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Russischer Ex-Soldat rechnet in Buch mit Putin ab: «Hat fürchterlichen Krieg begonnen»

Der ehemalige russische Fallschirmjäger Pavel Filatiev berichtet in seinem Buch über die ersten Tage im Ukraine-Krieg. Er rechnet auch mit Wladimir Putin ab.
14.08.2022, 05:25
Thomas Wanhoff / t-online
Ein Artikel von
t-online

Ein russischer Fallschirmjäger berichtet in einem Buch über seine Erfahrungen kurz vor und während der Invasion der Ukraine. Dabei wird deutlich, wie schlimm es um Putins Armee bestellt ist. Pavel Filatiev meldete sich im August des vergangenen Jahres zurück zur Armee und wurde prompt auf die Krim geschickt.

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«Zehn Tage später bekam ich eine Uniform, aber nur Sommerbekleidung. Es gab keine Kopfbedeckung in meiner Grösse, also ging ich los und kaufte eine», schreibt er in dem Buch «ZOV», dessen Titel die Buchstaben wiedergibt, die russische Soldaten an ihre Panzer schreiben. Die russische Plattform «Meduza» hat jetzt einige Passagen übersetzt. Zuvor wurden Teile des Buches bei der Rechercheplattform «istories» veröffentlicht.

Ein russischer Soldat in der besetzten Stadt Mariupol. (Symboldbild)
Ein russischer Soldat in der besetzten Stadt Mariupol. (Symboldbild)Bild: keystone

Russland hatte am 24. Februar eine Invasion der Ukraine begonnen. Russische Truppen drangen dabei kurzzeitig bis kurz vor Kiew vor. Moskau spricht von einer Militäroperation, westliche Länder unterstützen die Ukraine mit Waffen- und Hilfslieferungen. In den ersten Wochen des Krieges mehrten sich Berichte über eine schlechte Ausstattung und geringe der russischen Truppen.

Am Schiessstand klemmte das Gewehr

Als Filatiev eine gebrauchte Uniform für den Winter ablehnte, weil sie nicht passte, habe er sich dann selbst einen dicken Mantel gekauft. Viele Kameraden hätten keine warme Kleidung gehabt, trotz Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts. Innerhalb einer Woche seien mehr als 30 Soldaten der Einheit für Infektionskrankheiten überstellt worden.

Im Februar habe er festgestellt, dass sich etwas entwickele. Auch Kranke wurden zum Training beordert. «Es stellt sich heraus, dass mein Maschinengewehr einen gerissenen Riemen hatte und verrostet war. In der ersten Nacht am Schiessstand klemmte der Patronenbehälter.»

Marschbefehl bedeutete marschieren

Am 20. Februar hätte seine Einheit dann einen Marschbefehl erhalten – sie mussten zu einem neuen Standort laufen. Drei Tage später habe es einen Besuch des Division-Kommandeurs gegeben, der den Sold auf 69 Dollar (69 Euro) anhob. «Es war ein deutliches Zeichen, dass etwas Ernstes passieren würde.»

In der Nacht zum 24. Februar sei Filatiev dann durch Artilleriefeuer aufgewacht. Er habe nicht gewusst, ob vorrückende ukrainische Soldaten abgewehrt würden oder gar Nato-Truppen. Ihm sei aber klar gewesen, dass ein Krieg begonnen habe. Später habe er herausgefunden, dass es einen Marschbefehl nach Cherson gab. Sein Kommandeur hätte keine Ahnung gehabt, was los war.

«Unser gesamtes Training fand auf dem Papier statt, unsere Strategie war hoffnungslos veraltet. Wir hatten die gleiche Taktik wie unsere Grossväter», schreibt der russische Ex-Soldat in seinen Erinnerungen. «Die Ersten, die angriffen, wurden vernichtet.» Die Kälte sei bis in die Knochen zu spüren gewesen. Als seine Einheit am nächsten Tag den Hafen von Cherson erreichte, hätten die Plünderungen begonnen. «Ich fand einen Hut und nahm ihn.»

Sanitäter hatte keine Spritzen mehr

Im April sei Filatiev dann wegen verschmutzter Augen aufgrund von Artilleriefeuer erkrankt. Fünf Tage habe er, teilweise mit einem geschlossenen Auge, weiterkämpfen müssen, bis er evakuiert wurde. «Der Sanitäter sagte mir, ich solle den Ärzten sagen, er habe weder Schmerzmittel noch Spritzen.» Er habe im Lazarett Soldaten gesehen, die stotterten, die Gedächtnisverlust hatten und andere, die heftig tranken. Seine medizinischer Versorgung habe er selbst bezahlen müssen.

«Zwei Monate lang versuchte ich, mich von der Armee behandeln zu lassen: Ich ging zur Staatsanwaltschaft, ich ging zum Kommando, zum Leiter des Krankenhauses, und ich schrieb an den Präsidenten». Als das nicht fruchtete, habe er seine Entlassung aus medizinischen Gründen beantragt. Die Führung habe die Dokumente an die Staatsanwalt geschickt. Ihm sei vorgeworfen worden, sich zu drücken. «Das war ein oft genutzter Bluff, damit die Leute wieder zurück zu ihrer Einheit gehen.» Mittlerweile hat er die Armee verlassen. Sein Buch ist eine Abrechnung mit dem Krieg und seinen Führern.

«Der grösste Teil der Truppen ist unzufrieden mit dem, was passiert, den Kommandeuren und mit Putin und seiner Politik und dem Verteidigungsminister, der sich nicht um die Armee kümmert», schreibt Filatiev. «Wir haben einen fürchterlichen Krieg begonnen. Ein Krieg, in dem Städte zerstört werden und der zum Tod von Kindern und Frauen und Älteren führt.»

Viele russische Soldaten sollen unzufrieden mit Wladimir Putin sein.
Viele russische Soldaten sollen unzufrieden mit Wladimir Putin sein.Bild: keystone

«Sicherlich wird ein ‹faires› Gericht geben, (...), sie werden mir sagen, dass man mich gekauft hat, als Agent des Westens, aber ich kann mir das alles nicht mehr still ansehen», schreibt der 33-Jährige am Ende seines Buches. Er habe Angst, den Text zu veröffentlichen und zu sagen, was er denke. «Man kann seine Rechte nicht mehr verteidigen, man kann nur in den Krieg ziehen, um für unklare Ziele zu sterben.»

Die Berichte in dem Buch basieren auf den Erinnerungen von Pavel Filatiev. Sie lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Quellen:

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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Maya Eldorado
14.08.2022 08:11registriert Januar 2014
Lebt Filatiev noch in Russland oder konnte er aus Russland fliehen?
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Kruk
14.08.2022 08:18registriert April 2019
Kann man sich in dem Fall auf den Winter freuen?
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ox11
14.08.2022 09:05registriert Dezember 2019
Falls die Geschichte wahr, und nicht auch eine Propaganda-Erzählung ist, hoffe ich der Junge ist selbst nicht mehr in Russland, schafft es aber die Geschichte bei möglichst vielen in Russland zu verbreiten.
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