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Eine verletzte schwangere Frau wird nach dem Angriff auf das Spital in Sicherheit gebracht.
Eine verletzte schwangere Frau wird nach dem Angriff auf das Spital in Sicherheit gebracht.Bild: keystone

Die russische Attacke auf ein Kinderspital in Mariupol – und ihre Vorgeschichte in Syrien

In der ukrainischen Hafenstadt Mariupol soll die russische Armee eine Geburtsklinik dem Erdboden gleich gemacht haben. Was die Ukraine, Russland sowie die Schweiz dazu sagen. Und wo Russland ähnlich vorgegangen ist.
10.03.2022, 11:5310.03.2022, 13:24

Ein Angriff auf frischgeborene Babys und ihre Mütter: Die russische Armee soll gestern eine Geburtsklinik in der Hafenstadt Mariupol in Schutt und Asche gebombt haben. Drei Menschen starben laut dem stellvertretenden Bürgermeister bei der Attacke – darunter ein Kind. 17 Menschen seien verletzt worden.

Der riesige Bomben-Krater im Innenhof des Spitals.
Der riesige Bomben-Krater im Innenhof des Spitals.Bild: keystone

Auch in Schytomyr, einer Stadt westlich von Kiew, seien Bomben auf zwei Spitäler – eines davon ein Kinderspital – gefallen, wie der örtliche Bürgermeister Serhii Sukhomlyn auf Facebook mitteilte.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat seit Beginn der russischen Invasion insgesamt 18 Angriffe auf medizinische Einrichtungen nachgewiesen. Zehn Menschen seien dabei bereits getötet worden, so die WHO.

Warum dieser Vorfall nicht das erste Mal in der jüngsten Vergangenheit ist, dass das gezielte Zerstören von Gesundheitseinrichtungen zur russischen Kriegsstrategie gehört – und was die verschiedenen Parteien zu den Nachrichten aus Mariupol sagen:

Das sagt die Ukraine

Die Ukraine klagt an – auf Russisch fragte der ukrainische Präsident Wolodmyr Selenskyj in seiner nächtlichen Videoansprache: «Ein Kinderkrankenhaus. Ein Entbindungskrankenhaus. Wie haben sie die Russische Föderation bedroht?» Und weiter: «Was ist Russland für ein Land, wenn es Angst vor Krankenhäusern hat, Angst vor Entbindungskliniken, und diese zerstört?» Selenskyj adressierte in seiner Rede auch an den Westen, endlich noch härtere Sanktionen zu verhängen, «damit Russland keine Möglichkeit mehr hat, diesen Genozid fortzusetzen».

Diese hochschwangere Frau flüchtet aus dem Krankenhaus.
Diese hochschwangere Frau flüchtet aus dem Krankenhaus. Bild: keystone

Ein paar Stunden zuvor hatte Selenskyj ein Video aus dem zerstörten Spital getwittert. Darin zu sehen: Wände, ursprünglich gestrichen in bunten und fröhlichen Farben; zertrümmertes Mobiliar von Krankenzimmern und Büroräumen; ein Feuerschlauch, der mittlerweile nutzlos an der Wand hängt; Pflanzen, die am Ende des Gangs stehen, scheinen das einzige zu sein, das dem russischen Angriff getrotzt hat.

Zu diesen schockierenden Bildern fordert der ukrainische Präsident die westliche Welt erneut auf, über der Ukraine eine Flugsperrzone auszurufen:

«Heute hat Russland ein riesiges Verbrechen begangen», sagte Wolodymir Nikulin, ein hoher regionaler Polizeibeamter zur amerikanischen TV-Sender «abc», während er in den Trümmern des Spitals stand. «Das ist ein Kriegsverbrechen, für das es keine Rechtfertigung gibt.»

Das sagt Russland

Russland bezeichnete die Behauptung der Ukraine, sie habe ein Kinderkrankenhaus in Mariupol bombardiert, als «Fake News».

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hat die Vorwürfe des Angriffs auf die Geburtsklinik zurückgewiesen. Russland habe bereits am 7. März die Vereinten Nationen informiert, dass in der ehemaligen Klinik kein medizinisches Personal mehr sei, sondern ein Lager ultraradikaler Kämpfer des ukrainischen Bataillons Asow, sagte Lawrow am Donnerstag in Antalya nach Gesprächen mit dem ukrainischen Aussenminister Dmytro Kuleba.

Lawrow sprach von einer «Manipulation» der gesamten Welt mit Informationen zu mutmasslichen Gräueltaten der russischen Armee.

Betten, Fenster, Inkubatoren: alles zerstört.
Betten, Fenster, Inkubatoren: alles zerstört.Bild: keystone

Dmitry Polyanskjy, erster Stellvertreter des ständigen Vertreters Russlands bei den Vereinten Nationen, schrieb zuvor auf Twitter, dass Russland bereits am 7. März davor gewarnt habe, dass das Krankenhaus von radikalen Ukrainern in ein militärisches Objekt umgewandelt worden sei. Und er ergänzte, dass es äusserst beunruhigend sei, dass die UNO solche Falschinformationen auch noch verbreiteten. Wobei er sich dabei auf einen Tweet bezieht von António Guterres, amtierender Generalsekretär der Vereinten Nationen, in dem dieser die Bombardierung des Spitals als «sinnlose Gewalt» bezeichnet:

Das sagt die Schweiz

Die offizielle Schweiz bezog klar Stellung zur Bombardierung des Kinderspitals und verurteilt «den unfassbaren Akt der Unmenschlichkeit aufs Allerschärfste.» Weiter impliziert die Stellungnahme des Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), dass Russland mit diesem Angriff aus Sicht der Schweiz das Völkerrecht gebrochen habe.

Das zerstörte Kinderspital sei zudem früher von der Schweiz unterstützt worden:

Was sagt das Völkerrecht?

Das humanitäre Völkerrecht sieht besonderen Schutz für medizinisches Personal und medizinische Einrichtungen vor, um das Funktionieren der Gesundheitsversorgung während eines Konflikts zu gewährleisten. Zudem verbietet das humanitäre Völkerrecht das gezielte Angreifen von Zivilisten, einschliesslich verwundeter Kämpfer, die versorgt werden. Sollte die russiche Armee in der Ukraine also tatsächlich Spitäler gezielt angreifen, könnte das Russland als Kriegsverbrechen in diesem Konflikt zur Last gelegt werden.

Wie Russland in Syrien Spitäler bombardierte

Russland war in der Vergangenheit in ähnliche Kriegsverbrechen verwickelt: Auch im Syrienkrieg wurden während militärischen Auseinandersetzungen Spitäler (und Schulen) angegriffen. Eine Karte der Menschenrechtsorganisation «Physicians for Human Rights» dokumentiert 244 solcher Angriffe durch Russland und der verbündeten Assad-Regierung zwischen den Jahren 2011 und 2021:

Bild: syriamap.phr.org

Im Report «Nowhere is safe for us» aus dem Jahr 2020 hat die Menschenrechtsorganisation «Amnesty International» aufgearbeitet, in welcher Rolle Russland in die Kriegsverbrechen in Syrien involviert war – zum einen mit dem Bereitstellen von Waffen, zum anderen durch direkte Angriffe auf zivile Infrastruktur in Syrien. So wird im Report zum Beispiel beschrieben, wie das «Al-Shami Hospital» in Ariha in Idlib am 29. Januar 2020 von russische Truppen zwischen 22.30 und 23.00 Uhr durch eine Serie von drei Luftangriffen gezielt zerstört worden sei. Am 5. Mai 2019 bombardierten russische Piloten innert 12 Stunden gleich vier syrische Spitäler.

Der Internationale Strafgerichtshof hat Ermittlungen gegen Russland wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen in der Ukraine aufgenommen.

(yam)

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40 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Liebu
10.03.2022 12:44registriert Oktober 2020
Also hat Russland die Attacke auf das Spital selber zugegen, mit der Begründung es seien keine Patienten und Personal mehr dort und werde von Asow Kämpfern benutzt um die Bombardierung zu rechtfertigen.
Die Opfer sehen aber jetzt nicht wirklich nach Asow Kämpfern aus und trotzdem wird das immer noch als Grund angeführt. Einfach nur tragisch.
Ich dachte mal, es könnte ja auch sein, dass die Führung nicht genau weiss, was ihre Soldaten anrichten, aber mit dieser Aussage zeigen sie, dass sie es wissen, selber anordnen und auch noch schönreden.
Was kommt wohl als Nächstes?
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Aspirin
10.03.2022 12:07registriert Januar 2015
Unterste Schublade🤮
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Salvatore_M
10.03.2022 12:36registriert Januar 2022
Präzise Militärschläge gab es nur zu Beginn. Jetzt bombt die russische Armee nur noch alles in Schutt und Asche. Ohne Rücksicht auf Verluste. Für die unschuldigen Menschen vor Ort in Mariupol einfach nur die Hölle. Nicht mal Evakuierungen erlaubt die russische Armee. Und zwar Evakuierungen nach Westen, wo sich die Flüchtlinge in echte Sicherheit bringen können. Würden die erschöpften Flüchtlinge in den Donbass evakuiert, würden sie dort nur erneut drangsaliert und wären nicht in Freiheit.
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