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Prigoschin wettert weiter – jetzt gegen «Gazprom-Söldner»

Prigoschin wettert weiter – jetzt gegen «Gazprom-Söldner»

Der russische Energiekonzern Gazprom soll eigene Söldnertruppen unterhalten. Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin kritisiert die Einheiten.
17.05.2023, 15:01
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Prigoschin wettert weiter.Bild: twitter
Ein Artikel von
t-online

Als im April der Chef der Wagner-Gruppe Jewgeni Prigoschin über die Lage in Bachmut sprach, liess ein Detail Beobachter aufhorchen. Er nannte weitere Söldnergruppen, sogenannte PMCs, die in der Ukraine unterwegs seien. «Gazprom PMC Potok, PMC Bokarev, PMC Redut», zählte er sie auf.

Der britische Sender BBC Russia hat jetzt versucht, die mögliche Verwicklung des russischen Staatskonzerns Gazprom in die Söldner-Aktivitäten zu entschlüsseln. In dem Video, das Prigoschin dem Journalisten Alexander Simonov von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Riafan gab, beschwerte er sich über andere Söldner in Bachmut. «Sie sollten dem Kreml sagen, wer sie sind und dass sie ihre eigene Truppe etabliert haben», schimpfte der Mann, der auch als «Putins Koch» bekannt geworden ist. Gemeint waren offenbar Gazprom-Soldaten.

Gazprom ist eines der grössten Unternehmen in Russland. Es fördert vorwiegend Erdgas und hatte bis zum Ukraine-Krieg den Rohstoff geliefert. Die Firma gehört dem russischen Staat, ihr Vorstandsvorsitzender, der schwerreiche Oligarch Alexei Miller, gilt als guter Freund von Diktator Wladimir Putin. Der Unternehmenssitz von Gazprom befindet sich in St. Petersburg. Unter anderen sass auch der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder für einige Zeit im Aufsichtsrat des Gasriesen.

Gazprom erhielt Genehmigung für Sicherheitsgruppe

Dass der Gazprom-Konzern tatsächlich eigene Sicherheitstruppen gegründet hat, ist belegt. Die BBC-Recherchen ergaben, dass das Unternehmen im Februar eine Sondergenehmigung des Kreml erhalten hat. Im Dokument 0001202302060031 der Russischen Föderation heisst es: «Gewähren Sie der öffentlichen Aktiengesellschaft Gazprom das Recht, eine private Sicherheitsorganisation (im Folgenden »Organisation« genannt) zu gründen.» Als Begründung wurde angegeben, dass diese Organisation das Gazprom-Firmengelände schützen solle.

Seitdem Prigoschin aber die Gruppe Potok in Verbindung mit Gazprom brachte, mehren sich nach Recherchen der BBC die Hinweise auf eine stärkere Verwicklung in den Ukrainekrieg. Im vergangenen April tauchte ein Video auf Telegram auf, in dem Kämpfer der Potok-Truppe Wladimir Putin selbst adressierten und über die mangelnde Versorgung klagen. Darin erwähnen sie, dass Potok von Gazprom zunächst als Sicherheitspersonal geschaffen wurde und im April das Kampfgebiet von Bachmut erreicht hätte.

Die Söldner beschwerten sich auch darüber, dass die Führung von Gazprom ihnen angeblich einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium versprochen habe, sie daraufhin jedoch unter dem Kommando einer Redut-Söldnergruppe in die Ukraine gingen.

Diese Gruppe hatte Prigoschin ebenfalls erwähnt. Im Telegram-Kanal des Bloggers Woenkor Jewgenj Linin hiess es: «Um es ganz klar auszudrücken: Die Gazprom PMC gab die durch das Blut der Wagners erlangten Positionen an die Streitkräfte der Ukraine ab und floh von der Front.»

Zwei weitere Gruppen unter Gazprom-Einfluss?

Die Redut-Truppe wurde Potok offenbar auch von einem russischen Gefangenen zugeordnet. Alexander Tkachenko soll in Verhören, deren Videos veröffentlicht wurden, gesagt haben, Redut sei unter Potok-Kommando. Er sprach auch von zwei weiteren Gruppen, «Fakel» und «Flame», die Gazprom ebenfalls kontrolliere. Diese sollen unter dem Kommando des russischen Verteidigungsministeriums stehen.

Die BBC fand heraus, dass Alexander Tkachenko bei der Firma Gazprom in Orenburg seit 1996 angestellt war – zumindest laut seines Profiles in sozialen Netzwerken. Er hatte offenbar Verbindung zur Orenburg Security Gruppe. Die wiederum hat ein Gazprom-Zeichen in ihrem Logo.

Die Redut-Einheit operiert laut BBC schon längere Zeit, unter anderem in Syrien. Dort soll sie aber lediglich im Wachdienst an Industrieanlagen tätig gewesen sein. Der prominente prorussische Militärblogger Rybar schrieb auf Telegram, dass die Gruppe mit dem russischen Verteidigungsministerium in Verbindung stehe.

Kritik an Rückzug der «Fakel»-Einheit

Prigoschin hört nicht auf, andere Söldnergruppen zu kritisieren und sie Gazprom zuzuordnen. In neueren Videos beklagte er sich darüber, dass die Einheiten des Verteidigungsministeriums und «der PMC von Gazprom», die die Flanken abdecken, sich von ihren Stellungen zurückziehen.

In einem Video vom 9. Mai, in dem er die russische Militärführung kritisierte, soll er der «Fakel»-Einheit vorgeworfen haben, öffentliches Geld zu verschwenden. Dabei soll es sich um jene Soldaten handeln, die am 12. Mai offenbar ihre Stellungen in Bachmut verlassen haben.

Das russische Verteidigungsministerium und Gazprom wurde von der BBC um Stellungnahme gebeten, äusserten sich aber nicht.

(t-online, wan)

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Paedu87
17.05.2023 15:19registriert Juni 2017
Schön, von der Championsleague bis zur Privatarmee ist alles dabei.
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insert_brain_here
17.05.2023 16:29registriert Oktober 2019
Der freie Markt in Aktion auf dem Schlachtfeld
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Chill Dude
17.05.2023 17:43registriert März 2020
Die zukünftigen Parteien des nächsten russischen Bürgerkriegs.
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