Papst oder Peking: Wer brachte Trump im Iran wirklich zum Einlenken?
«Wie wir alle wissen, hat es heute auch diese Drohung gegen das ganze iranische Volk gegeben, und das ist wirklich nicht akzeptabel», sagte Leo XIV. am Dienstagabend. Zwar hat der Papst Donald Trump auch bei dieser Gelegenheit nicht direkt beim Namen genannt, aber es war völlig klar, wen er meinte: Am gleichen Tag hatte der US-Präsident gedroht, dass «eine ganze Zivilisation untergehen» werde, falls Iran ein von ihm gesetztes Ultimatum bis am späten Abend verstreichen lasse.
Die Drohung war derart massiv, dass es europäische Politiker gab, die sogar einen US-Atomschlag gegen den Iran für möglich hielten, so etwa der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto. Und vielleicht hatte auch der Papst solche apokalyptischen Befürchtungen.
Der angedrohte Untergang der iranischen Zivilisation ist, wie man seit Dienstagnacht weiss, zumindest aufgeschoben worden: Der US-Präsident hat einem zweiwöchigen Waffenstillstand und Verhandlungen über eine Friedenslösung in letzter Minute zugestimmt. Ob und wie sehr die klaren Worte seines Landsmanns Robert Francis Prevost alias Leo XIV. den Entscheid beeinflusst haben, ist unbekannt.
Fest steht aber, dass die Stimme des ersten Papstes aus den USA in dessen Heimat viel Gehör findet, nicht nur bei den Katholiken. Nicht umsonst erinnerte Leo XIV. am Dienstag an das drohende Leid der Zivilbevölkerung im Iran: «Ich möchte alle einladen, in ihren Herzen wirklich an all die Unschuldigen zu denken: so viele Kinder und alte Leute, vollkommen unschuldig, die dieser Eskalation zum Opfer fallen würden», sagte der Papst.
Am Palmsonntag betonte der Papst bereits, dass Gott nicht für die Rechtfertigung von Kriegen instrumentalisiert werden dürfe. Genau dies tun in Washington selbsternannte Gotteskrieger wie Kriegsminister Pete Hegseth oder der zum Katholizismus konvertierte Vizepräsident JD Vance.
Insgesamt ist Papst Leo XIV. aber bisher bei all seinen Appellen im Allgemeinen geblieben und hat sich in Zurückhaltung geübt. Mit der Drohung Trumps, eine ganze Zivilisation auszulöschen, ist nun auch für den Pontifex Maximus das Fass übergelaufen.
Keinen Hehl machte Leo XIV. auch daraus, was er von einem möglichen Angriff auf iranische Kraftwerke oder Erdölanlagen durch US-Bomber hält. «Angriffe auf die zivile Infrastruktur verstossen gegen das Völkerrecht», betonte der Papst am Dienstag. Sie seien aus seiner Sicht «auch ein Zeichen des Verfluchten, der Spaltung, der Zerstörung, zu der der Mensch fähig ist».
China entdeckt sein diplomatisches Gewicht
Der Papst war indes nicht der einzige Aussenstehende, der in Sachen Iran auf den US-Präsidenten einwirkte. Als Trump die vorübergehende Waffenruhe ankündigte, zollte er überraschenderweise auch China Respekt: So soll ausgerechnet Peking die Iraner durch eine «Intervention in letzter Minute» an den Verhandlungstisch gebracht haben. So schildern es auch iranische Vertreter übereinstimmend.
Damit scheint sich eine Entwicklung zu bestätigen, die unter Staatschef Xi Jinping immer offensichtlicher wird: China, das zuvor äusserst vorsichtig und risikoavers auf dem aussenpolitischen Parkett agiert hat, möchte nun verstärkt seinen diplomatischen Einfluss geltend machen.
Doch grosses Aufsehen möchte man offensichtlich machen. Beim chinesischen Aussenministerium hielt man sich am Mittwoch auffällig bedeckt. So sagte Sprecherin Mao Ning lediglich, die Volksrepublik habe die Vermittlungsbemühungen durch Pakistan und andere Länder unterstützt und sich stets für eine Feuerpause eingesetzt.
Tatsächlich dringen nur wenig Informationen aus dem chinesischen Regierungsapparat über dessen diplomatische Aktivitäten in Nahost an die Öffentlichkeit. Aber es dürfte ausser Frage stehen, dass das Intervenieren Chinas vor allem die eigenen nationalen Interessen absichern sollte.
Einerseits ist Peking keineswegs ein neutraler oder idealistischer Player. «China hilft dem Iran dabei, sein Raketenprogramm wieder aufzubauen», hiess es etwa zuletzt in einem aktuellen Bericht des Washingtoner «Institute for the Study of War».
Und bereits seit Jahren hat die Volksrepublik rund 90 Prozent des Rohöls, welches der Iran exportiert, zuverlässig abgekauft – und damit dem Mullah-Regime eine wirtschaftliche Absicherung geboten. Auch die Technologie, mit der Teheran das eigene Internet zensiert und seine Bevölkerung überwacht, dürfte zu erheblichen Teilen aus China stammen.
Doch während China seinen strategischen Verbündeten Iran offensichtlich unterstützt, hat es gleichzeitig kein Interesse an einem ausser Kontrolle geratenen Krieg. Würde nämlich Trump seine Drohung wahrmachen, die Energieinfrastruktur des Irans nieder zu bomben, würde dies auch China als Abnehmer des Rohöls treffen. Zudem würde der Krieg langfristig auch den globalen Konsum schwächen, insbesondere in Europa – dem wichtigsten Importeur chinesischer Waren. (aargauerzeitung.ch)
