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Wie veraltete Raketen der Russen in der Ukraine unnötig Opfer fordern – in 4 Punkten

Alte, sowjetische Raketen sollen in der Ukraine zum verheerenden Desaster im Einkaufszentrum in Krementschuk geführt haben – die Raketen seien schlicht zu ungenau, analysiert ein Experte.
29.06.2022, 17:1330.06.2022, 16:26

Der Krieg in der Ukraine hat sich mittlerweile grösstenteils in den Donbas verlegt, den Osten der Ukraine. Doch am Montag gab es eine riesige Explosion in der Zentralukraine.

Die Explosion wurde von einer russischen Rakete ausgelöst, die in ein belebtes Einkaufszentrum in Krementschuk einschlug. Mindestens 18 Menschen kamen bei diesem russischen Angriff ums Leben, rund 60 Menschen wurden teils schwer verletzt, wie der Gouverneur des Gebiets Poltawa, Dmytro Lunin, mitteilte.

Feuerwehrmänner sichern das ausgebrannte Einkaufszentrum Amstor, 27. Juni 2022.
Feuerwehrmänner sichern das ausgebrannte Einkaufszentrum Amstor, 27. Juni 2022.Bild: keystone

Nun erklärt der britische Militärhistoriker Chris Owen auf Twitter, dass das Blutbad von der russischen Armee vielleicht gar nicht so gewollt war und die Rakete einfach ihr eigentliches Ziel verfehlt habe – weil sie so uralt ist.

Die Raduga-Ch-22

Die Analyse des britischen Militärhistorikers beruht auf den Eigenschaften der Rakete, die in Krementschuk im Einkaufszentrum einschlug. Es handelt sich mutmasslich um eine Raduga-Ch-22-Rakete. Ein regelrechtes Ungetüm: Mehr als 11 Meter lang und über 5600 Kilogramm schwer ist die Langstrecken-Luft-Boden-Lenkwaffe.

Die ersten Ch-22-Raketen standen den sowjetischen Marine-Fliegerstreitkräften ab 1962 zur Verfügung, denn ursprünglich war die Ch-22 vor allem dazu konzipiert worden, Flugzeugträger und Seekriegsverbände der Nato zu zerstören – und zwar mit einem einzigen Einschlag. Dazu wurden die Raketen so gebaut, dass sie unglaublich schnell sind und wahlweise auch mit einem atomaren Sprengsatz bestückt werden können.

Der Hersteller der Raketen, MKB Raduga, gibt die Reichweite der Waffe mit 500 Kilometer an. Die Ch-22 hat eine relativ komplizierte Flugbahn, weshalb es auch eher schwierig ist, sie abzufangen.

Die Ch-22 sind eher unberechenbar, denn sie haben eine kreisförmige Fehlerwahrscheinlichkeit von 200 bis 300 Metern. Das bedeutet, dass sie jeden Punkt in dieser Entfernung vom beabsichtigten Ziel treffen könnten. Und genau diese grosse «Fehlertoleranz» könnte in Krementschuk den Ukrainer zum Verhängnis geworden sein, wie der britische Militärhistoriker Chris Owen auf Twitter analysiert:

Das sagt der Experte

Die mutmasslichen Ch-22-Raketen, die im Einkaufszentrum Amstor in Krementschuk einschlugen, sollen von einem Tu-22-Bomber über der westrussischen Stadt Kursk abgefeuert worden sein. Krementschuk und Kursk liegen rund 450 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt – eine Strecke, die innerhalb der Reichweite der Ch-22-Raketen liegt.

Eine weitere Bombe schlug in unmittelbarer Nähe des Einkaufszentrums in einem Sportstadion ein.

Das ausgebrannte Einkaufszentrum Amstor in Krementschuk in  am 28. Juni 2022.
Das ausgebrannte Einkaufszentrum Amstor in Krementschuk in am 28. Juni 2022.Bild: keystone
Eine entsetzte Frau legt Blumen nieder für die Opfer des Anschlags, 28. Juni 2022.
Eine entsetzte Frau legt Blumen nieder für die Opfer des Anschlags, 28. Juni 2022.Bild: keystone

Owen vermutet, dass das Ziel des russischen Angriffs gar nicht das Einkaufszentrum oder das Sportstadion gewesen seien, sondern die PJSC Kredmash, eine Maschinenfabrik. Das Industrie-Werk liegt mitten in der Stadt – umgeben von ziviler Infrastruktur und Wohnungen. Und das Einkaufszentrum Amstor liegt direkt südlich des Werks.

Wie aus einer Mitteilung der russischen Botschaft in London hervorgeht, gingen die russischen Streitkräfte davon aus, dass in der Maschinenfabrik Waffen und Munition gelagert waren, die von den USA und europäischen Ländern geliefert worden sind.

Bild: google maps / watson

Mit einer modernen Rakete wie einer 3M-54 Kalibr-Rakete (die ebenfalls von der MKB Raduga hergestellt werden) hätte Russland die Maschinenfabrik ohne grossen zivilen Kollateralschaden genau treffen können, ist sich Owen sicher. Doch mit der alten Sowjet-Waffe, die eigentlich dazu konstruiert wurde, Flugzeugträger in die Luft zu jagen, nahm die russische Armee bewusst in Kauf, zivile Ziele zu treffen.

«Der Treffer im Einkaufszentrum war mit ziemlicher Sicherheit unbeabsichtigt, aber der Einsatz einer so ungenauen Waffe machte es wahrscheinlicher. Wenn es nicht das Einkaufszentrum gewesen wäre, hätten es genauso gut die Zivilgebäude im Osten oder Westen der Fabrik sein können.»

Die russische Propaganda

Die russische Propaganda läuft seit dem Anschlag auf das Einkaufszentrum in Krementschuk erneut auf Hochtouren. Doch einiges lässt sich mit öffentlich zugänglichen Informationen belegen oder nachzeichnen.

Die russische Botschaft in Grossbritannien behauptete zum Beispiel, dass im Einkaufszentrum gar keine Menschen waren zum Zeitpunkt des Anschlags (auf die Maschinenfabrik, wohlgemerkt):

«Die Detonation der gelagerten Munition verursachte einen Brand in einem nicht geöffneten Einkaufszentrum neben den Einrichtungen der Anlage.»

Die russische Propaganda behauptete also, dass das Einkaufszentrum zum Zeitpunkt des Einschlags gar nicht geöffnet war.

Tatsächlich ist das Einkaufszentrum auf Google seit einigen Wochen als «geschlossen» vermerkt, aber einzelne Läden haben seit Juni wieder geöffnet, wie die «Bild»-Zeitung anhand von älteren Telegram-Nachrichten rekonstruiert hat, in denen die aktualisierten Öffnungszeiten angegeben werden. Zudem berichten mehrere Augenzeugen gegenüber «BBC» und der «Bild», dass sie in den letzten Tagen und Wochen im Einkaufszentrum waren.

Ein Bild der Zerstörung: Das Einkaufszentrum Amstor in Krementschuk nach dem Anschlag, 29. Juni 2022. Die russische Botschaft in Grossbritannien behauptet, dass das Feuer von den Explosionen in einem nahegelegenen Gebäude ausgelöst worden sei – und nicht von einer Rakete.
Ein Bild der Zerstörung: Das Einkaufszentrum Amstor in Krementschuk nach dem Anschlag, 29. Juni 2022. Die russische Botschaft in Grossbritannien behauptet, dass das Feuer von den Explosionen in einem nahegelegenen Gebäude ausgelöst worden sei – und nicht von einer Rakete. Bild: keystone

Weiter behauptet die russische Botschaft in Grossbritannien, dass man das Ziel (nämlich die Maschinenfabrik) exakt getroffen habe, aber dass die explodierende Munition ein Feuer im nahegelegenen Einkaufszentrum entfacht habe. Videoaufnahmen von Sicherheitskameras, die «Bild» einsehen konnte, zeigen, wie «eine Rakete, die sich von rechts kommend dem Einkaufszentrum nähert und mit einer Mega-Explosion im hinteren Bereich des Gebäudes einschlägt». Und widerlegen so die russische Behauptung.

Eine weitere russische Behauptung besagt, dass der Vorfall von der Ukraine inszeniert worden sei – analog zu Butscha. Die Geschichten wurden über russische Telegram-Kanäle und von Dmitry Polyanskiy, dem stellvertretenden Botschafter Russlands bei den Vereinten Nationen, verbreitet. Allerdings wurden für diese Behauptung bislang keine stichhaltigen Beweise angeboten von russischer Seite.

Warum setzen die Russen so alte, ungenaue Waffen ein?

Bereits am 9. Mai vermutete der britische Geheimdienst, dass Russland mittlerweile auf weniger genaue Munition zurückgreifen müsse, weil es Schwierigkeiten habe, die bereits verbrauchten Präzisionswaffen zu ersetzen.

Klar ist: Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde mehrmals der Einsatz von russischen Raduga-Ch-22-Raketen gemeldet. Besonders häufig in der Region Donezk.

Am 30. Mai gelang es der ukrainischen Luftwaffe jedoch erstmals, eine Ch-22 mit einer R-27-Rakete abzuschiessen. Am Pfingstsonntag wurden mutmasslich fünf Ch-22 von russischen Bombern in Richtung Kiew abgefeuert, von denen eine abgefangen werden konnte.

Owell schliesst seine Erläuterung mit den Worten:

«Russland gehen höchstwahrscheinlich ihre Kalibrs (Präzisionswaffen) aus. Und ihre Kommandeure kümmern sich wahrscheinlich nicht besonders um die Risiken für Zivilisten. Aus Mangel an Sorgfalt und einem Mangel an präzisen Raketen sind jetzt wahrscheinlich Dutzende tot.»

Explosion Einkaufszentrum Ukraine

Video: watson
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Russischer Ex-Offizier spricht über Ukraine und den Krieg

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40 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Homelander
29.06.2022 18:08registriert Oktober 2014
Es gibt nur unnötige Opfer.
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Tycho Brahe
29.06.2022 17:47registriert Januar 2022
Das “collateral damage assessment” wurde auf die russische Art gemacht 🤯.

Btw: könnt ihr im Titel jeweils weglassen in wie vielen Punkten ihr das Thema abhandelt? Ich lese den Artikel nicht eher, wenn’s nur 4 Punkte hat statt 15… 🧐
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Firborn
29.06.2022 17:26registriert Dezember 2020
Kriegsverbrechen. Das Leben der Zivilisten ist einem egal.
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