und Haftstrafen bis zu 15 Jahren – im besten Fall. Bei Einstufung seines Verhaltens als «Korruption auf Erden» droht gar die Todesstrafe.
Das iranische Regime fordert schon länger seine Auslieferung wegen Geldwäsche und illegaler Websites. Neben halbnackten Frauen zeigt sich der Hobby-Künstler auch gerne mit Champagner-Flaschen, Luxusautos, Jachten und bei Helikopter-Ausflügen. Gegen Sobhani läuft zudem eine Petition, die in sozialen Medien geteilt wird, um ihm die spanische Aufenthaltsbewilligung zu entziehen.
Hoseini und Sobhani sind nur zwei Beispiele von vielen jungen Iranerinnen und Iranern, die dank regimetreuer Eltern weit weg von den Repressionen ihres Heimatlandes leben. Auf dem Instagram-Account «The Rich Kids of Tehran» werden seit Jahren Bilder geteilt, die Kinder der iranischen Elite gepostet haben.
Wie Ella Rosenberg, die leitende Forscherin am Jerusalem Centre of Foreign Affairs, zur britischen «The Sun» sagt, seien viele Iranerinnen und Iraner wegen ihrer völligen Ignoranz gegenüber der Realität im Land «zutiefst wütend» auf die «Aghazadeh». Ihr Reichtum ist in den letzten Jahren besonders sichtbar geworden, weil die Regierung vor Beginn der jüngsten Unruhen die Kontrolle über Internet und soziale Medien gelockert hatte.
Hoseini, Sobhani und viele weitere leben weit von der Lebensrealität derer entfernt, die in den letzten Wochen auf die Strassen Irans gegangen sind, um gegen Missstände zu protestieren – wegen der Wirtschaftskrise, Menschenrechtsverletzungen und der Hoffnung, die islamistische Regierung endlich zu stürzen.
Die Demonstrationen wurden, wie frühere Aufstände, blutig niedergeschlagen. Seit Anfang Januar hat das Regime das Internet abgeschaltet. Seither fluten Berichte von Gräueltaten die sozialen Medien – Massenhinrichtungen ohne fairen Prozess, Exekutionen in Spitälern und auf offener Strasse, um nur einige zu nennen. Am Sonntag hat der iranische Parlamentspräsident zudem die Streitkräfte von EU-Mitgliedsländern als «terroristische Gruppen» eingestuft – dass die Kinder vieler seiner Amtskollegen inmitten dieser «Terroristen» leben, scheint ihn nicht zu stören.
