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Warum Wladimir Putin die Wagner-Söldner braucht

Flag of Russia on rugged wall full of scratches - metaphor of problem and crisis leading to collapse of country - economical bankruptcy, declining industry, political situation and corruption
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Warum Wladimir Putin die Wagner-Söldner braucht

Jewgeni Prigoschin ist für den russischen Präsidenten die Lebensversicherung gegen die eigenen Generäle. Wie lange noch?
15.05.2023, 13:4515.05.2023, 14:34
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Jewgeni Prigoschin lästert gegen den Verteidigungsminister Sergei Schoigu und den Generalstabschef Waleri Gerassimow. Der Chef der Wagner-Truppe beschimpft die russische Armee, ja, er soll gar dem Geheimdienst der Ukraine angeboten haben, als Gegenleistung für einen Rückzug aus Bachmut russische Stellungen zu verraten. Das zumindest berichtet die «Washington Post.»

Eigentlich wäre zu erwarten, dass Prigoschin wegen Landesverrats an die Wand gestellt und seine Söldner-Truppe aufgelöst werden müsste. Doch «Putins Koch» kann sich offenbar alles erlauben. Warum das so ist, erklären Andrei Soldatow und Irina Borogan im Magazin «Foreign Affairs».

Die vier Machtzentren in Russland

In Russland gibt es derzeit vier Machtzentren. Erstens der Geheimdienst des Militärs, der GRU. Zweitens das Militär selbst. Drittens der FSB, das zivile Gegenstück zum GRU, und viertens Putin. Diese vier Machtblöcke arbeiten keineswegs harmonisch zusammen. Vor allem die Generäle und die reguläre Armee bilden eine Art Staat im Staat. «Die Armee hat eine Tradition, wonach sie alles unternimmt, dass die Aussenwelt so wenig wie möglich über sie erfährt», so Soldatow/Borogan. «Das bedeutet, dass die üblichen Kontrollen der Regierung und der Öffentlichkeit über die Armee – sei es durch das Parlament, die Justiz oder die Medien – in Russland schlicht nicht existieren.»

Nach seinem Amtsantritt versuchte Putin, diesen Staat im Staat in den Griff zu bekommen. Deshalb setzte er einen Aussenseiter, seinen ehemaligen KGB-Kumpel Sergei Iwanow, als Verteidigungsminister ein. Dieser versuchte, eine umfassende Reform des Militärs durchzupauken – und scheiterte. 2007 musste ihn Putin entlassen.

Auch Schoigu, der aktuelle Verteidigungsminister, stammt nicht aus den Reihen der Armee. Sein Ansehen bei den Generälen ist daher überschaubar. Zudem nimmt deren Macht mit der Dauer des Krieges zu. «Putin weiss, dass es – je länger der Krieg dauert – desto schwieriger werden wird, seine Generäle zu kontrollieren», stellen Soldatow/Borogan fest.

Auftritt der Wagner-Söldner. Ihr Schutzpatron ist der GRU und die Spetsnaz, eine Eliteeinheit des Militärs. Unter Schoigu erhielten beide Aufwind. Sie waren wichtige Faktoren in den Konflikten in Syrien und der Krim. Zunächst allerdings im Geheimen, denn offiziell sind Söldner in Russland nach wie vor verboten.

epa10604250 A handout photo made available by the Russian Defence Ministry press-service of Russian Defense Minister General of the Army Sergei Shoigu delivering a speech during a conference call with ...
Trotz Uniform, Sergei Schoigu hat keine Karriere im Militär hinter sich.Bild: keystone

2015 berichtete das Online-Portal fontanka.ru erstmals über Wagner und machte auch öffentlich, dass Dmitry Utkin, ein ehemaliger Spetsnatz-Kommandant, ihr militärischer Anführer sei. Heute wirbt Prigoschin mit riesigen Plakaten in Moskau für seine Truppe und lässt diese am Staatsfernsehen als Helden feiern.

Dass private Söldner die offizielle Armee unterstützen, ist nicht den Russen vorbehalten. Die Amerikaner setzten im Irak mit Blackwater ebenfalls eine Privatarmee ein. Die Vorgänger von Wagner gehen jedoch weiter zurück. Sie stammen noch aus den Zeiten der Sowjetunion. Stalin setzte russische Söldner im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Truppen von Franco ein. «Für den GRU wurde das russische Experiment im Spanischen Bürgerkrieg eine bequeme Ausrede, um die Wagner-Söldner in der Ukraine zu rechtfertigen», so Soldatow/Borogan. «Der Kreml behauptet unverblümt, es sei erneut ein Kampf gegen Faschisten.»

Derzeit sind die Wagner-Söldner nicht nur an der Front in Bachmut tätig. Sie bilden auch das Gegengewicht zu den selbstherrlichen Generälen. «Für Putin ist die Wagner-Truppe ein entscheidendes Mittel geworden, um die Militärs im Griff zu behalten, die er als potenzielle Gefahr für seine Macht hält», so Soldatow/Borogan.

Gleichzeitig ist Prigoschin so etwas wie der Hofnarr im Kreml geworden. Auch das hat Tradition in Russland. Peter der Grosse, den Putin immer wieder als sein Vorbild nennt, hielt sich ebenfalls einen solchen Narren. Er hiess Alexander Menschikow und war seinerzeit der mächtigste Prinz am Hof, aber ebenfalls nicht Mitglied der russischen Aristokratie. Wie Prigoschin war er dem Zaren blind ergeben und galt als brutal und rücksichtslos.

Putin als Peter der Grosse
Putin als Möchtegern-Peter-der-Grosse.Bild: montage: watson / material: keystone, shutterstock

Doch Putin ist nicht Peter der Grosse, und Prigoschin wird zu einem immer teureren Narr. Wie einst Menschikow wird der ehemalige Sträfling von der Elite verachtet. Deshalb kann er Putin politisch nicht gefährlich werden. Doch sollte er den Kampf um Bachmut verlieren – und das scheint derzeit durchaus möglich zu sein –, dann könnte ihn Putin fallen lassen. Er hätte dann zehntausende von Menschenleben sinnlos geopfert und gewaltige Munitionsvorräte sinnlos verbrannt. Und Putins Loyalität gegenüber seinen Untergebenen hält sich in Grenzen.

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23 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Milindli
15.05.2023 14:03registriert Dezember 2022
Die Welt ist Zeuge des beginnenden Zerfalls der russischen Förderation. Es ist atemberaubend in welcher Geschwindigkeit sich Russland verwandelt hat. Russland steht eine düstere Zukunft bevor,. Das Regime hat in jeder Hinsicht kapituliert und totz Rohstoffen und vielen klugen Köpfen ökonomisch versagt und sucht jetzt mit Krieg die Rettung. Mittlerweile ist die Staatsraison nur noch Terror gegen die eigene Bevölkerung und die Nationalstaaten. Eine militärische Niederlage in der Ukraine könnte die einzige Chance für Russland sein sich neu aufzustellen unter Akteuren, die keine Warlords sind.
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En Espresso bitte
15.05.2023 14:25registriert Januar 2019
Ein Russe kann nicht Söldner in einer für Russland kämpfenden Einheit sein. Die Genfer Konventionen definieren in Art. 47 des ersten Zusatzprotokolls von 1977, dass ein Söldner "weder Staatsangehöriger einer am Konflikt beteiligten Partei ist noch in einem von einer am Konflikt beteiligten Partei kontrollierten Gebiet ansässig ist" (https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1982/1362_1362_1362/de#art_47).

Die Wagner-Freaks sind Paramilitärs einer kriminellen Elite, keine Söldner.
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Martin Baumgartner
15.05.2023 14:00registriert Juni 2022
"Jewgeni Prigoschin ist für den russischen Präsidenten die Lebensversicherung gegen die eigenen Generäle."
Wer mit dem Feuer spielt, der sollte nie vergessen wie heiss es für ihn werden kann.
Es wird der Tag kommen, an dem Putin merken muss, dass alle anfangen an seinem Stuhl zu rütteln.
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