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Wie das Astroworld-Festival zum Albtraum wurde – in 6 Punkten

50'000 Menschen nahmen am Astroworld-Festival teil. Für acht von ihnen endete die Festivalnacht tödlich. Über 300 Verletzte mussten behandelt werden. Wie konnte das passieren?
07.11.2021, 08:5608.11.2021, 06:17

Die Vorfreude vor dem Festival

Über 50'000 Menschen pilgerten am 5. November in den Bundesstaat Texas, um in Houston das Astroworld-Festival zu besuchen. Vor drei Jahren wurde es durch den US-Rapper Travis Scott ins Leben gerufen. Letztes Jahr musste es aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden.

Entsprechend gross war die Vorfreude auf das diesjährige Astroworld-Festival. Schon zwei Stunden bevor Travis Scott das Festival eröffnete, versammelte sich die Menschenmenge vor der Bühne. Instagram-Userin Seanna Faith McCarty beschreibt in ihrem Instagram-Post, wie sich die Tragödie entfaltete:

«Ich weiss nicht, wie viele Menschen am Festival waren, aber ich weiss, dass jede einzelne Person vor der Bühne war.»

Zwei Stunden hätten sie so verharrt, das Bewegen der Füsse sei bereits zu diesem Zeitpunkt unmöglich gewesen. Jede Lücke war gefüllt.

Tragischer Showbeginn

Dann ging die Show los – und damit auch die Tragödie. Mit dem Erklingen der ersten Töne kam Bewegung in die Menschenmasse. Von hinten drängten sich Festivalbesucher nach vorne, berichtet McCarty. Sie wollten näher zur Musik, näher zur Bühne – mit Konsequenzen für diejenigen, die sich bereits vor Showbeginn dort positioniert hatten.

«Innerhalb der ersten 30 Sekunden des ersten Lieds begannen Menschen zu ertrinken – in anderen Menschen.»

Der Platz, der zuvor schon eingeschränkt war, wurde immer enger und enger. Atmen wurde unter diesen Umständen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. McCarty begriff, dass sie sich sofort aus dieser Lage befreien musste.

Eskalation in der Menge

Für ein Entkommen aus der Menge war es aber zu spät. «Bei einer Belegung von etwa 7 Personen pro Quadratmeter wird die Menschenmenge fast zu einer flüssigen Masse», beschrieb John Fruin, ein Forschungsingenieur, die Gründe von Desastern in Menschenmengen. Der Druck in einer solchen Masse könne so hoch werden, dass Menschen buchstäblich aus den Schuhen gehoben würden. Schliesslich ist es auch dieser Druck auf die Lungen, der bis zum Tod führen kann. Tod durch Ersticken: die häufigste Todesursache bei solchen Desastern.

Als aufgrund des enormen Druckes schliesslich die ersten Menschen stürzten, eskalierte die Situation.

«Als jemand fiel, öffnete sich ein Loch im Boden. Es war, wie wenn man einem Jenga Turm beim Einstürzen zusieht. Einer nach dem anderen wurde nach unten gesogen. Du konntest nicht wissen aus welcher Richtung der nächste Schub von hunderten von Menschen kam. Du warst der Welle ausgeliefert.»

Um ein Haar wäre sie selbst zu Boden gezogen worden. Ihre Blicke begegneten einem Mann, der mit dem Rücken auf dem Boden lag, sie schrie nach Hilfe, versuchte ihn zu schützen. Doch die Masse drängte sie zur Seite. Sie konnte nur noch zusehen, wie er unter trampelnden Füssen in der Menge verschwand. Ihr wurde klar, dass sie dringend etwas unternehmen musste.

Die Musik lief derweil weiter. Irgendwann schien Travis Scott eine bewusstlose Person entdeckt zu haben. Er hielt mitten im Lied inne und zeigte auf die Stelle, an der sich die Person befand. In anderen kursierenden Videos ist zu sehen, wie die bewusstlose Person über die Köpfe anderer Zuschauenden hinweg transportiert wird, während Scott wieder zu singen beginnt.

Weitere Videos zeigen, wie Ambulanzen versuchen, sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Statt Platz zu machen, klettern einige Festivalbesuchende unter empörten Ausrufen auf die Autos.

Einem Grossteil der Fans schien die Gefahr der Situation nicht bewusst gewesen zu sein.

Eine Heldin und ein Held

Schockiert von den Geschehnissen wollte McCarty etwas unternehmen, schreibt sie in ihrem Beitrag weiter. Es gelang ihr, auf eine Kameraplattform zu gelangen, wo sie den Kameramann auf die tragische Situation aufmerksam zu machen versuchte. Die Szene wurde festgehalten:

Sie schreit, dass Menschen dabei seien, zu sterben, doch der Kameramann hört ihr nicht zu. Ein anderer Mann kommt hinzu, auch er schenkt ihr kein Gehör und befiehlt ihr, die Plattform zu verlassen.

Dann zog sie den Ärger der Masse auf sich. Die Menge begann sie auszubuhen, den Ernst der Lage nicht begreifend.

Das gleiche Schicksal ereilte den 18-jährigen Ayden Cruz. Er stieg die Leiter zur Plattform hoch und rief die Menge zu Hilfe auf. «Menschen sind am Sterben!», schreit er sichtlich mitgenommen. Auch er stösst auf taube Ohren. «Beruhig dich!», hört man genervte Stimmen rufen.

Wurden ihre Hilferufe im Moment überhaupt nicht geschätzt, werden die beiden im Netz nun als Helden gefeiert.

Andernorts schienen die Menschen begriffen zu haben, welche Tragödie sich neben ihnen abspielte. Gemeinsam rufend forderten sie den Unterbruch der Show.

Doch Travis Scott dachte nicht daran. Stattdessen forderte er die Menschen auf, einen Daumen hochzuheben, falls es ihnen gut ginge. Die sichtbaren Daumen waren für ihn Bestätigung genug, dass alles in Ordnung sei.

Ein grosser Irrtum: Während er noch 30 Minuten weiter performte und seine Show nach Plan beendete, kämpften viele Menschen um ihr Leben. Mindestens 8 Menschen im Alter zwischen 14 und 27 Jahren starben. 300 weitere Menschen wurden verletzt, ein 10-jähriges Kind befindet sich in kritischem Zustand.

Die Suche nach den Verantwortlichen

Viele Details der Katastrophe seien noch unklar, sagte Polizeichefs von Houston, Troy Frinner, gegenüber den Medien. Man wisse nicht, wieso sich die Menge nach vorne drängte. Spekulationen seien nicht erwünscht, zitiert ihn die New York Times:

«Wir werden eine Ermittlung durchführen, um es herauszufinden. Es ist nicht fair für die Produzenten und alle Beteiligten, über die Gründe zu spekulieren, bis wir herausgefunden haben, was passiert ist.»

Im Netz wird dennoch schon hitzig darüber debattiert, wer denn nun die Schuld trage. Die Meinungen sind gespalten.

Während die einen Travis Scott beschuldigen, nicht eingegriffen zu haben, werfen andere ein, dass er ja nichts dafür könne.

Andere Menschen müssen auch Verantwortung übernehmen, so diese Person. Wenn die Menschen etwas konsumiert hätten, was zu einer Überdosis geführt habe, dann seien sie selbst schuld.

Damit spricht sie eine weitere kursierende Theorie an, die besagt, dass sich unter den Toten auch Menschen befänden, die an einer Drogen-Überdosis gestorben seien. Ob das wirklich der Fall ist, ist nicht bekannt. Einem Sicherheitsmann seien mutmasslich mit einer Nadel Drogen injiziert worden. Die sofortige Behandlung mit dem Gegengift Narcan rettete ihm das Leben.

Ermittler und Ermittlerinnen werden ihr Augenmerk zuerst auf das Sicherheitspersonal und die Sicherheitsvorbereitungen richten.

Dabei stellt sich auch die Frage, wieso nicht früher eingegriffen wurde. Als Antwort darauf wies Polizeichef Troy Finner darauf hin, dass ein Abbruch des Konzerts die Situation auch noch hätte verschlimmern können. Man könne nicht einfach schliessen, wenn man über 50'000 Personen habe. Man müsse mögliche Proteste und Krawalle in Betracht ziehen, wenn man eine so junge Gruppe habe.

Bereits am frühen Nachmittag – kurz nach Öffnung der Tore zum Festival-Gelände – kam es zu unschönen Szenen. Hunderte von Menschen stürmten den VIP-Eingang und verschafften sich so unberechtigt Zutritt zum Festival. Die Sicherheitskräfte versuchten sie erfolglos aufzuhalten.

Was sagt Travis Scott dazu?

Scott äusserte sich am Samstagvormittag (Ortszeit) auf Twitter zu dem Unglück. «In bin völlig am Boden zerstört, von dem was letzte Nacht passiert ist», schrieb der 29-jährige Rapper. Er werde für die Betroffenen und deren Angehörige beten. Die Polizei in Houston habe seine volle Unterstützung, den «tragischen Verlust von Leben» aufzuklären.

Am späteren Abend meldete er sich auch noch über Instagram-Stories zu Wort. Man arbeite daran, alle Familien zu identifizieren, um sie während dieser schwierigen Zeit zu begleiten.

Immer wenn er merke, dass etwas los sei, unterbreche er die Show, um ihnen die benötigte Hilfe zukommen zu lassen, sagt er weiter. «Ich hätte mir das Ausmass dieser Situation nie vorstellen können.»

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