Wie Gisèle Pelicot den Hass begraben und die Liebe gefunden hat
«Den Frühstückstisch decke ich immer am Vorabend.» Mit diesem Satz beginnt Gisèle Pelicots Buch «Eine Hymne an das Leben», das an diesem Dienstag in 22 Sprachen erscheint. Der Satz klingt banal, aber die Autorin weiss, warum sie die Teller und die Marmelade schon abends auftischt: «Als könnte ich so die Nacht, die mir von jeher Angst macht, überbrücken.»
Die jahrelangen Vergewaltigungen unter Betäubung liegen hinter ihr, die 50 Täter und ihr Ex-Gatte sind im Gefängnis. Aber die Angst verlässt die 73-jährige Französin mit dem rostbraunen Pagenschnitt nicht mehr. Schlafmittel rührt sie nicht an. Unmöglich, nach all den Horrornächten, die sie eingeschläfert durchmachte. «Schlaf und Tod sind ein und dasselbe», notiert Gisèle Pelicot, die bei der Niederschrift von der bekannten Pariser Freelance-Journalistin Judith Perrignon sekundiert wurde.
Der Tod war omnipräsent in ihrem Leben. Mit neun Jahren verlor sie ihre geliebte Mutter wegen Krebs. Einmal fällt die Teenagerin im Pariser Stadtpark Vincennes in einen schlammigen Teich. Sie sinkt auf den Grund, lässt es einfach geschehen und fragt sich: «Fühlte sich das Sterben etwa so an?» Mit viel Glück wird sie von einem Passanten gerettet.
Im Supermarkt gefilmt
Vor ihrem Gatten rettet sie niemand. Gisèle Pelicot, diese so normale Französin, nach dem Krieg in Villingen in der französischen Besatzungszone geboren, im Grossraum Paris aufgewachsen, im Stromkonzern EDF von der Sekretärin bis zur Projektleiterin aufgestiegen, verheiratet, emanzipiert, drei Kinder, sieben Enkel, im Ruhestand in den Provence-Ort Mazan umgezogen – sie stürzt Ende 2020 erneut ins Bodenlose: Ein Telefonanruf der Polizei informiert sie, ihr Mann sei im Supermarkt von Carpentras verhaftet worden, als er mit seinem Handy unter die Röcke der Frauen filmte.
Es folgt das nackte Grauen. Auf der Wache zeigt man ihr abstossende Fotos, widerwärtig rohe Amateurvideos von Männern, die sich, vom erregten Gatten flüsternd angespornt, über eine betäubte, teils schnarchende Frau hermachen.
Und die Frau, das ist sie, Gisèle.
Auf dem Posten, dann zu Hause, reagiert die rüstige Rentnerin, wie man es von ihr gewohnt ist: Sie zeigt keine Gefühle, versteckt sich hinter ihrer emotionalen «Rüstung», wie sie schreibt. Sie habe reagiert wie ihr Hund Lancôme: «Er irrte umher, begriff nicht, was los war.»
Ganz anders Tochter Caroline: Sie heult, schluchzt, schreit, schleudert Teller an die Wand. Gisèle: «Schlag bitte nicht alles kaputt, Caroline, einiges möchte ich gern behalten.» Die damals 41-jährige Tochter: «Aber was möchtest denn du von diesem Leben behalten?»
Gute Frage. Gisèle, wie sie in Frankreich nur noch genannt wird, will über ihren Gatten, so pervers er auch sein mag, so heimtückisch er zu Werke ging, nicht den Stab brechen. Die Tochter wünscht ihren «Erzeuger», wie sie ihn nennt, zur Hölle; sie verdächtigt ihn, den chronischen Lügner, dass er auch sie als Kind vergewaltigt habe, wie es zwei ambivalente Fotos nahelegen. Doch Gisèle erinnert sich lieber an den «schüchternen Elektriker», in den sie sich mit 19 verliebte und der ihr in der Ehe «Zärtlichkeit und Selbstvertrauen» gab. Dominique. Im Buch nennt sie ihn auch nur bei seinem Vornamen, was fast wohlwollend klingt. Dabei verfügt sie über die fotografischen Beweise, dass er ihren Körper skrupellos schändete und schänden liess. Mindestens zehn Jahre lang, 200 mal, durch andere und durch ihn selbst. Durch ihren Dominique.
Verzweifelt sucht sie gute Erinnerungen an ihre Ehe: «Die vergangenen fünfzig Jahre Ehe waren nicht nur eine Lüge gewesen.» Vielleicht muss man in der Tat fünfzig Jahre lang mit jemandem gelebt haben, um zu verstehen, dass Gisèle ihren Vergewaltiger, der selber unter einem brutalen Vater gelitten hatte, fast in Schutz nimmt. Sie rechtfertigt nichts. Aber man spürt es bei der Lektüre ihres schier unglaublichen Berichtes: Die Autorin ist innerlich zerrissen – hier der einstige Mann ihres Lebens, der gute Familienvater, dort der Salaud, der Schänder der eigenen Frau. Wie ist das möglich, auch nur denkbar?
Es ist möglich. Erstens, weil Dominique jedes Detail seiner nächtlichen Gewaltorgien durchplant – bis hin zu Deo-Vorschriften für die anonymen Besucher. Zweitens, weil er seine Frau nach Strich und Faden belügt. Als sie infolge der brutalen Penetrationen, von denen sie nichts weiss, einen ersten Arzt aufsucht, begleitet Dominique sie scheinbar mitfühlend. In der Praxis fragt er sie scherzeshalber, ob ihre Unterleibsschmerzen vielleicht von einem Lover herrührten. Zynischer geht es nicht.
Eines trifft zu: Vor Jahren schon, als der arbeitslose Dominique Pornos konsumiert und zum Triebtäter mutiert, hat Gisèle am Arbeitsplatz für kurze Zeit einen Liebhaber. Mit ihm hat die 35-Jährige erstmals einen Orgasmus. Nie mit Dominique. Er tritt sexuell immer dominanter auf, blitzt aber bei ihr mit seinen perversen Wünschen ab. Oralsex, das ging, anal aber nicht, schreibt Gisèle. Sie verbietet ihm auch das Fotografieren, wenn sie aus dem Bad kommt. Andere Bilder landen später auf der Webseite coco.fr.
Was sie ärgert: Die Untersuchungsrichterin nennt sie gutgläubig und naiv. Schöpfte Gisèle auch deshalb nie Verdacht? Vor einer Horrornacht kocht er gerne Kartoffelpüree, denn er weiss: Sie mag es mit Olivenöl und Petersilie, er mit Butter. So kann er die beiden Teller trennen und in ihre Speise reichlich Pulver des Schlafmittels Temesta mengen. Er fügt ein Mittel zur Muskelentspannung bei, damit die Penetrationen durch über 50 Männer in der Schamgegend und dem Mund keine Entzündungen verursachen. Nachher verpasst er ihr eine Vaginadusche. Am Morgen ist ihr Schlafanzug deshalb völlig durchnässt. Gisèle befürchtet, sie sei zur Bettnässerin geworden.
Sie sucht einen Gynäkologen auf, dann zwei Neurologen, weil sie Erinnerungslücken und zunehmend Aussetzer hat. Kliniken erstellen eine Echokardiografie, ein Computertomogramm. Der Arzt teilt ihr mit: Keine Sorge, Frau Pelicot, alles ist in Ordnung.
«Meine Schlampe»
Dominique lässt sich nicht aufhalten. Er lädt weitere Unbekannte in die provenzalische Mietvilla in Mazan mit den gelben Fassaden ein. Das letzte Mal Ende im Oktober 2020. Am 2. November verhaftet ihn die Polizei. In seinem Computer findet sie Video- und Bilddateien mit Inschriften, von denen «Meine Schlampe» noch die harmloseste ist.
Gisèle Pelicot nimmt zwei Anwälte. Keine Strafrechtler, sondern zwei junge Spezialisten für Unternehmensrecht. So taktvoll wie möglich zeigen sie ihr die Videos, eins widerwärtiger als das andere. Langsam geht ihr auf: «Ich war zum Spielball seiner barbarischen Fantasien geworden.» Die Ablösung vom Monster beginnt. Gisèle reicht die Scheidung ein. Zu einer Ermittlerin sagt sie: «Er widert mich an, ich fühle mich besudelt, geschändet, verraten.» Endlich, ist man versucht zu sagen.
Zuhause in Mazan steht Gisèle nun endlos unter der Dusche, als wollte sie ihre Scham- und Schuldgefühle abwaschen. Geht nicht, der Schmerz ist überall, vor allem tief in ihr. Tochter Caroline erkundigt sich vorsichtig bei ihrer Mutter, ob sie suizidäre Gedanken hege. «Da kannte sie mich aber schlecht!», entfährt es Gisèle, die keine Märtyrerin sein will. Ja, ihre Memoiren klingen nie weinerlich.
Hinter geschlossener Tür?
Ihre Resilienz, ihre innere Kraft sind beeindruckend. Aber Gisèle hat eine neue Angst: Der Prozess rückt näher. Die Polizei nimmt immer mehr Verdächtige fest. Deren 50 sind es schon bald; mindestens 20 weitere konnten auf den Fotos nicht identifiziert werden. Gisèles Anwälte verlangen zum Schutz ihrer Klientin – und zur Enttäuschung der Medien – eine Verhandlung hinter geschlossenen Türen.
Unterdessen geben Gisèle und ihre Kinder das gemietete Haus in Mazan auf. Sie verkaufen die Möbel online, das Ehebett – der Tatort – für 80 Euro. Auf der Île de Ré, einer hübschen Insel vor der französischen Atlantikküste, findet Gisèle Abstand und Ruhe vor dem Prozesssturm. Besorgte Nachbarn stellen ihr einen Mann vor, Jean-Loup. Mit ihm, einem Witwer, versteht sie sich auf Anhieb. Erleichtert registriert sie, dass Männer bei ihr keinen generellen Ekel auslösen, dass sie ihnen «noch vertrauen kann».
Aber ihre stundenlangen Spaziergänge unternimmt sie allein. An einen Moment erinnert sie sich genau: «Ich hatte den Strand erreicht, die Meeresluft war erfrischend.» Gisèle hat einen Geistesblitz. Er wird alles verändern, er wird den Prozess, der auf dem ganzen Planeten verfolgt wird, auf den Kopf stellen. Er wird dazu führen, dass «die Scham die Seite wechselt», so wie es Feministinnen fordern. Und wie der Untertitel der Memoiren lautet.
Gisèle Pelicot weiss mit einem Mal, was sie will. Vom Strand zurück, ruft sie ihre Anwälte an und sagt mit fester Stimme: «Der Prozess muss öffentlich zugänglich sein.» Die Advokaten glauben sich verhört zu haben. Der Richter auch, als er davon erfährt. Aber er muss wegen des Strafrechts, das den Entscheid den Opfern überlässt, einlenken: Die Verhandlungen in Avignon werden dem Publikum und der Presse offenstehen.
Als der Prozess im September 2024 beginnt, gerät Gisèle in Panik angesichts der Masse von Angeklagten. Sie lässt sich nichts anmerken, aber sie betritt den Justizpalast mechanisch «wie ein Roboter». Im Saal scherzen 50 Sexualstraftäter miteinander, wie alte Kumpel, obwohl sie sich nicht einmal kennen.
Die geballte Wucht ihrer Präsenz ist für Gisèle schwer zu ertragen. Die meist weiblichen Verteidiger behaupten dazu, sie habe «mitgespielt». Es sei unmöglich, dass sie zehn Jahre lang «nichts geahnt» habe.
Aber Gisèle Pelicot zeigt Stärke, obwohl sie vor Zorn oft explodieren könnte. Sie spürt: «Das ging nicht nur gegen mich, das ging gegen alle Frauen.» Und sie fasst Mut – dank jungen und älteren Frauen, die vor dem Saal demonstrieren, singen, applaudieren, wenn sie vorbeigeht. «Diese Menschenmenge war meine Rettung», gesteht sie. Noch heute denkt sie mit Freude an das Transparent, das gegenüber dem Verhandlungssaal an der Stadtmauer hing und die Inschrift trug: «Merci Gisèle.»
Kurz vor Weihnachten 2024 werden alle Angeklagten schuldig gesprochen. Dominique Pelicot erhält die Höchststrafe von zwanzig Jahren. Zudem hat er noch zwei andere Prozesse zu gewärtigen, wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes an zwei jungen Immobilienagentinnen in den neunziger Jahren.
Nach dem Urteil war der mutigen Französin klar: «Diese Geschichte gehört nicht mehr mir allein.» Sie gehöre allen Frauen, die am Morgen ohne Erinnerung aufwachen, weil sie von einem Sexualtäter betäubt worden seien. Frau Pelicot sagt, sie sei stolz, dass sich ihre Tochter Caroline Darian heute in diesem Kampf engagiere. «Ich verstehe den Leidensweg aller Frauen, die einen sexuellen Übergriff anzeigen und über nichts anderes verfügen als ihre Aufrichtigkeit, ihren Mut und ihren geschundenen Körper», schreibt Gisèle Pelicot
Die neue Ikone des Frauenkampfes bekennt, sie sei keine radikale Feministin, sondern eine gewöhnliche Bürgerin, die ein «traditionelles, eher stilles Leben» möge. Aber sie hat am eigenen Leib erfahren, dass die Betäubung in sexueller Absicht eine absolut dominante Form der Machtausübung über eine Frau und ihren Körper ist. Und sie hat selber mitverfolgt, wie diese Angeklagten während des Prozesses vom hohen Ross ihrer Macho-Gewissheiten stürzten und allesamt im Gefängnis landeten.
Ja, die Scham hat in Avignon wirklich die Seite gewechselt. Das ist für Gisèle Pelicot nicht nur ein politischer Slogan. Es ist die Grundlage für ihre wiedergefundene Lebensfreude, für ihre Hymne an das Leben.
Gisèle Pelicot, mit Judith Perrignon: «Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln.» Verlag Piper, München. 255 Seiten, Preis: 25 Euro. Erscheint am 17. Februar 2026. (aargauerzeitung.ch)
