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Ukrainischer Künstler geht an die Front – eine Warnung für den Westen

KYIV, UKRAINE - MARCH 29, 2024 - Musician, volunteer, writer and civil activist Serhiy Zhadan attends the Cultural and Informational Reintegration of the De-Occupied Territories All-Ukrainian Forum, K ...
Seine Heimat ist nicht zuletzt wegen zögerlicher Unterstützung aus dem Westen bedroht: Der Schriftsteller Serhij Zhadan greift nun selbst zur Waffe. Bild: imago-images.de
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Ukrainischer Künstler geht an die Front – das sollte uns eine Warnung sein

Der Starautor Serhij Zhadan hat mit seinen Büchern Weltruhm erlangt. Künftig will er nicht mehr nur mit Worten ums Überleben der Ukraine kämpfen, sondern mit der Waffe.
06.04.2024, 19:3606.04.2024, 19:44
Julian Schütt / ch media
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Seit dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 harrt der 49-jährige Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan im umkämpften Charkiw aus, hilft verwaisten und traumatisierten Kindern, sammelt Geld für die Soldaten, tritt mit seiner Rockband Zhadan und die Hunde vor Truppenverbänden auf, um ihnen Mut zu machen.

Und noch vor kurzem, nach der EM-Qualifikation der Ukraine, posierte er mit dem einstigen Fussballgott Andrij Schewtschenko. Auch in Westeuropa und in den USA ist er ein gern gesehener Promi, der betont, wie wichtig es ist, dass die Ukraine überlebt und dass sie auch das Recht hat, sich gegen die barbarischen russischen Besetzer zu wehren.

«Nur das Schwert, nicht das Wort verschafft der Nation ihre Rechte»

Doch jetzt genügen ihm Worte und die Mittel der Kunst nicht mehr. Er geht an die Front, um mit der Waffe gegen Putins Soldateska zu kämpfen. Zhadan schliesst sich dem Chartia-Bataillon an, das sich nach der russischen Invasion aus Freiwilligen gebildet hat und inzwischen Teil der ukrainischen Nationalgarde ist. Der Schlachtruf der Chartia-Kämpfer lautet: «Nur das Schwert, nicht das Wort verschafft der Nation ihre Rechte.»

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April 2024: Rettungskräfte transportieren ein Opfer eines nächtlichen russischen Raketenangriffs ab.Bild: keystone

Ausgerechnet dem grossen Dichter Serhij Zhadan reichen Worte nicht mehr, und er mag seinen Griff zur Waffe gegenüber westlichen Medien auch nicht weiter begründen. Aus diversen Stellungnahmen in den letzten Monaten wird aber klar, wie enttäuscht der Autor ist.

Enttäuscht auch über uns: So hat er alle Auftritte im Westen abgesagt. Es ist ihm verleidet, uns zu erklären, wie zentral es sei, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Zu oft hat er in den letzten gut zwei Jahren wiederholt: «Freunde, vergesst nicht: Dies ist ein Vernichtungskrieg.» Zu oft verhallten seine Worte ungehört.

Deutschland verlieh ihm zwar den prestigeträchtigen Friedenspreis des deutschen Buchhandels, aber bei der Lieferung von wirksamen Waffen wie zuletzt bei den Marschflugkörpern Taurus bremst die Regierung Scholz. Und auch anderswo stockt die Unterstützung für die Ukraine. Mit leeren Friedensphrasen, Solidaritätsbekundungen und pazifistischen Appellen ist Putins Imperialismus aber nicht zu stoppen.

Die Ukrainer fühlen sich im Stich gelassen

Die Symbolik hinter Serhij Zhadans dramatischem Schritt vom Künstler zum Kämpfer lässt sich nicht verkennen (und vor ihm sind schon andere Autoren und Intellektuelle in den Kampf gezogen - einer, Maxim Kriwzow, ist am 7. Januar 2024 gefallen). Die Ukrainer fühlen sich im Stich gelassen und unverstanden, so sehr ihr Widerstand den Europäern insgesamt zugutekommt. Das Land bleibt mehr und mehr sich selbst überlassen, und deshalb kommt es auf jeden Soldaten an. Die Folge ist eine gefährliche innenpolitische Verhärtung des Klimas.

Auch ein so reflektierter Wortmensch wie Zhadan verbreitet nun die Parole, es gebe keinen Unterschied mehr zwischen Künstlern und Nichtkünstlern. Es gebe nur noch Ukrainer, die Verantwortung für ihr Land übernähmen, und solche, die der Verantwortung ausweichen. Wer aber Verantwortung übernimmt, drückt sich nicht vor dem Fronteinsatz. Die ins Ausland geflüchteten Kriegsdienstverweigerer dürften in ihrer alten Heimat immer mehr zu Parias werden.

Wenn selbst die weltoffenen Nachdenker in der Ukraine sich vom übrigen Europa zurückziehen, sollte uns das eine Warnung sein. Wenn sie uns aufgeben und nicht mehr als Brückenbauer wirken, werden wir bald nicht mehr nur für Putins Russen ein Feindbild sein, sondern auch für die Ukrainer. Für den Zusammenhalt und die Sicherheit in Europa wäre das eine beunruhigende Entwicklung.

(aargauerzeitung.ch)

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52 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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T.M.M.
06.04.2024 19:50registriert September 2023
Die Schweiz verschrottet 60 mobile Flugabwehreinheiten und 1200 Raketen. Warum gibt man die nicht der Ukraine?
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D.Enk-Zettel
06.04.2024 20:08registriert Oktober 2021
Der Westen sollte mal endlich begreifen, wie ernst die Lage ist. Das ganze Jein-Gehabe wird noch Folgen haben. Viele werden sich im Nachhinein die Augen reiben, aber keiner will dafür die Verantwortung tragen.... Politik as usual.
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Flexon
06.04.2024 19:57registriert Februar 2014
Ich sage als Schweizer und als Europäer: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
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