DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Kommentar

Das falsche Hungerbild aus Madaja und seine verheerende Wirkung auf die Solidarität mit der syrischen Zivilbevölkerung



Heute Abend sind die sehnlichst erwarteten Hilfsgüter für Tausende vom Hungertod bedrohte Menschen in Madaja eingetroffen.

Das Schicksal der von Rebellen kontrollierten und von Regierungtruppen belagerten Stadt im Westen Syriens bewegt die Welt seit Tagen. Am vergangenen Freitag erklärte die UNO, sie habe von der Regierung in Damaskus freies Geleit nach Madaja zugesichert bekommen. Auch watson berichtete über diesen Hoffnungsschimmer und verwendete eines der von den Agenturen zur Verfügung gestellten Bilder:

This undated photo posted on the Local Revolutionary Council in Madaya, which has been verified and is consistent with other AP reporting, shows a starving boy in Madaya, Syria. The Syrian government has agreed to allow humanitarian assistance into three beleaguered villages following reports of malnutrition in the area, a U.N. official said Thursday.Two of the villages in question are the adjacent Shiite villages of Foua and Kfarya in the country’s north, which have been besieged by anti-government militants for more than a year. The third is the village of Madaya near the border with Lebanon, which has been under siege by government forces since early July. (Local Revolutionary Council in Madaya via AP)

Bild: AP/Local Revolutionary Council in Madaya

Es wurde von der Nachrichtenagentur AP mit der folgenden Legende verbreitet: 

«Dieses undatierte Foto vom Lokalen Revolutionsrat in Madaya, das überprüft worden ist und mit anderen AP-Berichten übereinstimmt, zeigt einen verhungernden Jungen in Madaja, Syrien.»

Wenig später kommentierte watson-User silverback, bei dem Bild handle es sich um eine Fälschung. Die von ihm zitierte Quelle behauptet, dass das Bild aus einem Video stamme, das seit Mai 2015 auf Youtube einsehbar ist. Darin sagt ein Sprecher, die Szene sei in Ost-Ghouta, einem Vorort von Damaskus, aufgenommen worden.

Bild

screenshot via youtube

watson entschied daraufhin, AP auf diese Unstimmigkeiten aufmerksam zu machen. Eine Antwort blieb aus, aber am Samstagabend zog die Nachrichtenagentur das Bild mit der Erklärung zurück, der Ort der Aufnahme könne nicht mit Sicherheit bestimmt werden. In der Folge entfernte auch watson das Bild aus seinen Berichten zu Madaja.

EDITORS AND LIBRARIANS: KILL FROM YOUR SYSTEMS AND ARCHIVES AP PHOTO CAINM101, SLUGGED MIDEAST SYRIA AND TRANSMITTED ON JAN. 7, 2016. THE IMAGE WAS PREVIOUSLY DISTRIBUTED AND THE LOCATION OF THE IMAGE CANNOT BE VERIFIED. - This undated photo posted on the Local Revolutionary Council in Madaya, which has been verified and is consistent with other AP reporting, shows a starving boy in Madaya, Syria. The Syrian government has agreed to allow humanitarian assistance into three beleaguered villages following reports of malnutrition in the area, a U.N. official said Thursday. Two of the villages in question are the adjacent Shiite villages of Foua and Kfarya in the country’s north, which have been besieged by anti-government militants for more than a year. The third is the village of Madaya near the border with Lebanon, which has been under siege by government forces since early July. (Local Revolutionary Council in Madaya via AP)

Bild: AP/Local Revolutionary Council in Madaya

Wie es zu dem Fehler kam, ist unklar (eine Anfrage über Facebook an den «Lokalen Revolutionsrat in Madaya» blieb bislang unbeantwortet) und dürfte angesichts der massiven Propaganda im Syrienkonflikt schwer zu eruieren sein. Die Rebellen werfen der Regierung vor, Madaja zu belagern und systematisch auszuhungern. Regierungsfreundliche Medien bezeichnen das als Desinformation. Die Rebellen würden Hilfslieferungen beschlagnahmen, horten und anschliessend der verzweifelten Zivilbevölkerung zu Wucherpreisen verkaufen, schreibt etwa Murad Gazdiev vom staatlich-russischen Auslandsender RT. Russland ist der wichtigste Verbündete des Assad-Regimes.

Unbestritten – und von der UNO, Ärzte ohne Grenzen und dem IKRK bestätigt – ist die Tatsache, dass in Madaja und in anderen schwer zugänglichen Orten Hunderttausende Menschen auf Hilfslieferungen angwiesen sind, um zu überleben. Nichts anderes zeigt letztlich das oben erwähnte Video, offenbar nicht in Madaja, aber anderswo in Syrien. Nichtsdestotrotz bedauert watson, dieses Bild verwendet zu haben.

Dass die Weltöffentlichkeit angesichts der aktuellen Flüchtlingsthematik und nach Jahren der Abstumpfung überhaupt noch am Schicksal der syrischen Zivilbevölkerung teilnimmt, ist nicht selbstverständlich. Umso verheerender, wenn Zweifel an der Authentizität solcher Bilder auftauchen. Wird es auch noch Hilfslieferungen geben, wenn keiner mehr irgendetwas glaubt?

Schockierende Bilder: Im syrischen Madaja verhungern die Menschen – Assad lässt keine Hilfe zu

Link zum Artikel

Eine einmalige Hilfslieferung wird die Not in Madaja nicht stoppen

Link zum Artikel

Good News: Erste Hilfslieferungen erreichen syrische Städte

Link zum Artikel

Zum Thema Madaja, wo die Menschen verhungern, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht

Link zum Artikel
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Joe Biden beginnt seinen Kampf gegen Diktatoren mit Wladimir Putin

Der US-Präsident befindet sich nicht nur auf einer Europatournee, sondern auch auf einer Mission: Er will die Demokratie gegen Diktatoren wie Putin verteidigen.

Schon bei seiner Ankunft auf dem Stützpunkt der britischen Luftwaffe in Mildenhall stellte Joe Biden klar, welche Ziele er auf seiner Europatournee verfolgen will:

Ebenso machte der US-Präsident klar, wen er dabei besonders im Auge hat: Wladimir Putin. An die Adresse des russischen Präsidenten erklärte er, man werde auf seine «schädlichen Aktivitäten» in einer «robusten und bedeutungsvollen Art reagieren». «Wir müssen alle diskreditieren, die meinen, das Zeitalter der Demokratie sei …

Artikel lesen
Link zum Artikel