Nach wie vor ist die humanitäre Lage im Gazastreifen katastrophal. Diese Woche warnte das UNO-Kinderhilfswerk Unicef, im südlichen Gazastreifen befänden sich beinahe 3000 Kinder in Lebensgefahr, weil sie «von der Behandlung mittelschwerer und schwerer akuter Unterernährung abgeschnitten» seien. Dies, weil der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen für ihre Familien aufgrund der Kampfhandlungen und Vertreibungen beeinträchtigt sei.
Das von der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) eingerichtete Famine Early Warning Systems Network (FEWS NET) warnt ebenfalls vor einer möglicherweise bis Juli andauernden Hungersnot im nördlichen Gazastreifen, falls sich an der Verteilung der Nahrungsmittelhilfe und am Zugang dazu nichts ändere. FEWS NET hält es in seinem jüngsten Report von Ende Mai für möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass im April alle drei IPC-Schwellenwerte für Hungersnot (Nahrungsmittelverbrauch, akute Unterernährung und Sterblichkeit) im nördlichen Gazastreifen erreicht oder übertroffen wurden.
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In dieser ohnehin angespannten Situation gibt es weiterhin Probleme bei der Auslieferung humanitärer Hilfe über die provisorische Anlegestelle an der Küste des Gazastreifens, die vom US-Militär eingerichtet wurde. Zwar sind seit vergangenem Dienstag mehr als 1000 Tonnen Hilfsgüter über den Pier an Land gebracht worden, doch sie haben die Leute, die sie dringend benötigen, noch nicht erreicht – stattdessen stapeln sie sich am Strand. Das erklärte die stellvertretende Pressesprecherin des Pentagon, Sabrina Singh, am Mittwoch.
Das Welternährungsprogramm der UNO (WFP), eine der Organisationen, die für die Verteilung der Hilfsgüter zuständig sind, hatte die Verteilung der über die Anlegestelle gelieferten Hilfsgüter am Wochenende eingestellt. Grund dafür war die Sorge um die Sicherheit seiner Mitarbeiter, nachdem am Samstag zwei Lagerhäuser der Organisation mit Raketen beschossen worden waren. Ein Mitarbeiter war dabei verletzt worden.
«Nach den gestrigen Vorfällen mache ich mir Sorgen um die Sicherheit unserer Leute», sagte Cindy McCain, Geschäftsführerin des WFP, am Sonntag gegenüber CBS.
Temporarily pausing operations at floating dock for a UN security assessment to ensure staff & partners' safety.
— WFP in the Middle East & North Africa (@WFP_MENA) June 10, 2024
Across #Gaza, we continue to deliver food parcels, hot meals & support bakeries access permitting. pic.twitter.com/A7cEqjISRa
Es war nicht klar, wann das WFP die Auslieferung der Hilfsgüter wieder aufnehmen kann. Pentagon-Sprecherin Singh erklärte dazu, die USA würden sich vorerst darauf konzentrieren, mehr Hilfsgüter von Zypern zum provisorischen Pier und in den Gazastreifen zu bringen. Sie würden dann bereitstehen, sobald die Auslieferung wieder anlaufe.
Die Lieferungen waren erst am Samstagmorgen, vor dem Raketenbeschuss am selben Tag, wieder angelaufen. Der provisorische Steg war erst kurz zuvor repariert worden, nachdem er bei einem Sturm Ende Mai auseinandergebrochen war. Ein grosser Teil des Piers wurde durch starken Wind und raue See zerstört. Vier US-Militärschiffe, die an der Mission beteiligt waren, liefen auf Grund, wobei drei Soldaten verletzt wurden. Grosse Teile des Piers wurden abgetrennt und zur Reparatur in den 30 Kilometer entfernten israelischen Hafen Aschdod gebracht.
Der Pier ist Teil einer provisorischen Infrastruktur, die dazu dient, Hilfsgüter in den Gazastreifen zu liefern. Diese werden von Zypern aus per Frachter zunächst zu einer schwimmenden Plattform einige Kilometer vor der Küste des Gazastreifens transportiert und dort auf kleinere Schiffe umgeladen, die näher an die Küste herankommen. Die Schiffe legen am temporären Pier an, wo die Lkw-Ladungen von Hilfsorganisationen entgegengenommen und im Gazastreifen verteilt werden. Die Kosten der provisorischen Anlegestelle werden auf rund 230 Millionen US-Dollar geschätzt.
Die ersten Hilfsgüter wurden am 17. Mai an Land gebracht. Das Pentagon ging ursprünglich davon aus, dass über den Hafen zunächst etwa 90 Lkw-Ladungen pro Tag in den Gazastreifen gelangen könnten. Zu einem späteren Zeitpunkt sollten es bis zu 150 Lkw-Ladungen täglich sein. Bislang waren es jedoch deutlich weniger.
Die Annahme der Lieferungen wird von der UNO überwacht, die auch deren Verteilung vor Ort koordiniert. Die Hilfslieferungen in den Gazastreifen über den temporären Pier sind Teil der Bemühungen, die Hilfe für die palästinensische Zivilbevölkerung aufzustocken, die nach Ansicht verschiedener humanitärer Organisationen völlig unzureichend ist. Die Lieferung von Hilfsgütern in den abgeschotteten Streifen ist eingeschränkt, da die israelischen Militäroperationen gegen die Hamas andauern. Dr Transport der Güter erfolgt zudem nur langsam, weil sich die Fahrzeuge an den israelischen Kontrollpunkten lange stauen.
Die USA und weitere Länder, etwa Deutschland, haben zudem in den vergangenen Monaten mehrfach Lebensmittel aus der Luft über dem Gazastreifen abgeworfen. Diese Abwürfe sind allerdings viel weniger effizient und können im Vergleich zum Transport über den See- oder Landweg nur einen Bruchteil der Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen. (dhr)
Mit Material der Nachrichtenagentur SDA/DPA.