Der Iran-Deal ist ein sehr kleines Pflästerli für eine sehr grosse Wunde
Nach der Nachricht über den Waffenstillstand zwischen den USA und Israel und dem Iran liess der Ölpreis schlagartig nach, auf deutlich unter 100 US-Dollar pro Barrel (bei der Referenz-Sorte Brent). So tief war der Ölpreis seit Tagen nicht mehr. Gleichzeitig erfreuten sich sämtliche Börsen weltweit über kräftige Zuschläge. Der Swiss Market Index (SMI) schnellte nach der Eröffnung gegen 9.15 Uhr um 3,4 Prozent auf 13'226 Punkte nach oben.
Es scheint also eine gewisse Zuversicht zu herrschen, dass das Schlimmste in diesem Krieg überstanden ist.
Doch die Realität, zumindest die ökonomische, ist eine andere.
Gewiss, der Waffenstillstand verkörpert zunächst eine lang ersehnte Pause: keine weitere Eskalation, keine weiteren Beschädigungen an Öl- und Gasanlagen im Nahen Osten und vor allem keine weiteren (zivilen) Opfer im Iran.
Und auch die Zuversicht an den Märkten hat ihre validen Gründe: Seit geraumer Zeit war klar, dass sich die hohen Energiepreise stark inflationär auswirken würden. Die Aussicht auf eine mögliche Öffnung der Strasse von Hormus und eine damit verbundene Entspannung auf dem Energiemarkt ist für die Märkte ein enormes Signal.
Allerdings liegt hier bereits der erste Hund begraben. Denn es ist alles andere als sicher, dass sämtliche Öltanker die Strasse von Hormus wieder passieren können. Denn anders, als es US-Präsident Trump verkaufen will, liegt die Kontrolle über die wichtige Meerenge weiterhin in den Händen des iranischen Regimes – und aktuell ist die Strasse von Hormus erneut nicht passierbar.
Nach Ankündigung der Waffenruhe liess Aussenminister Abbas Araghtschi zwar verlauten, dass der Schiffsverkehr für den weltweiten Ölhandel wieder geöffnet werde. Gleichzeitig stellte er klar, dass er die Strasse von Hormus als sein wichtigstes Druckmittel jedoch nicht aufgeben würde: «Für einen Zeitraum von zwei Wochen wird eine sichere Durchfahrt durch die Strasse von Hormus in Abstimmung mit den iranischen Streitkräften und unter Berücksichtigung technischer Einschränkungen möglich sein», schrieb Araghtschi auf X.
Es ist ungewiss, welche «Einschränkungen» genau gemeint sind. Der Iran könnte zudem auch eine Art Gebühr für die Durchfahrt von Schiffen verlangen, wie die iranische Nachrichtenagentur Tasnim verlauten liess. Das wiederum dürften die Amerikaner und ihre Alliierten nicht akzeptieren. Es ist nur einer von vielen Punkten, von denen im Detail noch nicht klar ist, wie sich die beiden Länder – und Israel – genau einigen würden.
Die Unsicherheit bleibt hoch
Dass diese Unsicherheiten nach wie vor existieren, bildet der Ölpreis bislang deutlich besser ab als die euphorischen Börsenmärkte. Während sich zum Beispiel der SMI bereits wieder auf dem Niveau von Anfang Februar bewegt, ist dies beim Ölpreis längst nicht der Fall: Zwar sank der Preis für ein Barrel Brent-Öl um etwa 15 Prozent – der grösste Einbruch innerhalb eines Tages seit den 1970er Jahren –, allerdings liegt er derzeit noch immer über 90 US-Dollar. Damit befindet er sich weit weg von den 60 bis 70 US-Dollar pro Barrel, um die er zuvor geschwankt ist.
Etwas besser sieht es beim Erdgas aus, das besonders in Europa von grosser Bedeutung ist: Die europäischen Erdgas-Futures (Terminkontrakte) fielen am Mittwoch um mehr als 20 Prozent auf unter 45 Euro pro Megawattstunde – den niedrigsten Stand seit fünf Wochen.
Nehmen wir an, der Iran würde die Strasse von Hormus tatsächlich öffnen und sämtliche Tanker könnten sie passieren. Das würde es Ölexporteuren aus dem Nahen Osten erlauben, endlich riesige Mengen auf den Schiffsweg und damit auf den Markt zu bringen.
Nach Angaben des Analyseunternehmens Kpler wurde die Rohölförderung seit Ausbruch des Krieges um rund 11 Millionen Barrel pro Tag gedrosselt, die Exportmengen aus der Golfregion des Nahen Ostens sind von 15 Millionen auf etwa 7 Millionen Barrel pro Tag gesunken. Und noch immer schwimmen über 800 blockierte Tanker auf See, geladen mit über Hunderten von Millionen Barrel Rohöl.
Besonders asiatischen Ländern, die bereits teils drastische Produktionskürzungen in Kauf nehmen mussten, würde ein Herauffahren der Exportmenge eine lang ersehnte Verschnaufpause ermöglichen. Allerdings: «Die Tanker aus dem Golf zu holen, ist eine Sache; Reeder und Befrachter davon zu überzeugen, die Schiffe wieder dorthin zu schicken, ist eine ganz andere», erklärt ein Reuters-Kolumnist.
Viele Reeder dürften sich eine Rückkehr in die Region zu den derzeit noch sehr unsicheren Umständen zweimal überlegen. Demnach könnten ihre Schiffe und Besatzungen erneut festsitzen, sollten die Feindseligkeiten wieder aufflammen.
Jahrelange Erholung
Und das ist noch längst nicht alles: Wie zahlreiche Experten in den vergangenen Wochen gewarnt hatten, bleiben selbst bei einer sofortigen Öffnung der Strasse von Hormus solch substanzielle Umbrüche vor allem im globalen Energiemarkt, dass die Welt die Erschütterungen wohl noch monatelang spüren wird.
Denn neben dem Problem mit den Öltransporten dürfen die Zerstörungen an zahlreichen Öl- und Gasanlagen nicht vergessen gehen. Sie bedeuten: Ein Grossteil der Produktion von Rohöl und Erdgas dürfte so schnell nicht zurückkommen.
Ein zweiwöchiger Waffenstillstand würde es zwar ermöglichen, einige Öl- und Erdgastanker aus der Strasse von Hormus auf den Markt zu bringen, sagt Saul Kavonic, Leiter der Energieforschung beim Analyseunternehmen MST Marquee gegenüber Reuters. «Das würde im Mai zu einer gewissen Entlastung des Marktdrucks führen.» Kavonic sagt aber auch: «Dies führt nicht zu einer höheren Produktion, sondern lediglich zu einer Freigabe von Lagerbeständen auf See.»
Denn die beschädigte Energie-Infrastruktur in für die globale Versorgung wichtigen Ländern wie Katar, Kuwait oder Saudi-Arabien ist so schnell nicht aufgebaut. Analyst Kavonic sagt: «Mittelfristig könnte der Ölmarkt [...] aufgrund von Schäden an der Exportinfrastruktur und der Notwendigkeit, die erschöpften Lagerbestände wieder aufzufüllen, um drei bis fünf Millionen Barrel pro Tag knapper ausfallen, als vor dem Krieg erwartet» – und dies während einiger Jahre, so Kavonic.
«Selbst wenn der kürzlich verkündete Waffenstillstand hält und der Krieg bald endet, könnte es bis zu fünf Jahre dauern, bis die zerstörte Infrastruktur wieder aufgebaut ist», glaubt auch der Ökonom Henry Tugendhat in Foreign Affairs.
Dem pflichtet Tom Marzec-Manser, Europa-Direktor für Gas und Flüssiggas (LNG) beim Beratungsunternehmen Wood Mackenzie, bei. Er sagt gemäss der Nachrichtenagentur AWP, grundsätzlich habe sich bisher wenig geändert: «Abgesehen von den im Golf festsitzenden, beladenen LNG-Tankern – die möglicherweise immer noch Schwierigkeiten haben werden, abzufahren, wenn die Strasse nicht wirklich geöffnet ist – ist die Wiederinbetriebnahme von Katars Ras Laffan das Entscheidende», so Marzec-Manser, der sich auf den weltgrössten Hub für flüssiges Erdgas (LNG) bezieht, der in den letzten Wochen durch Angriffe beschädigt wurde.
Steht ein Aussetzen der Angriffe auf ihre Anlagen nicht felsenfest, dürften die Golfstaaten zögern, ihre beschädigten Anlagen sofort zu reparieren. Denn allein die Wiederaufnahme der Produktion in den Ölfeldern gilt als komplexes, zeitintensives Unterfangen, das im besten Fall Wochen dauert. Zudem dürfte die Instandsetzung von Raffinerien, Ölfeldern und Exportterminals, die durch Raketen- und Drohnenangriffe beschädigt wurden, Monate, in manchen Fällen sogar Jahre in Anspruch nehmen, glaubt der Reuters-Kolumnist.
Die Inflation wird kommen
Das alles führt dazu, dass die Ölpreise weiterhin und wohl noch eine lange Zeit über dem «Normalpreis» liegen werden. Wie stark der Effekt auf die Preisinflation einer gesamten Wirtschaft ist, hängt von vielen weiteren Umständen ab. Eine Faustregel besagt jedoch: Bleiben die Ölpreise während eines halben Jahres auf 10 Prozent über ihrem normalen Niveau, steigt die Inflation in Industriestaaten alleine deshalb um 0,2 Prozentpunkte. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs ist der Ölpreis um bis zu 40 Prozent gestiegen.
Doch in diesem Fall sind nicht nur Öl und Gas entscheidend. Aufgrund der Lieferverzögerungen oder drastischen Kürzungen des Angebots steigen derzeit auch die Preise von Düngemitteln – was global zu Preissteigerungen von Nahrungsmitteln führen wird –, von Komponenten in der Plastikherstellung, von Helium, Schwefelsäure und Aluminium – alles entscheidende Bausteine in der Industrie.
Ob es also weiterhin zu Preissteigerungen kommt, steht auch nach dem – zutiefst unsicheren – Waffenstillstand fest. Die Frage ist, wann sie eintreten und wie stark sie ausfallen. Preissteigerungen führen meistens zu einem Anheben der Leitzinsen durch die Nationalbanken. In den USA sind die Hoffnungen der Investoren auf eine Leitzinssenkung – sie war vor dem Krieg erwartet worden – bereits zurückgekehrt. Solche Hoffnungen erscheinen angesichts der Zeit, die es dauern wird, bis die Energiemärkte sich vollständig erholt haben, verfrüht.
Donald Trump rechnete nach der Einigung mit dem Iran mit einem grossen wirtschaftlichen Gewinn: «Es wird viel Geld verdient werden», frohlockte er auf seiner Plattform Truth Social. Das gilt wahrscheinlich zunächst für Investorinnen und Anleger an der Börse – viele davon dürften Spekulanten sein –, die am Mittwoch enorm zugelegt hat.
Doch die Euphorie der Märkte vergisst: Die Weltwirtschaft ist durch den von Trump losgetretenen Krieg verwundet – egal, ob er heute zu Ende geht oder nicht. Die Wunde dürfte zumindest an den Energiemärkten zu einer «jahrelangen Narbe» verkommen. Der jetzt beschlossene Waffenstillstand ist derzeit nicht mehr als ein zu kleines Pflaster auf einer zu grossen Wunde.
Konkrete Prognosen zur Preisentwicklung wollten auch die grossen Tankstellenbetreiber der Schweiz auf Anfrage nicht machen. Für den Preis an der Tankstelle spielten neben dem Rohölpreis auch noch Faktoren wie der lokale Wettbewerb, Abgaben, Steuern, Standortkosten oder Wechselkurse eine Rolle, ergänzte Matthias Hübscher, Geschäftsführer der Tankstellen von Volenergy.
Durch den derzeit tiefen Wasserstand am Rhein ist auch kein zusätzlicher Preisschub zu erwarten. Die Schweiz importiert Treibstoffe bekanntlich zu einem grossen Teil per Schiff über die Basler Rheinhäfen. Am heutigen Mittwoch kostete der Transport 33.50 Franken je Tonne, schreibt der TCS. Dies sind zwar 1.50 Franken mehr als am Vortag, es liege aber immer noch im «normalen Rahmen». (sda)
