International
Russland

Putin könnte sich einfrieren lassen – für ewiges Leben

In this photo provided by the North Korean government, Russian President Vladimir Putin, from left, Chinese President Xi Jinping and North Korean leader Kim Jong Un walk to attend a military parade ma ...
Diktatoren unter sich: Wladimir Putin, Xi Jinping und Kim Jong Un. Bild: keystone

Lässt sich Putin einfrieren? Was die Mikrofon-Panne über sein Denken verrät

Chinas Diktator Xi möchte 150 Jahre alte werden. Russlands Herrscher Putin träumt vom ewigen Leben. Warum das 21. Jahrhundert eine vielversprechende Epoche für Allmachtsfantasien ist.
05.09.2025, 22:3705.09.2025, 22:37
Raffael Schuppisser / ch media

Nun wissen wir also, worüber sich Diktatoren unterhalten, wenn sie unter sich sind: Gesprächsthema Nummer eins von Wladimir Putin, Xi Jinping und Kim Jong Un waren die neuesten Anti-Aging-Trends. 150 Jahre lägen durchaus drin, findet Xi, mit 70 sei man gewissermassen noch ein Kind. Dank Organtransplantationen werde man womöglich sogar ewig leben können, befand Putin. Wegen einer Mikrofon-Panne wurde der diktatorische Smalltalk live im chinesischen Staatsfernsehen übertragen und ging dann auch auf westlichen Kanälen viral.

Eigentlich sollte uns das nicht wundern. Diktatoren haben dieselben Ängste wie wir alle – vor dem Altwerden und vor dem Tod. Langlebigkeit ist zum Lifestyle geworden. Bücher wie «Das Ende des Alterns» stehen zuverlässig auf den Bestseller-Listen, in Metropolen eröffnen Longevity-Kliniken im Monatsrhythmus, und Substanzen mit sperrigen Namen wie Nicotinamid-Mononukleotid oder Trimethylglycin liegen in den Badezimmern der Wohlhabenden neben Zahnbürste und Gesichtscreme. 

Zum Leben eines Diktators passt der Drang nach Langlebigkeit besonders gut. Denn die neuen Anti-Aging-Methoden könnten die Lösung für einen Widerspruch sein, mit dem sich jeder Autokrat mit überhöhten Ansprüchen früher oder später konfrontiert sieht. Im Vergleich zu den historischen Dimensionen, in denen er sich selbst verortet, ist seine Lebenszeit zu kurz. Wer ein Tausendjähriges Reich gründen will, aber nur ein paar Jahrzehnte Zeit hat, wird unweigerlich auf die eigene Endlichkeit zurückgeworfen.

Das ewige Leben

Die Pharaonen versuchten das Problem zu lösen, indem sie sich Pyramiden bauen liessen – steinerne Monumente, die ihre Herrschaft über den Tod hinaus behaupten sollten. Doch was nützte die grösste Grabkammer, wenn das Zepter im Jenseits nutzlos blieb? Mit dem Sterben war auch die Macht dahin, und der Sohn setzte das Werk fort. Aber ein wahrer Autokrat will nicht abtreten, auch nicht für die eigene Familie. Für Allmachtsfantasien in der Grösse eines Putin oder Xi gibt es nur eine wirklich befriedigende Lösung: das ewige Leben.

Das 21. Jahrhundert ist deshalb für Diktatoren eine Zeit voller Hoffnungen. Dank neuer Technologien und wissenschaftlicher Erkenntnisse macht die Anti-Aging-Bewegung grosse Fortschritte. So gelingt es Forschern mittlerweile, das Leben von Mäusen im Labor zu verdoppeln – und das bei bester Gesundheit. «Das Alter», sagt Harvard-Professor und Anti-Aging-Guru David Sinclair in einem Interview mit dieser Zeitung, «lässt sich nicht nur verlangsamen, sondern womöglich immer wieder rückgängig machen.» Er ist überzeugt, dass bereits Menschen unter uns leben, die 150 Jahre alt werden.

Harvard-Professor David Sinclair
Harvard-Professor David Sinclair.Bild: zVg

Exakt diese Zahl wirft Xi im Gespräch mit Putin in den Raum. Womöglich denkt der 72-Jährige, dass er es selbst schaffen könnte. Das würde bedeuten, dass er noch 78 Jahre an der Macht bleiben möchte – also bis ins Jahr 2103. Wer sich auf ein langes Leben voller Chancen freut, vergisst leicht, dass dieselbe Aussicht für Diktatoren bedeutet: Sie könnten unsere Welt noch ein ganzes Jahrhundert regieren.

Einfrieren und warten

Auch Putins Aussage, dank Organtransplantationen ewig leben zu können, entbehrt nicht jeder wissenschaftlichen Grundlage. Allerdings bleibt die Alterung des Hirns ein Problem – denn es lässt sich nicht einfach austauschen wie eine Niere. Aber vielleicht dereinst hochladen, auf eine Festplatte oder in die Cloud. Genau das verspricht Ray Kurzweil, der Hohepriester des Silicon Valley. Wenn die künstliche Intelligenz einmal schlauer ist als wir, soll sie uns die Unsterblichkeit schenken. Wer vorher stirbt, muss nicht für immer verloren sein. Firmen wie Alcor oder KrioRus pumpen den Toten das Blut aus dem Körper und lagern ihn bei minus 196 Grad. Dort wartet er, bis die Zukunft kommt – und ihn zurückholt.

Ob Putin hier schon das Einfrieren übt?Video: YouTube/NBC News

Kryonik, so der Name des Verfahrens, ist nichts anderes als die Mumifizierung des 21. Jahrhunderts. Niemand würde sich wundern, wenn Putin sich dereinst einfrieren liesse. KrioRus, die russische Firma für Kryonik, hat schon Dutzende Tote in Tanks voller flüssigem Stickstoff eingelagert. Für Putin würde bestimmt ein Sondergefäss hergerichtet. Für einen Diktator, der nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten denkt, wäre es nur eine kurze Auszeit – so wie damals 2008, als er Medwedew kurz auf den Präsidentensessel setzte, um vier Jahre später wiederzukehren. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
China feiert Militärparade mit Putin und Kim Jong-un
1 / 27
China feiert Militärparade mit Putin und Kim Jong-un

Der chinesische Präsident Xi Jinping hat die grosse Parade zum Ende der japanischen Besatzung vor 80 Jahren eröffnet.

quelle: keystone / mahesh kumar
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Das sind die Videos von Chinas grosser «Tag des Sieges»-Militärparade
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Bericht: Trump-Regierung will Repräsentantin Ilhan Omar ausbürgern und abschieben
Donald Trumps Regierung geht offenbar mit einem weitreichenden Ziel gegen die demokratische Abgeordnete Ilhan Omar vor. Die Ermittlungen könnten die Politikerin sogar ihre US-Staatsbürgerschaft kosten.
Die US-Regierung will der demokratischen Kongressabgeordneten Ilhan Omar offenbar die amerikanische Staatsbürgerschaft entziehen und sie anschliessend abschieben. Darauf sollen Ermittlungen gegen die 44-jährige Trump-Kritikerin abzielen, berichtet das «Wall Street Journal» unter Berufung auf US-Regierungsvertreter und mit dem Vorgang vertraute Personen rund drei Wochen vor den US-Midterms. Im Mittelpunkt steht der Verdacht, dass bei ihrer Einbürgerung vor mehr als 25 Jahren falsche Angaben gemacht wurden.
Zur Story