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Russland

Wladimir Putins perverse neue Kriegsrhetorik

Wladimir Putin sorgt sich um den Westen.
Wladimir Putin sorgt sich um den Westen.Bild: Sergei Savostyanov/AP

Hunderttausende Tote wegen Gender-Toiletten – Putins perverse neue Kriegsrhetorik

Was waren nochmals die erklärten Kriegsziele Moskaus? «Entnazifizierung» und «Demilitarisierung» der Ukraine, wie Wladimir Putin immer wieder behauptet? Nein, es sind die Toiletten, wie die aktuelle Reportage aus Moskau zeigt.
22.01.2024, 09:17
Inna Hartwich, Moskau / ch media
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Wladimir Putin sitzt da und spielt mit seinem Kugelschreiber.

Der russische Präsident, der vor bald zwei Jahren seine Panzer und Flugzeuge in die Ukraine schickte, um das Nachbarland unter den Worthülsen von «Entnazifizierung» und «Demilitarisierung» zu zerstören und Millionen von Menschen Häuser, Leben und Gewissheiten zu nehmen, sitzt in dieser Woche öffentlichkeitswirksam vor den Leitern russischer Kommunalverwaltungen und kann es einmal mehr nicht fassen, wie das Leben in «manchen europäischen Ländern» so funktioniere.

«Also entschuldigen Sie mal, diese gemeinsamen Toiletten für Mädchen und Jungen. Solche Sachen. Es ist schwierig, unter derartigen Bedingungen Kinder grosszuziehen. Für Menschen mit normalen menschlichen Werten ist es sehr schwierig, unter solchen Bedingungen zu leben.»

Deshalb kehrten so viele Russen nun zurück, die das Land verlassen hätten, behauptet er. Mit gemeinsamen Toiletten für alle Geschlechter könnten diese laut Putin nun wirklich kein vernünftiges Leben führen.

Russland, daran lässt der Kremlherrscher bei jeder Gelegenheit keinen Zweifel aufkommen, Russland sei ein «traditionell normales» Land. Ein Land, in dem laut der staatseigenen Statistikbehörde ein Drittel der ländlichen Bevölkerung ganz «traditionell» ein Plumpsklo aus Holz im Garten stehen hat und in diesem Erdloch mit Überbauung seine Notdurft verrichtet.

Ein Land, in dem in zehn Regionen jede fünfte Schule ohne Kanalisation ist. Ein Land, in dem, wenn es denn beheizte Toiletten in den Wohnungen gibt, selten zwei pro Wohnung zu finden sind.

Was sind da schon die Ukrainer, die in ihren Schulen – so sind russische Politiker und Propagandisten überzeugt – genderneutrale Toiletten einbauten? Die russischen «Jungs» mit «Gewehren in der Hand», so sagte bereits der Sankt Petersburger Gouverneur Alexander Beglow vor wenigen Tagen und kam Putin etwas zuvor, wüssten eben, wofür sie kämpften.

In seinem Telegram-Kanal schrieb er:

«Diesen Jungs, die Toiletten in Schulen im Donbass gesehen haben, in denen es statt zwei Räume für Mädchen und Jungen drei Räume – für Mädchen, Jungen und Genderneutrale – gibt, muss nicht erklärt werden, für welche Werte wir stehen.»

Lieber eigene Klos bauen, als fremde zu zerstören

Verteidigt der russische Staat mit seinem Krieg in der Ukraine also nicht seine «von Feinden im Westen bedrohte Souveränität», wie der Kreml stets behauptet, sondern seine Toiletten «für normale Mädchen» und «normale Jungen»? «Sortir nasch» also? Das Klo ist unser?

Wofür die russischen Soldaten in der Ukraine kämpfen, das ist auch vielen in Russland immer noch nicht klar. «Vielleicht gibt es dort gar keine Faschisten», sagt so manche Frau, die allen repressiven Gesetzen zum Trotz auf die Strasse geht, um ihren mobilisierten Mann von der Front nach Hause zu holen. Es sind Menschen, die anfangen, die perfekt gemachten Propaganda-Märchen des Staates, die dieser seinem Volk täglich auftischt, plötzlich infrage zu stellen.

In den sozialen Netzwerken posten manche nach Beglows und Putins Skurrilitäten von «genderneutralen Toiletten» zigfach Bilder von windschiefen Plumpsklos, von Gruben an Feldrändern, von Schultoiletten, in denen – wie so oft in russischen Schultoiletten – extra die Türen herausgenommen sind. Einer schreibt:

«Wir haben auch drei unterschiedliche Toiletten in unserer Schule: eine für Mädchen, eine für Jungen und eine für Lehrer, genderneutral, für Männer wie Frauen.»

Eine andere klagt über fehlendes Toilettenpapier, Seife und selbst Spülung in der Schultoilette ihrer Kinder. In manchen russischen Schulen, so berichten unabhängige Online-Portale, dürften die Schüler nur mit einem «Ticket» aufs Klo, das die Lehrerin je nach Benehmen des Kindes austeile.

«Alles klar, nun wissen wir Bescheid. Aber wäre es nicht besser, ‹unsere Jungs› zum Bau funktionierender Toiletten hier abzustellen, anstatt sie zum Zerstören irgendwelcher Klos in der Ukraine einzusetzen?», schreibt ein Boris. Und ein Igor: «Schnell ein Klo her, egal, welches. Ich muss kotzen.»

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237 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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skandalf
22.01.2024 09:43registriert November 2021
Jetzt ist mir klar warum die zz Soldaten in der Ukraine Toiletten gestohlen haben.
Die haben sowas noch garnie gesehen.
Kann nicht mehr vor lachen..
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bcZcity
22.01.2024 09:51registriert November 2016
Anstatt Kampf gegen Windmühlen, also gegen Toiletten.

btw, die Aussage könnte auch von Trump stammen, die Rhetorik passt. "terrifying mixed toilets. nobody wants to live like this"

Ich würde ja lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Kann mal jemand eine Werbeunterbrechung dazwischen schieben, damit ich endlich aufwache und realisiere, dass ich mich in einer real Satire befinde. Danke!
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insert_brain_here
22.01.2024 09:56registriert Oktober 2019
Es ist doch irgendwie erstaunlich, wie fragil die Geschlechtsidentität dieser total normalen gottgefälligen Superheteros zu sein scheint. Kaum können sie nicht mehr in klar deklarierten Räumen Pipi machen beginnt ihre Männlichkeit zu erodieren.
Zum Glück kann dem mit den üblichen Männlichkeits-Amuletten entgegengewirkt werden: Schwere Motorräder, leistungsstarke Autos, Schusswaffen, Zigarren, martialische Tattoos, breitspuriges Auftreten usw.
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