Identität von Top-Schleuser hinter Ärmelkanal-Überfahrten enthüllt
Der 28-jährige Kardo Muhammad Amen Jaf operierte jahrelang unter dem Decknamen «Kardo Ranya» – ein Pseudonym, das er vom irakisch-kurdischen Ort Ranya übernahm, aus dem er stammen soll. Seine wahre Identität blieb so lange geheim, dass europäische Strafverfolgungsbehörden keinen internationalen Haftbefehl gegen ihn erwirken konnten.
Die BBC-Journalisten Rob Lawrie und sein Kollege folgten einer Spur von Migranten-Camps an der nordfranzösischen Küste bis in den irakischen Kurdistan und konfrontierten Jaf schliesslich mit den Vorwürfen. Dieser bestritt, ein Schleuser zu sein, und sagte, er habe Menschen lediglich beraten, wie sie den Irak verlassen könnten.
Netzwerk mit Routen von Afghanistan bis Grossbritannien
Laut Dan Cannatella-Barcroft, stellvertretender Direktor der britischen National Crime Agency (NCA), wird der Grossteil des kriminellen Kleinboot-Geschäfts über den Ärmelkanal von Kurden kontrolliert. Mehrere Schleuser aus Ranya oder mit Verbindungen dorthin wurden zuletzt von der NCA ins Visier genommen.
Der kurdische Parlamentsabgeordnete Dr. Muthana Nader sagte gegenüber der BBC: «Wenn man diese Schleuser aus Ranya wirklich fasst, könnte man 70 Prozent des Migrationsproblems in Grossbritannien lösen.» Jafs Netzwerk bietet laut einem ehemaligen Schleuser Transporte von Irak bis nach Grossbritannien für rund 17'000 Euro an – teurer als die Konkurrenz, aber mit dem Versprechen einer sichereren Reise.
Todesfall bei Kanalüberfahrt
Im Zusammenhang mit Jafs Aktivitäten berichteten die BBC-Journalisten auch vom Schicksal des 24-jährigen Shwana aus Ranya. Er bestieg im November letzten Jahres mit rund 100 weiteren Personen ein Boot, das für weniger als 20 Passagiere ausgelegt war. Das Schiff begann während der Überfahrt zu sinken. Vier Personen gingen dabei über Bord und verschwanden, darunter Shwana. Sein Leichnam wurde nie gefunden.
Jaf räumte gegenüber der BBC ein, gewusst zu haben, dass bei jener Überfahrt eine Person vermisst wurde. Er bestreitet jedoch jeden Zusammenhang mit dem Vorfall. Die Telefonnummer, von der er die Journalisten anrief, war danach nicht mehr erreichbar. Ein Mitglied seiner Gruppe, Noah Aaron, wurde kürzlich in Frankreich zu zehn Jahren Haft verurteilt – unter anderem wegen Geldwäsche und der Organisation illegaler Einreisen. Jaf selbst ist derzeit mindestens einer europäischen Polizeibehörde zur Befragung gesucht, sein Aufenthaltsort ist unbekannt. (mke)
