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Russland

So ist die Stimmung in Russland nach 9 Monaten «Spezialoperation»

The newly opened ferris wheel at VDNKh, The Exhibition of Achievements of National Economy is seen against the Ostankinskaya TW Tower half in the clouds in Moscow, Russia, Friday, Nov. 25, 2022. (AP P ...
Moskau bei Nacht: Der Krieg in der Ukraine hat längst jede Stube der Stadt erreicht. Bild: keystone

Nichts hören und sehen: So ist die Stimmung in Russland nach 9 Monaten «Spezialoperation»

Russlands Sommer der Verdrängung ist einem Herbst der Sorgen gewichen. Der Krieg in der Ukraine ist nun in jedem Wohnzimmer des Landes. Die meisten Menschen nehmen es hin. Ein Stimmungsbild aus der russischen Hauptstadt.
28.11.2022, 06:5728.11.2022, 13:27
Inna Hartwich, Moskau / ch media

«Muss Petja in den Krieg?» Der Gedanke geht Rita seit Monaten nicht aus dem Kopf. Auch nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin die Mobilisierung vor einigen Tagen für beendet erklärt hatte, weicht er nicht von ihr. «Nein, Petja geht nicht in den Krieg», hat Rita beschlossen. Wie sie auch beschlossen hat, dass sie als Familie ihrem Land den Rücken kehren. «Endgültig.»

So steht die Ärztin, die ihren Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht nennen will, an diesem sonnigen Herbsttag im Moskauer Dom Knigi, dem einzigen staatlichen Buchladen der Stadt und dem grössten Buchladen des Landes am Neuen Arbat, und sucht nach Lehrbüchern für Hebräisch. «Ich will nicht unvorbereitet auswandern. Ich will mich wenigstens ein bisschen mit der Sprache beschäftigen.» Sie blättert durch die dünnen Seiten, sieht sich die russische Umschrift der hebräischen Buchstaben an. Es gibt nicht viele Hebräisch-Bücher hier.

In seinem Militärbüchlein steht zwar «untauglich», eine Garantie sei das aber nicht.

Als Rita noch ein Kind war, wollte die Familie bereits nach Israel auswandern. Auch als Teenager, als Studentin und später als Mutter. Sie ist stets geblieben. Sie ging demonstrieren, als Demonstrieren noch möglich war im Land. Nun aber wolle sie sich schützen, wolle ihr Kind vor immer stärker werdender Indoktrination bewahren, wolle, dass Petja, ihr Mann, bei ihnen bleibt.

In seinem Militärbüchlein steht zwar «untauglich», eine Garantie sei das aber nicht. «Emigration war nicht mein Plan, ich liebe mein Land. Seit bald neun Monaten erkenne ich es jedoch nicht wieder. Lieber die Ungewissheit in der Fremde als die Ungewissheit hier», sagt Rita. Sie ist keine 40 Jahre alt.

Krieg in jedem Haus

Der russische Sommer der Verdrängung ist einem Herbst der Unruhe gewichen. Mit der Mobilisierung zog der Krieg in jedes Wohnzimmer ein. Obwohl sie offiziell für beendet erklärt ist, verschicken die Militärkommissare weiterhin Einberufungsbescheide. Ein Dekret für das Ende hat Putin nicht unterschrieben. Er halte das für unnötig, «und Punkt». Die Armee kommt so an weitere Soldaten.

Zudem läuft seit Anfang November die Aushebung der Wehrpflichtigen. Nach nur drei Monaten Grunddienst darf die Armee den Rekruten Dokumente als Vertragssoldat vorlegen und sie nach der Unterschrift an die Front schicken.

«Der Staat hat uns immer wieder belogen. ‹Spezialoperation›, ‹Teilmobilmachung›, ‹Teilkriegsrecht›. Er wird uns weiter an der Nase herumführen, das gelingt ihm ja auch gut. Nur die wenigsten bei uns wissen wirklich, was in der Ukraine passiert.»
Filmemacher Robert

Manche verstecken sich bis heute im Wald, um dem Zugriff des Staates zu entkommen. Ein IT-Spezialist aus dem Süden Russlands, der sich «Adam, der logische Förster» nennt, beschreibt im gleichnamigen Telegram-Kanal sein Leben als digitaler Eremit in der Wildnis. So fühlt er sich vor den Einberufungsbehörden sicher.

Auch der 23-jährige Filmemacher Robert aus Moskau versteckt sich – in seinen vier Wänden. Der Ruhe glaubt er nicht. «Der Staat hat uns immer wieder belogen. ‹Spezialoperation›, ‹Teilmobilmachung›, ‹Teilkriegsrecht›. Er wird uns weiter an der Nase herumführen, das gelingt ihm ja auch gut. Nur die wenigsten bei uns wissen wirklich, was in der Ukraine passiert.» Er macht niemandem die Tür auf, wenn es nicht abgesprochen ist, lässt sich sein Essen nach Hause liefern. «Pläne zu machen, ist unmöglich geworden.»

Vor bald zwei Monaten war Robert arglos in ein Einberufungsamt gegangen, Papiere abgeben. Seine «Pflicht erfüllen», wie er sagt. «Ich war dumm.» Den Krieg verurteilt er von dessen Beginn an, ging demonstrieren, war stets den Behörden entkommen. Dann aber kam die «Powestka», der Einberufungsbescheid. Er nahm eine Bescheinigung seines Psychologen mit, war sich sicher, sie erkläre seine Untauglichkeit für den Kampf. Die Ärzte vor Ort wollten es genauer prüfen. «Flugabwehrschütze», steht in seinem Militärbüchlein. Eine Kategorie, die derzeit gefragt ist.

Zwei Stunden lang musste er von einer Untersuchung zur nächsten, von einem Gespräch zum nächsten. Robert stotterte, konnte nicht auf einem Bein stehen, weil sich alles drehte, Sachen fielen ihm aus der Hand. Die Ärzte bescheinigten schliesslich einen Nervenzusammenbruch. Er könne sich an den Tag nur schemenhaft erinnern, sagt Robert. Zwei Wochen verbrachte er in einer neurologischen Klinik. Die «Powestka» liegt immer noch auf seinem Schreibtisch. Das Datum ist längst überfällig.

Ein Mann müsse das Vaterland verteidigen

Das Vaterland aber, so erzählt der Staat seinen Bürgern, so raunen es die Propagandisten täglich im Fernsehen und wiederholen es die Menschen auf der Strasse, müsse verteidigt werden. Ein Mann sei kein Waschlappen, ein Mann müsse seine Schuld vorm Vaterland begleichen. Auch Frauen beten solche Grundsätze nach.

Die ersten Mobilisierten kehren in diesen Tagen in Zinksärgen zurück nach Russland.

In Massenhochzeiten gaben sich in den vergangenen Wochen Paare das Ja-Wort. Damit es im Fall einer Verletzung oder des Todes einfacher werde mit den Behörden. Gleich nach der Zeremonie brachten Armeeangehörige die Männer zum Bus ins Trainingscamp. Den Schülern fehlen nun ihre Lehrer, dem öffentlichen Verkehr ihre Fahrer.

Die ersten Mobilisierten kehren in diesen Tagen in Zinksärgen zurück nach Russland. Ein IT-Spezialist aus Moskau, für den ein Anwalt mit sieben Beschwerden bei den Behörden kämpfte und nichts erreichte. Ein Sankt Petersburger Jurist, der mit 40 Jahren gar nicht hätte eingezogen werden dürfen. Ein 24-Jähriger aus der Region Swerdlowsk im Ural, der Frau und sein einjähriges Kind hinterlässt. Nach dem Tod eines mobilisierten Beamten der Moskauer Stadtregierung schrieb seine Vorgesetzte, die Behörden sollten aufhören zu lügen. Behörden, deren Teil auch sie ist.

People walk past a calendar for 2023 depicting Russian President Vladimir Putin displayed for sale in a shop in St. Petersburg, Russia, Wednesday, Nov. 16, 2022. (AP Photo/Dmitri Lovetsky)
Russinnen und Russen passieren beim Einkaufen in St. Petersburg einen Putin-Kalender: Der Situation in der Ukraine stehen sie gleichgültig gegenüber.Bild: keystone

So mancher aus der Stadtverwaltung der Hauptstadt verlässt nun heimlich seinen Arbeitsplatz und kommt nicht wieder. Deren Kündigungen finden die Kollegen später in den Schreibtischschubladen, finden ihre nicht abgewaschenen Kaffeetassen. In manchen Abteilungen sollen bis zu 30 Prozent der Angestellten fehlen, berichtet das russischsprachige Online-Medium «Wjorstka» (Layout).

Vor allem IT-ler fehlen, in einer Stadt, deren Bürgermeister seit Jahren auf Digitalisierung setzt und sie durchaus erfolgreich vorangetrieben hat. Doch solche Probleme sind nicht Teil des offiziellen Diskurses. Der Bürgermeister verspricht stattdessen sofortige Kindergartenplätze für Familien von Mobilisierten, will «unbürokratisch» die Frauen der Eingezogenen auf den Arbeitsmarkt bringen, bietet den Zurückgelassenen kostenlose psychologische Hilfe an.

Planen bis zum Abend

Die Unberechenbarkeit, die mürbe macht, hält sich seit bald neun Monaten. Die Nachrichten – von Repressionen, von Festnahmen, von Verleumdung – auch von Bekanntheiten, sie treffen kaum mehr. Xenia Sobtschak, Putins Patentochter und dessen Herausfordererin bei der Präsidentschaftswahl 2018, nach Litauen geflohen, weil ihr in Russland ein Prozess droht? Alla Pugatschowa, die sowjetische Pop-Diva, deren Lieder auch heute noch alle im Land mitträllern können, ausgewandert nach Israel und danach öffentlich als Verräterin gedemütigt?

«Prisposobilis», erklären sie. «Wir haben uns angepasst.»

Keiner ist mehr heilig im Land, niemand mehr sicher. Die Botschaft hat jeder verstanden, die meisten halten den Mund und leben ein Leben, bei dem sich «nur bis zum Abend planen lässt», wie sie halb belustigt sagen. Sie lachen nicht dabei.

«Prisposobilis», erklären sie. «Wir haben uns angepasst.» Angepasst an die höheren Preise, daran, dass manche Medikamente fehlen, dass viele Geschäfte, auch an bester Lage, leer sind und in den Fensterscheiben «zu vermieten» steht. Dass sie Kredite aufnehmen müssen, um sich Winterkleidung zu kaufen, dass sie nach Unfällen mit dem Auto monatelang auf Ersatzteile warten müssen, für die sie horrendes Geld zahlen. Sie haben sich daran angepasst, dass Angst und Unsicherheit ihre ständigen Begleiter sind.

Geschäfte werden wieder geöffnet

Das Leben gehe ja weiter, wo sei das Problem? Das Ikea-Logo wird von den Ladenwänden abgebaut? «Wir haben den Möbelhersteller Hoff», sagen die Menschen. Zara habe zugemacht? Ein paar Monate später machen die Läden unter «Neue Mode» und mit neuen Geschäftsinhabern wieder auf.

Starbucks-Cafés heissen nun Stars Coffee, McDonalds-Schnellrestaurants Lecker und Punkt, KFC Rostiks. Wo früher Lego war, finden sich nun «Die Welt der Würfel»-Läden, Plastik-Baukästen gibt es auch hier. Der Versandhandel wie Wildberries, eine Art russisches Amazon, bietet zudem weiterhin Produkte an, die längst aus den Ladengeschäften verschwunden sind. Nespresso, Adidas, Armani. «Prisposobilis».

Im Dom Knigi, dem Moskauer Buchladen am Neuen Arbat, stehen im ersten Stock, gleich beim Treppenaufgang, die Neuausgaben von George Orwells «1984» neben dem gleichfalls dystopischen «Wir» von Jewgeni Samjatin, dem ersten in der Sowjetunion verbotenen Buch. Derweil verschwinden in anderen russischen Läden Romane von Autorinnen und Autoren, die sich gegen den Krieg aussprechen, die das Land verlassen haben. An manchen Büchern klebt das Etikett «ausländischer Agent». Der Überwachungsstaat will alles kontrollieren, schreibt Geschichte um, verdreht die Wirklichkeit. «1984» ist draussen vorm Dom Knigi ganz real. (aargauerzeitung.ch)

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61 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pebbles F.
28.11.2022 07:43registriert Mai 2021
Erst habe ich gehofft, dass von innen her aufgeräumt würde, Umsturz und Erneuerung. Aber wenn man sich die protestierenden Mütter mal anhört - die kritisieren bloss, dass ihre Söhne zu schlecht vorbereitet und mit schlechter Ausrüstung in den Krieg gegen die Ukraine ziehen, nicht etwa, dass der Krieg überhaupt geführt wird.
Der Umsturz wird nun von aussen kommen müssen. Vorwärts!
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miklapp
28.11.2022 07:04registriert Juli 2022
Jeder hält den Mund, wie es damals in der Sowjetunion war...
Die Repression und Angst regiert, wie traurig das Ganze doch ist.
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Grobianismus
28.11.2022 07:39registriert Februar 2022
Man könnte aus der Geschichte lernen, muss man aber nicht. Putin macht Russland wieder zu einem Überwachungsstaat wie die Sowjetunion einer war, nur dass dieses Mal Homosexuelle bereits von Anfang an keine Rechte haben.
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