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Löpfe vs Blunschi

Kamala hat Mike freundlich weggelächelt – die Analyse zum Vize-Duell

Im Duell der beiden Vize-Kandidaten ist die Demokratin Kamala Harris erstaunlich zahm geblieben – und hat gerade deswegen gepunktet.
08.10.2020, 08:4708.10.2020, 13:03

Kamala Harris und Mike Pence sind unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen in das Duell in Salt Lake City gestiegen. Harris konnte mit einem Sympathie-Bonus rechnen, denn noch nie konnte in den USA eine farbige Frau für das Amt des Vizepräsidenten kandidieren. Zudem hat die Senatorin aus Kalifornien eine sehr scharfe Zunge und gilt als sehr gefährliche Gegnerin in einer Debatte.

Für Pence war die Aufgabe sehr viel schwieriger. Trumps Krawall-Auftritt von letzter Woche hat schwere Schäden hinterlassen. In allen Meinungsumfragen ist der amtierende Präsident abgestürzt. Was besonders schmerzt: Alte und Frauen laufen Trump/Pence in Scharen davon. Auch in den umkämpften «battleground states» sieht es für das Duo der Grand Old Party schlecht aus.

Durch Plexiglas getrennt: Kamala Harris und Mike Pence.
Durch Plexiglas getrennt: Kamala Harris und Mike Pence.
Bild: keystone

Dazu gesellt sich das bizarre Verhalten des Präsidenten in den letzten Tagen, sein peinlicher Auftritt auf dem Balkon des Weissen Hauses, seine Tweet-Manie und seine überraschende Ankündigung, die Corona-Hilfe einstellen zu wollen.

Als Leiter der Corona-Task-Force musste Pence auch für die miserable Bilanz der Trump-Regierung in der Pandemie geradestehen. Die Versprechen, die auch Pence immer wieder geäussert hatte, haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: In 39 der 50 amerikanischen Bundesstaaten nehmen die Covid-19-Fälle derzeit wieder zu.

Corona ist daher das alles dominierende Thema des Wahlkampfes geworden. Es stand auch am Beginn der Debatte, und Harris nutzte den von Moderatorin Susan Page zugespielten Steilpass sofort. «Wie kommt es, dass die USA rund zweieinhalb Mal mehr Covid-19-Fälle haben als das benachbarte Kanada?», wollte sie von Pence wissen und drängte ihn damit von Beginn weg in die Defensive. Ausser der sattsam bekannten – und im Übrigen falschen – Behauptung, Trump habe als Einziger einen Einreisestopp für Chinesen angeordnet, hat Pence nichts zu bieten.

«Gesundheitspolitik, Gesundheitspolitik, Gesundheitspolitik», hatte Nancy Pelosi, die demokratische Mehrheitsführerin im Abgeordnetenhaus, Kamala Harris getweetet. Und Harris hielt sich daran. Ob sich das Thema um Corona oder die anstehende Wahl der Bundesrichterin Amy Coney Barrett drehte, immer wieder warnte sie die Zuschauer eindringlich und direkt in die Kamera sprechend: «Wird Trump wieder gewählt, werdet ihr nicht mehr geschützt sein, wenn ihr Diabetes, Herzleiden oder Krebs habt. Und rund 20 Millionen Menschen werden mitten in einer Pandemie ihren Krankenkassenschutz verlieren.»

Corona-Testzentrum in New York: Das Virus ist das dominierende Thema im Wahlkampf.
Corona-Testzentrum in New York: Das Virus ist das dominierende Thema im Wahlkampf.
Bild: keystone

Mike Pence suchte derweil sein Heil bei den Themen Steuern und Fracking. Fälschlicherweise behauptete er, Biden wolle die rund 2000 Dollar, die ein mittelständischer amerikanischer Haushalt dank Trumps Steuerreform einspart, wieder rückgängig machen. Biden will nur die Steuern für Einkommen über 400’000 Dollar erhöhen.

Biden will auch das Fracking nicht verbieten, wie Pence ebenfalls immer wieder betonte. Der Vize wollte damit die Wähler in den Bundesstaaten des Mittleren Westens auf seine Seite ziehen. In Ohio und Pennsylvania sorgt das Fracking für viele Jobs, und die Stimmen in diesen Staaten könnten am 3. November matchentscheidend sein.

Harris konnte hingegen darauf verweisen, dass die Öko-Pläne von Biden rund sieben Millionen mehr Jobs schaffen würden als die Wirtschaftspolitik von Trump. Berechnet hat dies eine Studie der angesehenen Ratingagentur Moody’s. In Verlegenheit geriet sie indes, als sie die Unterschiede ihres Ökoplans mit dem Green New Deal des progressiven Flügels der Demokraten erklären musste. Hier konnte Pence einen seiner wenigen Punkte sammeln.

In der Form hat sich die Debatte der beiden Vizes wohltuend von der Krawallnacht der beiden Präsidentschaftskandidaten unterschieden. Pence spielte den erwartet defensiven Part, war nie brillant, aber auch selten beleidigend. Er musste zwar von der Moderatorin Page öfters ermahnt werden als Harris, doch im Vergleich zu Trump war er geradezu handzahm.

Kamala Harris wirkte sympathischer als der roboterhafte Pence.
Kamala Harris wirkte sympathischer als der roboterhafte Pence.
Bild: keystone

Handzahm gab sich auch Harris. Sie wirkte nie aggressiv und lächelte meist in die Kamera, selbst wenn Pence die Fakten verdrehte. Nur als er ihre Leistung als Staatsanwältin und Justizministerin in Frage stellte, wurde der Ton ihrer Stimme für ein paar Sekunden schneidender.

Die Vize-Debatte ist in der Regel bloss eine Fussnote im Kampf ums Weisse Haus. Das Duell Harris/Pence wird daran nichts ändern. Es wird kaum einen Einfluss auf die Wahlen haben. Immerhin kann Harris für sich in Anspruch nehmen, der Versuchung widerstanden zu haben, den faden Pence aggressiv zu attackieren und ihm so Profil zu verleihen.

Dem amtierenden Vize ist es derweil nicht gelungen, Harris in Bedrängnis zu bringen. Nur in der Frage, ob die Demokraten bei einem allfälligen Sieg die Anzahl der Bundesrichter erhöhen würden, wich Harris aus. Insgesamt konnte Pence jedoch sein Handicap Trump/Corona nie abschütteln.

Die Noten für Harris:

  • Gesamteindruck: 5,5
  • Fitness: 5,5
  • Inhalt: 5

Die Noten für Pence:

  • Gesamteindruck: 4,5
  • Fitness: 5
  • Inhalt: 4

Pence macht die Fliege

Vielleicht ist es die Fliege. Während einigen Minuten sass sie auf dem weissen Haar von Vizepräsident Mike Pence und lenkte das Fernsehpublikum vom Inhalt der Debatte ab. Sie könnte stärker in Erinnerung bleiben als das, was Pence und Gegenspielerin Kamala Harris im einzigen Aufeinandertreffen der Vize-Kandidaten im Wahlkampf gesagt haben.

Der zweite denkwürdige Punkt war ein Aspekt, der bei einem solchen Rededuell selbstverständlich sein sollte: Harris und Pence, durch Plexiglas und fast vier Meter Abstand getrennt, gingen respektvoll miteinander um. Ein einziges Mal drohte die Auseinandersetzung zu entgleisen, beim Thema Wirtschaft.

Was ist denn da auf seinem Kopf?
Was ist denn da auf seinem Kopf?
Bild: keystone

Der Kontrast zum Duell der beiden Präsidentschaftskandidaten in der Vorwoche konnte kaum grösser sein. Donald Trump und Joe Biden hatten sich in Cleveland eine üble Verbalprügelei geliefert, die auch langjährige Politbeobachter in den USA fassungslos machte. Die Vize-Debatte in Salt Lake City hingegen verlief ausgesprochen zivilisiert.

Moderatorin Susan Page, Politikchefin der Zeitung «USA Today», hatte gleich zu Beginn der Debatte den Tarif durchgegeben. Ihr grösstes «Problem» war, den Redefluss der beiden Partizipanten zu stoppen. Gleichzeitig legte Page die Latte hoch, indem sie dem Wahlvolk die «wichtigste Vize-Debatte der amerikanischen Geschichte» ankündigte.

Das hat etwas. Präsident Donald Trump ist 73 Jahre alt und an Covid-19 erkrankt. Joe Biden wäre bei seiner Vereidigung 78 Jahre alt. Bei beiden Vizes besteht eine reale Möglichkeit, dass sie ihre Chefs früher oder später im Präsidentenamt «beerben» könnten, was es in dieser Art vermutlich noch nie gegeben hat. Aber haben Harris und Pence auch geliefert?

Das Fazit fällt durchzogen aus. Beide hatten starke Momente, aber bei wichtigen Fragen vermieden sie eine klare Antwort. Das ist vor allem für Mike Pence ein Problem. Donald Trump liegt in den Umfragen deutlich hinter Biden zurück. Sein Vizepräsident war somit gefordert. Gleich zu Beginn geriet Pence in Rücklage. Es ging um Corona.

Waldbrände in Kalifornien: Nicht nur beim Thema Klimawandel bekundete Mike Pence Mühe.
Waldbrände in Kalifornien: Nicht nur beim Thema Klimawandel bekundete Mike Pence Mühe.
Bild: keystone

«Das amerikanische Volk ist Zeuge des grössten Versagens einer Regierung in der Geschichte unseres Landes geworden», geisselte Kamala Harris die Tatsache, dass die Pandemie in den USA mehr als 200’000 Menschen das Leben gekostet hat. Trump und Pence hätten die Bedrohung seit Ende Januar gekannt und sie vertuscht.

Der frühere Gouverneur von Indiana hatte Mühe, sich aus der Umklammerung zu befreien. Er behauptete, Trump habe früh die Einreisen aus China gestoppt, was in dieser Form nicht stimmt. Stärker war er beim Thema Wirtschaft. Er sagte, Joe Biden würde die Steuern für alle Amerikaner erhöhen. Und Kamala Harris sei 2019 «die linkste Senatorin» gewesen.

Es gehe nur um Einkommen über 400’000 Dollar, konterte die Senatorin aus Kalifornien. Sie versuchte, den strenggläubigen Evangelikalen, der die Evolutionslehre anzweifelt, als eine Art Wissenschaftsleugner anzuprangern, besonders beim Klima. Tatsächlich verweigerte Pence eine klare Antwort auf die Frage, ob der Klimawandel eine existentielle Bedrohung darstellt.

Mühe bekundete Pence bei Donald Trumps Sympathien für weisse Rassisten, als Harris ihn frontal attackierte. Er wich auch der Frage nach einer friedlichen Amtsübergabe im Falle einer Wahlniederlage aus. Kamala Harris wiederum wollte keine Antwort auf die Frage geben, ob die Demokraten den Supreme Court personell aufstocken wollen.

Die ehemalige Staatsanwältin hatte rhetorisch starke Momente. Insgesamt aber wurde man den Eindruck nicht los, dass Harris einige Gelegenheiten verpasste, verbale Treffer zu landen. Joe Biden wirkte in dieser Hinsicht gegen Donald Trump überzeugender, was doch ein wenig überrascht. Auch rang Harris wiederholt um die richtigen Worte.

Der ehemalige Radiomoderator Pence war sprachlich sattelfester. In Sachen Ausstrahlung überzeugte dafür die schwarze Demokratin, während der Vizepräsident roboterhaft wirkte. Einen wirklich «vernichtenden» Schlag konnten beide nicht anbringen, weshalb die Debatte wohl unentschieden endete – was dem demokratischen Ticket mehr nützt.

Neben der Fliege bleibt deshalb der anständige Umgang miteinander in Erinnerung, eine erfreuliche Abwechslung in der vergifteten US-Politlandschaft. Vize-Duelle haben in der Regel wenig Einfluss auf die Wahlen, aber manche Zuschauer werden bedauert haben, dass nicht dieses Duo für den Chefposten kandidiert.

Die Noten für Harris:

  • Gesamteindruck: 5
  • Fitness: 5
  • Inhalt: 4–5

Die Noten für Pence:

  • Gesamteindruck: 4–5
  • Fitness: 5
  • Inhalt: 3–4
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Donald Trump und das Coronavirus in 18 Zitaten

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