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Michail Chodarjonok warnte vor einem Krieg in der Ukraine.
Michail Chodarjonok warnte vor einem Krieg in der Ukraine.screenshot: twitter

Dieser Russe sagte den Kriegsverlauf exakt voraus – jetzt warnt er seine Landsleute erneut

Ein russischer Militär-Experte prognostizierte im Februar, was bei einem Krieg in der Ukraine passieren wird. Er traf voll ins Schwarze. Jetzt warnt er seine Landsleute erneut.
19.05.2022, 04:5419.05.2022, 13:53

In der griechischen Mythologie gibt es die Figur der Kassandra. Sie hatte die Gabe, in die Zukunft zu blicken, doch niemand wollte ihr zuhören. Sie gilt deshalb als tragische Heldin, die das Unheil voraussah, aber niemals Gehör fand. Ungehörte Warnungen werden deshalb auch als «Kassandrarufe» bezeichnet.

Als moderne «Kassandra» dürfte sich momentan Michail Chodarjonok fühlen. Der renommierte russische Militär-Experte sagte in einem bemerkenswerten Aufsatz vom 3. Februar exakt voraus, was bei einem Angriffskrieg in der Ukraine passieren wird. Doch im Kreml wollte offenbar niemand auf ihn hören. Nachfolgend die wichtigsten Auszüge aus dem Artikel, der drei Wochen vor dem Krieg publiziert wurde.

Der Aufsatz

Chodarjonok, der auf eine lange Karriere in der russischen Armee zurückblicken kann, begann so:

«Einige Vertreter der russischen politischen Klasse argumentieren heute, dass Russland in der Lage ist, der Ukraine in wenigen Stunden (und kürzere Zeiträume werden auch genannt) eine vernichtende Niederlage zuzufügen, wenn ein militärischer Konflikt ausbricht. Mal sehen, wie solche Aussagen der Realität entsprechen.»

Zunächst analysierte Chodarjonok die Behauptung vieler russischer Analysten, dass niemand die ukrainische Regierung verteidigen würde.

«Zu behaupten, dass niemand in der Ukraine das Regime verteidigen werde, bedeutet in der Praxis völlige Ignoranz der militärpolitischen Lage und der Stimmung der breiten Volksmassen im Nachbarstaat. Darüber hinaus wird das Ausmass des Hasses (der, wie Sie wissen, der wirksamste Treibstoff für den bewaffneten Kampf ist) in der Nachbarrepublik gegenüber Moskau offen unterschätzt. Niemand wird die russische Armee in der Ukraine mit Brot, Salz und Blumen empfangen.»

Politische Analysten in Russland würden behaupten, «dass ein mächtiger russischer Feuerschlag fast alle Überwachungs- und Kommunikationssysteme, Artillerie und Panzerverbände zerstören wird», so Chodarjonok weiter. Davon hielt der ehemalige Oberst wenig:

«Zu erwarten, die Streitkräfte eines ganzen Staates mit nur einem solchen Schlag zu zerschmettern, bedeutet einfach grenzenloser Optimismus bei der Planung und Durchführung von Kampfhandlungen. [..] Dieses (Anm.d.Red: das russische) Arsenal reicht absolut nicht aus, um einen Staat von der Grösse Frankreichs und mit über 40 Millionen Einwohnern dem Erdboden gleich zu machen.»

In der russischen Expertengemeinschaft werde behauptet, der Krieg werde extrem kurz sein, da Russland innert Kürze die vollständige Lufthoheit erlangen werde, so Chodarjonok.

«Gleichzeitig wird irgendwie vergessen, dass die bewaffneten Formationen der afghanischen Opposition während des Konflikts von 1979-1989 kein einziges Flugzeug und keinen einzigen Kampfhubschrauber hatten. Und der Krieg in diesem Land zog sich über 10 Jahre hin. Die tschetschenischen Kämpfer hatten auch kein einziges Flugzeug. Und der Kampf gegen sie dauerte mehrere Jahre und kostete die Armee viel Blut und Verluste.

Die Streitkräfte der Ukraine haben hingegen immer noch eine Art Kampfflugzeug. Sowie Mittel der Luftverteidigung.»

In russischen Expertenkreisen war vor dem Krieg die geläufige Meinung, dass sich die ukrainische Armee in einem beklagenswerten Zustand befindet. Chodarjonok hielt entschieden dagegen.

«Auch das Folgende muss anerkannt werden. Waren die Streitkräfte der Ukraine bis 2014 ein Fragment der sowjetischen Armee, so wurde in den letzten sieben Jahren in der Ukraine eine qualitativ andere Armee auf einer völlig anderen ideologischen Grundlage und weitgehend nach NATO-Standards geschaffen. [...]

Natürlich sind die Streitkräfte der Ukraine heute den Streitkräften der Russischen Föderation in Bezug auf ihre Kampf- und Einsatzfähigkeiten deutlich unterlegen. Daran zweifelt niemand, weder im Osten noch im Westen.

Aber auch diese Armee darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. In diesem Zusammenhang muss man sich immer an das Testament von Alexander Suworow erinnern: ‹Verachte niemals deinen Feind, betrachte ihn nicht als dümmer und schwächer als dich.›

Nun zu der Behauptung, dass die westlichen Länder keinen einzigen Soldaten in den Tod für die Ukraine schicken werden. Es sollte beachtet werden, dass dies wahrscheinlich der Fall ist. Im Falle einer russischen Invasion schliesst dies jedoch keineswegs eine massive Unterstützung der Streitkräfte der Ukraine durch den kollektiven Westen mit einer Vielzahl von Waffen und militärischer Ausrüstung sowie Massenlieferungen aller Art von Material aus. [...]

Es besteht kein Zweifel, dass die Vereinigten Staaten und die Länder der Nordatlantischen Allianz eine Art Reinkarnation von Lend-Lease nach dem Vorbild des Zweiten Weltkriegs beginnen werden, daran besteht kein Zweifel. Ein Zuzug von Freiwilligen aus dem Westen, der sehr zahlreich sein kann, ist nicht ausgeschlossen.»

In der russischen Fachwelt werde behauptet, der Krieg werde einige wenige Minuten oder Stunden dauern, so Chodarjonok. Er selber ging von viel längeren Kampfhandlungen aus.

«Der bewaffnete Kampf in ukrainischen Grossstädten ist im Allgemeinen schwer vorhersehbar. Es ist allgemein bekannt, dass die Grossstadt das beste Schlachtfeld für die schwache und technisch weniger fortgeschrittene Seite des bewaffneten Konflikts ist.

Experten sind überzeugt, dass die städtische Umgebung den Verteidigern hilft, die Bewegung der Angreifer verlangsamt, es ihnen ermöglicht, eine Rekordzahl von Kämpfern pro Flächeneinheit zu platzieren und den Rückstand bei Streitkräften und Technologien auszugleichen. Und in der Ukraine gibt es mehr als genug Grossstädte, auch solche mit einer Million Einwohnern.»

Aus den obengenannten Gründen kam Chodarjonok zu einem eindeutigen Fazit.

«Und zum Schluss das Wichtigste. Ein bewaffneter Konflikt mit der Ukraine liegt derzeit grundsätzlich nicht im nationalen Interesse Russlands. Daher ist es für einige überdrehte russische Experten am besten, ihre Hassfantasien zu vergessen.»

Der Realitätscheck

Chodarjonok sollte in sämtlichen Punkten recht behalten. Die Russen werden nicht wie Befreier empfangen. Im Gegenteil: Die Ukrainer leisten erbitterten militärischen Widerstand. In den Ortschaften, die die Russen erobern konnten, geht die Bevölkerung aus Protest immer wieder auf die Strasse.

Die Bevölkerung Chersons geht gegen die russischen Okkupanten auf die Strasse. (Aufnahme vom März)
Die Bevölkerung Chersons geht gegen die russischen Okkupanten auf die Strasse. (Aufnahme vom März)Bild: keystone

Auch ist es den Russen bis heute nicht gelungen, die komplette Lufthoheit herzustellen. Der Luftraum bleibt hart umkämpft. Russische Jets vermeiden Flüge über einen Grossteil der Ukraine, da sie deren Luftabwehr fürchten.

Die Prognosen zu den westlichen Waffenlieferungen, den freiwilligen Kämpfern und dem Lend-Lease-Gesetz sind ebenfalls eingetroffen. Und die Russen haben tatsächlich Mühe, ukrainische Grossstädte einzunehmen. Um die Hafenstadt Mariupol zu erobern, brauchten sie fast 90 Tage, da sich die Verteidiger in einem Stahlwerk verschanzen konnten. Versuche, Charkiw oder Kiew einzunehmen, scheiterten kläglich.

Der Fernsehauftritt

Da sich die russischen «Experten mit den Hassfantasien» durchsetzten und nicht auf die Warnung gehört wurde, findet sich Russland seit bald drei Monaten in einem blutigen Krieg wider. Und Chodarjonok? Den gibt es immer noch. Und er darf seine Landsleute weiter warnen. Sogar im russischen Staatsfernsehen.

Am Sonntag nahm er in der Sendung «60 Minuten» kein Blatt vor den Mund. Dort, wo normalerweise mit Atom-Schlägen gedroht wird und die ukrainischen Truppen schlecht geredet werden, sagte Chodarjonok: «Wir befinden uns in völliger geopolitischer Isolation und die ganze Welt ist gegen uns, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.» Die Situation für Russland werde «immer schlechter».

Chodarjonok analysierte nicht nur die aktuelle Lage auf dem Schlachtfeld, sondern blickte auch in die Zukunft. Im Hinblick auf die Nato-Beitrittsversuche Schwedens und Finnlands warnte er, man solle das Säbelrasseln mit Raketen unterlassen.

«Das Wichtigste in unserem Geschäft ist, immer seinen Sinn für militärisch-politischen Realismus zu bewahren. Wenn du das vernachlässigst, wird dich die Realität der Geschichte früher oder später so hart treffen, dass du es bereuen wirst. Was ist in dieser Hinsicht das Wichtigste? Kein Säbelrasseln.»

Chodarjonoks Fernsehauftritt:

Video: watson

Bereits vor einer Woche trat Chodarjonok im Fernsehen auf. Er zweifelte an der Wirksamkeit einer möglichen Mobilmachung, da man auf die Schnelle keine neuen Panzer und Flugzeuge herstellen könne.

«Es wäre falsch, Menschen mit Waffen von gestern in einen Krieg des 21. Jahrhunderts zu schicken, wo sie gegen Nato-Waffen kämpfen müssen.»

Wird Wladimir Putin Chodarjonok dieses Mal zuhören? Der Fakt, dass er seine Meinung offen im Fernsehen vortragen durfte, zeigt jedenfalls, dass es in Russland wenigstens ein bisschen Raum für Kritik gibt. Gut möglich ist aber auch, dass Chodarjonoks Warnungen erneut wie «Kassandrarufe» verhallen werden.

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122 Kommentare
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Kommissar Rizzo
19.05.2022 05:30registriert Mai 2021
Bemerkenswert! Der Aufsatz ist ein Volltreffer. Und das musste doch auch Leuten in Geheimdienst und Militärführung klar gewesen sein. Selbst ich habe aus genannten Gründen diesen Krieg für unmöglich gehalten - und wurde leider eines besseren belehrt...
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tss
19.05.2022 06:51registriert Juni 2020
Er hat eins und eins zusammengezählt und den Nationalstolz weggelassen und siehe er hatte recht. Schön das er noch keinen. Unfall hatte.
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Palpatine
19.05.2022 06:20registriert August 2018
Hat er das alles tatsächlich bereits Anfang Februar so gesagt? Dann, wow, hat er tatsächlich alles so eingeschätzt, wie es dann passiert ist. Nur schade, dass in Putler-Russland niemand auf ihn gehört hat. Und ich bezweifle, dass jetzt jemand auf ihn hört...
1974
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