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Kriegsweihnacht im Heiligen Land: Mehr Pflicht als Freude

Jerusalem A woman prays at the Church of the Holy Sepulchre (Church of the Resurrection) on December 14, 2023, in Jerusalem, Israel. In solidarity with the suffering in Gaza due to the Israel-Hamas wa ...
Eine Frau betet in der Grabeskirche (Auferstehungskirche) am 14. Dezember 2023 in Jerusalem, Israel. Aus Solidarität mit dem Leid im Gazastreifen aufgrund des Krieges zwischen Israel und der Hamas haben christliche Führer und die Stadtverwaltung der Stadt im Westjordanland letzte Woche beschlossen, alle öffentlichen Feierlichkeiten abzusagen.Bild: imago images

Kriegsweihnacht im Heiligen Land: Mehr Pflicht als Freude

Die Weihnachtszeit versprüht üblicherweise Licht, Wärme und Besinnlichkeit. Doch sogar in Betlehem, wo Jesus geboren worden sein soll, ist nichts davon zu spüren.
24.12.2023, 17:14
Maher Abukhater und Jan-Uwe Ronneburger, dpa
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«Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.»

Diese Worte aus der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums dürften vielen Christen im Nahen Osten und darüber hinaus angesichts der entsetzlichen Bilder vom Überfall der islamistischen Hamas auf Israel und der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen nur schwer über die Lippen kommen. Für manche ist Weihnachten dieses Jahr mehr eine Pflicht, als ein Freudenfest.

«Die Atmosphäre ist sehr traurig. Niemandem ist angesichts des Gaza-Krieges zum Feiern zumute», sagte Anton Siniora, ein Christ aus Jerusalem, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. «Wir haben dieses Jahr nicht einmal einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Nur einige Familien haben das getan, um wenigstens ihren Kindern eine kleine Freude zu bereiten», fügte er hinzu.

Auch Bethlehem mit der weltbekannten Geburtskirche südlich von Jerusalem ist dieses Weihnachten ein trauriger, ein verlassener Ort. In der Kirche, unter dessen Altar sich die Grotte befindet, in der nach der Überlieferung Jesus Christus vor mehr als 2000 Jahren geboren worden sein soll, wird aber auch dieses Weihnachten die Mitternachtsmesse gelesen.

A Palestinian Christian boy lights a candle in the Church of Nativity, believed to be the site of Jesus birth, in the biblical town of Bethlehem, West Bank, on Sunday, December 17, 2023. The church, n ...
Ein palästinensischer Junge zündet in der Geburtskirche in Betlehem eine Kerze an. Bild: www.imago-images.de

Die Stadt, in der sich sonst zu Weihnachten Zehntausende Pilger aus aller Welt drängen, ist wegen des Krieges und der Abriegelung durch Israel wie ausgestorben. Der grosse Weihnachtsbaum, der sonst schon in der Adventszeit vor der Geburtskirche stand, fehlt. Bereits im November hatten die Oberhäupter der Kirchen in Jerusalem festgelegt, dass es wegen des Krieges keine Weihnachtsdekoration im Heiligen Land geben soll.

«Es ist nicht nur ein trauriges Weihnachtsfest, es ist auch eine wirtschaftliche Katastrophe», sagte George Rischmawi, ein Bewohner Bethlehems. «Die israelische Besatzung hat die Wirtschaft abgewürgt. Wegen der Abriegelung der Stadt kann niemand ohne einen Passierschein rein oder raus aus der Stadt», sagte er. Bethlehem sei wie belagert. Zudem würden öffentliche Angestellte keine Gehälter mehr bekommen, weil die Palästinensische Autonomiebehörde, die Teile des Westjordanlandes verwaltet, kein Geld mehr habe.

Niemand könne mehr zur Arbeit in Israel, es gebe keine Touristen und die Verkäufe der berühmten Weinachtsouvenirs aus Olivenholz gingen gegen Null. «Es ist traurig, und statt wie jedes Weihnachten zum Manger Platz vor der Geburtskirche zu gehen, werde ich zu Hause bleiben», sagte Rischmawi. «Jedem geht das hier so, angesichts des Tötens im Gazastreifen», fügte er hinzu. So düster habe er Bethlehem noch nicht einmal während der Corona-Pandemie gesehen. Und den lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbatista Pizzaballa, wolle auch keiner treffen, weil sich alle darüber ärgern, dass er sich mit dem israelischen Präsidenten Izchak Herzog getroffen habe.

Pizzaballa als höchster Vertreter der katholischen Kirche im Heiligen Land absolvierte am Sonntagvormittag die traditionelle Weihnachtsprozession von Jerusalem nach Bethlehem. Allerdings wurde er bei der Autofahrt nur von wenigen Gläubigen und einigen Franziskanern begleitet. Wie jedes Jahr begann die Prozession am Jaffa-Tor der historischen Altstadt von Jerusalem und endete bei der Geburtskirche.

Im Heiligen Land bilden die Christen nur noch eine sehr kleine Minderheit: Im Gazastreifen leben rund 1000 Christen, bei insgesamt rund 2,2 Millionen Einwohnern. In Israel machen die Christen knapp zwei Prozent der rund 10 Millionen Bürger aus. Im Westjordanland sind es rund 1.5 Prozent der rund 3.2 Millionen Palästinenser.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron telefonierte mit Pizzaballa und sicherte ihm die weitere Solidarität Frankreichs zu. Macron habe seine grosse Besorgnis angesichts der dramatischen Lage der lateinischen Kirche in Gaza aus, in der Hunderte Zivilisten aller Konfessionen Zuflucht suchten und seit Monaten unter Beschuss lebten.

Trotz der allgemein gedämpften Stimmung äusserte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in einer Weihnachtsbotschaft die Hoffnung, dass das christliche Fest ein Ende des Sterbens im Gazastreifen bringen werde. Dafür gab es jedoch keine Anzeichen. Abbas betonte, die Palästinenser kämpften weiter für ihr Recht auf einen eigenen und souveränen Staat. (saw/sda/dpa)

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