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People lay flowers at the place where Boris Nemtsov, a charismatic Russian opposition leader and sharp critic of President Vladimir Putin, was gunned down, at Red Square, with St. Basil Cathedral in the back and the Kremlin at left, in Moscow, Russia, Saturday, Feb. 28, 2015.  Nemtsov was gunned down Saturday near the Kremlin, just a day before a planned protest against the government. (AP Photo/Pavel Golovkin)

In Moskau erweisen die Menschen Boris Nemzow die letzte Ehre. «Wer hat den Mord in Auftrag gegeben?», ist die grosse Frage, die die Russen momentan umtreibt.  Bild: Pavel Golovkin/AP/KEYSTONE

Geschocktes Russland nach Politiker-Mord 

«Nur Todesangst wird die Opposition von einem Maidan in Moskau abhalten» – musste Boris Nemzow deshalb sterben?

Wie immer wenn in Russland etwas Schreckliches passiert, wuchern die Gerüchte und überdecken die Fakten. Die Russen lieben es dramatisch. Nach dem Mord an Oppositionspolitiker Boris Nemzow sind die Sozialen Medien ein «Fieberthermometer» der russischen Volksseele.



Der Mord an Boris Nemzow sei schon drei Minuten vor den tödlichen Schüssen in der russischen Wikipedia eingetragen worden, glauben regierungskritische Russen. Ein Blick in die Versionsgeschichte des Wikipedia-Artikels über Nemzow zeigt: Der Eintrag erfolgte um 23.38 Uhr Ortszeit. Schon 23.10 Uhr hatte die «Nowaja Gaseta» getwittert: «In Moskau wurde der Politiker Boris Nemzow ermordet. (Der oppositionelle Politiker) Ilja Jaschin: Ja, ich sehe seine Leiche», heisst der Tweet übersetzt. 

Umgekehrt erklärte Präsident Putin sofort nach der Tat, die Schüsse auf Nemzow «deuten auf einen Auftragsmord hin, auf eine grosse Provokation der russischen Opposition und der westlichen Staaten.» Wieso sollte die Opposition ausgerechnet den einzigen Politiker umbringen, der das Potential hatte, die zersplitterten oppositionellen Kräfte zu einen? Und das vor Dutzenden von Überwachungskameras nicht einmal 100 Meter vom Kreml entfernt?

Foto der Überwachungskameras an der Kreml-Mauer direkt am Tatort.

Wie Boris Nemzow zum führenden Oppositionspolitiker wurde

Der 55-jährige Boris Nemzow hatte jüdische Wurzeln und arbeitete nach seinem Studium als Wissenschaftler am Strahlenphysikalischen Forschungsinstitut Gorki. Er gehörte lange Zeit zu den führenden Kräften der liberalen «Partei Union der rechten Kräfte». Anfang der 1990er Jahre war er Gouverneur der Provinz Nischni Nowgorod, die eine wichtige Brückenfunktion zwischen Moskau und den Wolgarepubliken sowie Sibirien hat.

«Boris Nemzow gehörte zu den wenigen russischen Politikern mit Rückgrat.»

ZDF-Korrespondentin Kathrin Eigendorf 

Der damals 32-jährige Nemzow wechselte die ganze korrupte Verwaltung aus und machte Nischni Nowgorod zum Pilotprojekt für wirtschaftsliberale Reformen und Privatisierungen in Russland. Mit Erfolg: Nischni Nowgorod erlebte ein Wirtschaftswunder, es entstand ein neuer Mittelstand und Nemzow hatte bald den Ruf weg als «Kennedy von Nischni Nowgorod».

Unter Präsident Boris Jelzin war Nemzow ab 1997 Vize-Ministerpräsident. Während der russischen Wirtschaftskrise 1998 übernahm Nemzow als einziges Regierungsmitglied einen Teil der Verantwortung und trat zurück. «Boris Nemzow gehörte zu den wenigen russischen Politikern mit Rückgrat», lobt ihn die ZDF-Korrespondentin Kathrin Eigendorf in Moskau.

Warum Präsident Putin und Oppositionspolitiker Nemzow «unversöhnliche Intimfeinde» waren

Als Jelzin 1999 zurücktrat, galt Boris Nemzow als aussichtsreicher Kandidat für das Präsidentenamt. Jelzin «wählte» aber einen weitgehend unbekannten ehemaligen KGB-Agenten aus St.Petersburg zu seinem Nachfolger, der dafür dem ganzen korrupten Jelzin-Clan lebenslange Freiheit von Strafverfolgung zusicherte – Wladimir Putin.

Fünf Jahre später veröffentlichte Boris Nemzow in der «Nesawissimaja Gaseta» («Unabhängige Zeitung») einen Artikel «Über die Gefahr des Putinismus», in dem er vor den Gefahren einer drohenden Diktatur Putins warnte. Seither standen sich in Moskau zwei «unversöhnliche Intimfeinde» gegenüber, wie Nemzow selbst einmal sagte.

Nemzow unterstützte 2004 aktiv die Orange Revolution in der Ukraine und wurde nach deren Sieg zum Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko ernannt. Für Putin eine unerhörte Provokation. Aber Boris Nemzow setze noch einen drauf: 2010 unterzeichnete er ein Manifest der russischen Opposition mit dem Titel «Putin muss gehen».

Boris Nemzow war vielleicht der einzige Politiker, den die zersplitterte Opposition in Russland als Führungsfigur akzeptiert hatte, von den linksliberalen und sozialdemokratischen Kräften bis zur rechtsliberalen Opposition.

«Putin hat den Krieg in der Ukraine begonnen, weil er Angst davor hat, dass sich der Kiewer Maidan in Moskau wiederholt»

Oppositioneller Boris Nemzow 

Nachdem russische Truppen 2014 zuerst die Krim-Halbinsel annektiert und danach zusammen mit lokalen Separatisten die Ostukraine in einen Krieg gestürzt hatten, erklärte Boris Nemzow: «Putin hat den Krieg in der Ukraine begonnen, weil er Angst davor hat, dass sich der Kiewer Maidan in Moskau wiederholt». Als ob das nicht deutlich genug war, bezeichnete er Putin als «Lügner».

Kurz vor seiner Ermordung gab Boris Nemzow im Radio «Echo Moskwy» sein letztes Interview (russisch). «Echo Moskwy» ist der einzige landesweite Radiosender, der noch nicht vom Kreml beherrscht wird und nach wie vor unabhängig und unzensiert berichtet. Wie gewohnt fand Nemzow im Interview deutliche Worte über den Krieg in der Ukraine und Präsident Putin.

War Nemzows Tod eine Warnung? 

Drei Stunden später lag Boris Nemzow tot auf der Strasse, heimtückisch aus einem Auto heraus erschossen. Die Reaktionen auf den Mord an Nemzow sind so zerrissen, wie es sein Heimatland ist: Auf der einen Seite zynische Kommentare und Häme von den russischen Propaganda-Medien und Regierungspolitikern.

Auf der anderen Seite Erschütterung und Angst davor, dass Andersdenkende mit dieser ruchlosen Tat zum Abschuss freigegeben wurden. Denn nur wenige Tage zuvor hatte der Putin-Freund und Anführer der berüchtigten Motorrad-Bande «Nachtwölfe» erklärt: «Nur Todesangst wird die Opposition von einem Maidan in Moskau abhalten», also von einer Revolution gegen Putin.

Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow warnte am Samstagmorgen vor einem «wachsenden Hass auf Andersdenkende in der russischen Gesellschaft». Kein Oppositioneller und kein unabhängiger Journalist könne sich heute in Russland noch sicher fühlen. Und der frühere Regierungschef Michail Kassjanow fragte am Samstagmorgen in einem Interview mit Radio «Echo Moskwy»: «Was ist nur aus Russland geworden?»

Bild

«Kein Oppositioneller und kein unabhängiger Journalist kann sich heute in Russland noch sicher fühlen», warnte Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow.  bild: Jürg Vollmer

Der Chefredaktor des unabhängigen Radio «Echo Moskwy» twitterte mitten in der Nacht, dass sein Sohn geklagt habe: «Papa, ich kann nicht schlafen, ich habe Albträume». Alexei Wenediktow antwortete: «Mein Sohn, ich kann auch nicht schlafen, aber meine Albträume sind Realität.»

Auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zeigte sich schockiert über den Mord: «Sie haben Boris umgebracht. Es ist kaum zu glauben. Ich habe keine Zweifel, dass die Täter bestraft werden. Früher oder später». Eher später, glauben regierungskritische Russen, weil die Behörden sofort nach dem Mord an Nemzow den Tatort von der Strassenreinigung «säubern» liessen, was eine kriminaltechnische Untersuchung von vornherein verunmöglicht.

Strassenreinigung verunmöglicht kriminaltechnische Untersuchung.

Der ehemalige Schachspieler und heutige Oppositionspolitiker Garri Kasparow zitierte kurz nach den tödlichen Schüssen ein Gespräch mit seinem Freund Nemzow: «Boris sagte mir immer, ich sei zu fordernd. In Russland brauche man sehr viel Zeit, um Veränderungen zu erreichen. Nun wird er diese Veränderungen nicht mehr erleben. RIP.»

Andere verabschieden sich so von Nemzow, der sein Image als Frauenheld und Macho pflegte, wie er es sich wohl gewünscht hätte. Oppositions-Aktivistin Xenija Sobtschak, deren Vater in den 1990er-Jahren als Bürgermeister von Sankt Petersburg Wladimir Putin gefördert hatte, schreibt in ihrem Blog: «Boris Nemzow lebte schnell und starb wie ein echter Kämpfer. Er war ein brillanter Redner und charismatisch. Während unserem letzten Gespräch flüsterte er mir zu: ‘Du bist cool, Sobtschak, obwohl du eine Frau bist.’ Aber aus seinem Mund war das schön zu hören.»

Auf dem Facebook-Account von Boris Nemzow schreiben Hunderte von Trauernden ergreifende Abschiedsbriefe. Und in Twitter kommentierten pro Stunde über 5000 Russen unter dem Hashtag #Немцова (Nemzow) erschüttert die Ermordung des Oppositionspolitikers und posten Fotos vom Tatort, der trotz strenger Polizeikontrollen mit Blumen geschmückt ist. 

Auf dem Twitter-Account von Boris Nemzow ist es aber nach seinem letzten Tweet um 19.36 Uhr still – und wird für immer still bleiben.

«Morgen Antikriegsmarsch, unter dem Motto Frühling.»

Putin-Kritiker Boris Nemzow wurde in Moskau erschossen

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Russland stuft Stiftung von Putin-Gegner Nawalny als «Agenten des Auslands» ein

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