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Säuberungswelle: Putin riskiert den Machtkampf mit dem Militär

Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu: Offenbar sucht der russische Präsident in ganz Russland nach Verstärkung für das Militär.
Wladimir Putin mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu (Archivbild).Bild: imago images

Putin beseitigt Generäle, deren Gehorsam in Zweifel steht – im Militär brodelt es

Es gibt deutliche Hinweise auf eine Säuberungswelle innerhalb des russischen Militärs. Demnach stellt das Putin-Regime mehrere erfolgreiche Generäle kalt. Die Folgen könnten dramatisch sein.
19.07.2023, 16:0719.07.2023, 17:02
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Ein Artikel von
t-online

Es hatte sich schon eine Weile angekündigt, nun gibt es weitere Indizien: Der russische Machthaber Wladimir Putin scheint immer rigoroser gegen die eigene Militärführung vorzugehen. Wie die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) berichtet, hat die russische Armee einigen ihrer besten Generäle das Kommando entzogen. Und zwar ausgerechnet jenen, die über viel Kampferfahrung verfügen und ihre Einheiten im Ukraine-Krieg erfolgreich führten.

Neben dem Befehlshaber der 58. Armee, Generalmajor Iwan Popow, und dem Befehlshaber der 106. Garde-Luftlandedivision, Generalmajor Wladimir Seliverstow, soll laut Informationen des ISW auch der Befehlshaber der 7. Garde-Luftlandedivision, Generalmajor Alexander Kornew, bereits Anfang Juli von seinen Aufgaben entbunden worden sein. Russische Militärblogger hatten dahin gehende Spekulationen schon vor einigen Tagen geäussert, nun bestätigt das in der Regel gut informierte ISW diese Entwicklung.

Doch damit nicht genug. Auch weitere hochrangige Militärs stehen laut ISW vor dem Aus. So sollen die Behörden den Befehlshaber der 90. Panzerdivision, Generalmajor Ramil Ibatullin, festgenommen haben. Ein Schicksal, das dem Befehlshaber der 31. Garde-Luftangriffsbrigade, Oberst Sergej Karasew, und dem Kommandeur der Luftlandetruppen, Generaloberst Michail Teplinski, ebenfalls bald drohen könnte.

Ein Schlag gegen einige der kampfstärksten Einheiten Russlands

Um Teplinski hatten sich zuletzt bereits Spekulationen gerankt, er könne den Platz von Verteidigungsminister Sergej Schoigu einnehmen. Zwar blieb Schoigu im Amt, was aber nicht heisst, dass es nicht einen Versuch innerhalb des Militärs gegeben haben könnte, ihn zu stürzen und durch Teplinski zu ersetzen. Verteidigungsminister Schoigu gilt als enger Vertrauter und langjähriger Weggefährte Wladimir Putins.

Der gelernte Bauingenieur zog seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges immer wieder die Kritik ultranationalistischer Kriegsblogger auf sich, die ihm Inkompetenz vorwarfen. Schoigu kann keine Karriere in der Armee vorweisen, Kritiker halten ihm daher mangelnde Erfahrung in militärstrategischen Fragen vor.

General Leutenant Ivan Popov.
Generalmajor Iwan Popow wird offenbar Gehorsamsverweigerung und Missachtung der militärischen Befehlskette vorgeworfen.Bild: RUSSIAN DEFENCE MINISTRY

Das ISW betont, dass seine Informationen bislang unbestätigt sind. Allerdings folgten die Erkenntnisse einem bestimmten Muster von Entscheidungen innerhalb des russischen Militärs, die sich in der Vergangenheit zumeist als zutreffend erwiesen hatten. Angesichts des Ausmasses der Abberufungen lasse sich von einer regelrechten Säuberungswelle sprechen, heisst es.

Welche Auswirkungen die vermeintlichen Entlassungen und Verhaftungen auf die Moral der russischen Truppen in der Ukraine haben, kann nur spekuliert werden. Laut Militärexperten wohl keine guten. Einige der Geschassten sollen mit ihren Einheiten zuletzt durchaus erfolgreich Widerstand gegen die ukrainische Gegenoffensive geleistet haben. Insbesondere in den schwer umkämpften Regionen Saporischschja und Bachmut hätten sich ihre Soldaten bewährt.

An Gerassimow vorbei bei Putin beschwert

Als Grund für das Vorgehen des russischen Oberkommandos nannten die Militärexperten Versuche der geschassten Generäle, die Befehlskette zu umgehen. So hätten sich Popow, Seliwerstow, Kornew und andere offenbar direkt an den russischen Machthaber Putin gewandt und nicht an Waleri Gerassimow, den Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte, um ihn über ihre Bedenken angesichts des militärischen Vorgehens in der Ukraine zu unterrichten. Es wäre ein gravierender Verstoss gegen die militärischen Gepflogenheiten.

FILE - Russian President Vladimir Putin, center, speaks with Chief of the General Staff Gen. Valery Gerasimov, left, and Russian Defense Minister Sergei Shoigu, after a meeting with senior military of ...
Wladimir Putin mit seinen ergebenen Gefolgsleuten Waleri Gerassimow (l.) und Sergei Schoigu.Bild: keystone

Dass es in der russischen Armee rumort, dafür spricht auch eine Audioaufnahme, die russische Militärblogger in sozialen Netzwerken teilten. Darin sind Angehörige der 7. Garde-Luftsturmdivision zu hören, einer Eliteeinheit der russischen Armee, die in der Region Cherson stationiert ist. Sie drohen mit Befehlsverweigerung und dem Rückzug von ihren Posten, sollte die Armeeführung General Tiplinski verhaften oder gar umbringen. Die Echtheit der Aufnahme konnte bislang nicht bestätigt werden.

Seit dem Wagner-Putsch am 23. und 24. Juni hatte es immer wieder Spekulationen darüber gegeben, ob Jewgeni Prigoschin Verbündete innerhalb des Militärs hat, und wenn ja, wer diese sind. Während Prigoschin und seine Söldnerarmee unbehelligt geblieben sind, wurden in den Tagen danach hochrangige Militärs von ihren Aufgaben entbunden oder sie verschwanden aus der Öffentlichkeit, wie General Sergej Surowikin. Er soll über die Putsch-Pläne Prigoschins unterrichtet gewesen sein und wurde seit Wochen nicht gesehen.

FILE In this photo released by Russian Defense Ministry Press Service on Saturday, June 24, 2023, The top Russian military commander in Ukraine, Gen. Sergei Surovikin records his appeal to armed rebel ...
General Sergei Surowikin wurde seit dem Wagner-Putschversuch Ende Juni nicht mehr gesehen. Er soll unter Arrest stehen.Bild: keystone

Nur fünf Tage nach der Meuterei trifft Putin Prigoschin

Prigoschin selbst hält sich an einem unbekannten Ort auf. Ein Teil seiner Söldner wurde in den vergangenen Tagen offenbar nach Weissrussland verlegt, wie Videoaufnahmen in sozialen Netzwerken zeigten. Dort sollen sie unter dem Schutz des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko stehen.

Wladimir Putin hatte sich am 29. Juni sogar mit Prigoschin und einem Teil von dessen Wagner-Kommandeuren getroffen. Nur fünf Tage nachdem der Oligarch mit seiner Söldnertruppe einen Marsch auf Moskau gestartet und dabei mehrere russische Militärhubschrauber abgeschossen und reguläre Soldaten getötet hatte. Der Kreml hatte das Treffen später bestätigt.

«Putin hörte sich die Ausführungen der [Wagner-]Kommandeure an und eröffnete ihnen Möglichkeiten für eine Weiterbeschäftigung im Kampfeinsatz [für die russische Armee]», sagte Kremlsprecher Dimitri Peskow. Ein durchaus ungewöhnlicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass es ausgerechnet die Wagner-Gruppe war, die mit ihrer Meuterei die russische Militärführung stürzen wollte.

Sollte Putin mit den Entlassungen hochrangiger und vor allem im Kampfeinsatz erfolgreicher Generäle nun weite Teile des Militärs gegen sich aufbringen, könnten die Folgen dramatisch sein. Militärexperten sehen darin die Keimzelle für mögliche weitere Umsturzversuche. Diese könnten für den Kremlherrscher zur ernsten Bedrohung seiner Diktatur werden. (cc, t-online)

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Der Wagner-Aufstand in 25 Bildern
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Der Wagner-Aufstand in 25 Bildern
Sicherheitskräfte und gepanzerte Fahrzeuge besetzen das Hauptquartier der russischen Armee des südlichen Militärbezirks, 24. Juni 2023.
quelle: epa / stringer
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Hilferufe von der Front – russische Soldaten appellieren mit Videos an Putin
Video: watson
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18 Kommentare
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Macca_the_Alpacca
19.07.2023 18:21registriert Oktober 2021
Was dieser Putin doch alles für Probleme hat. Mal ist er pleite, mal die Armee marode bis ins Mark, mal ist er todkrank, mal stehen seine Truppen kurz vor dem Kollaps, und so weiter und so fort.

Fakt ist, seien Truppe halten immer noch 18% des Ukrainischen Territoriums unter Kontrolle. Europa sollte unbedingt die Rüstungsindustrie auf Hochtouren laufen lassen um die Ukrainer mit Waffen zu versorgen und zwar so schnell wie möglich.
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Liebu
19.07.2023 17:52registriert Oktober 2020
So hätten sich Popow, Seliwerstow, Kornew und andere offenbar direkt an den russischen Machthaber Putin gewandt und nicht an Waleri Gerassimow, den Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte, um ihn über ihre Bedenken angesichts des militärischen Vorgehens in der Ukraine zu unterrichten.

Sie sind wenigstens nicht mit ihren zig-Tausend Kämpfern Richtung Moskau gezogen um vorstellig zu werden.
Ich denke aber, das könnten wir durchaus noch erleben, wenn es so weitergeht.
Intern aufräumen ist OK, aber sie sollten ganz oben anfangen und seine Vasallen dazu.
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Haarspalter
19.07.2023 18:19registriert Oktober 2020
Je mehr Putin „säubert“, desto schmutziger wird es.
Deshalb wurde er wohl Präsident und nicht Raumpfleger.
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