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«This thing is killing us»: Wie die Droge Nyaope die Jugend Südafrikas zerstört

Präventionskampagne gegen den Nyaope-Konsum in Thokoza.
Bild: Lindokuhle Sobekwa 

Die Heroin-basierte Droge Nyaope hat ganze Townships in Johannesburg im Griff. Ein Bestandteil davon: Ein HIV-Medikament, das leicht erhältlich ist. Der junge südafrikanische Fotograf Lindokuhle Sobekwa dokumentiert mit seinen Bildern das Elend der Süchtigen.

thomas niederberger



Auf einer Parkbank in Johannesburg’s Kreativ-Quartier Newtown treffe ich Lindokuhle Sobekwa in der Mittagspause. Schnell macht er klar, dass er selbst nicht im Zentrum der Geschichte stehen will, und lenkt die Diskussion auf das Thema seiner Bilder: Die Droge Nyaope, die Süchtigen und die Township-Siedlung Thokoza.

Township Thokoza

Thokoza ist eine rund 10 Quadratkilometer grosse Siedlung mit offiziell 100‘000 Einwohnern. Die halbstündige Fahrt ins nordwestlich gelegene Zentrum von Johannesburg kostet 26 Rand (1.80 Franken).

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Auf dem Weg ins Township Thokoza.
Bild: lindokuhle sobekwa

Manche Townships, einst Inbegriff des in Architektur gegossenen Rassismus, haben sich zu recht beschaulichen Vorstädten entwickelt. Nach dem Ende der Apartheid hat die Südafrikanische Regierung viel Geld in sozialen Wohnungsbau, Strassen, Strom- und Wasseranschlüsse investiert.

«This thing is killing us.»

Fotograf Lindokuhle Sobekwa

Doch die sozialen Probleme sind geblieben, und während man in den besseren Strassen grosszügige Häuser und Luxusautos finden kann, wachsen an den Rändern die informellen «squatter camps» weiter. Thokoza gilt als ein vernachlässigtes Township, und die Hüttensiedlung von Phola Park, wo Sobekwa zu Hause ist, gehört zu den übelsten Quartieren von Thokoza.

Die «Nyaope-Jungs»

Nyaope, das ist ein Drogencocktail auf Heroin-Basis (siehe Box), dessen verheerende Wirkung der Fotograf seit nun drei Jahren dokumentiert. «This thing is killing us», sagt er über die Substanz, und er bezieht sich absichtlich mit ein. Betroffen seien nicht nur die Süchtigen, sondern auch Freunde, Familienangehörige und die ganze Gemeinschaft.

Die Süchtigen – er will sie nicht «Nyaope-Jungs» nennen, «weil es Menschen sind wie du und ich» – sind eine lose Gruppe von Jugendlichen, die sich in einer Wellblechhütte treffen, um Nyaope zu rauchen oder zu spritzen. Er nennt sie «Freunde» oder «Brüder».

Bereits am Telefon hatte Sobekwa klar gemacht, dass es keine Interviews mit ihnen geben wird: Die intime Beziehung, die er über die Jahre aufgebaut hat, könnte gestört werden, wenn ein weisser Journalist mit ihm im Township aufkreuzt. Weisse erregen in Thokoza Aufsehen, Neid und Missgunst.

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Ein Nyaope-Süchtiger in der Hütte mit einer Spritze.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope: Ein HIV-Medikament wirkt psychoaktiv

Erste Berichte über das Aufkommen einer neuen Droge namens Nyaope (auch «Whoonga») in Südafrika gibt es schon seit den frühen 2000er-Jahren. Trotzdem ist wenig darüber bekannt.
Vor allem die Verwendung von Anti-Retroviralen Medikamenten (ARV) im Heroin-basierten Drogencocktail lässt aufhorchen. ARVs blockieren den HI-Virus und damit den Ausbruch von Aids. In Südafrika leben 19 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit HIV, das sind über 6 Millionen Menschen. Dank einem staatlichen Gratis-Verteilsystem sind ARV-Medikamente gut zugänglich, und gelangen über Korruption oder Diebstahl auf den Drogenmarkt.
Erste seriöse Studien über die Rolle von ARVs in Nyaope wurden erst kürzlich publiziert.
Der Journalist Hamilton Morris bestätigte im Selbstversuch für Vice, dass hohe Dosen des ARV Efavirenz psychoaktiv wirken.
Je nach Quelle enthält der Nyaope-Mix auch Methamphetamin, Rattengift (Strychnin), Haushaltsreiniger und andere Substanzen, die zusammen erhitzt werden und dabei komplexe Interaktionen eingehen. Nyaope wird als weisses Pulver gehandelt, welches meist mit Marihuana gemischt zu einem Joint gedreht und geraucht wird. Der Einstieg fällt somit sehr leicht. Wenn die Wirkung der gerauchten Form nachlässt, steigen mache Süchtige (wie auf Sobekwas Fotos) auf Spritzen um.
Die Verbreitung von HIV/Aids durch geteilte Spritzen wird in den lokalen Medien allerdings noch kaum behandelt. Der extreme Suchteffekt von Nyaope wird vermutlich vor allem durch den Heroin-Bestandteil bewirkt. Heroin war in Südafrika vor dem Aufkommen von Nyaope kaum bekannt, entsprechend fehlt es an Wissen und Erfahrung. Zwar gibt es improvisierte Hilfsangebote und Entzugstherapien von privaten Eltern- und Quartierinitiativen, doch Politik und Behörden scheinen mit dem Problem überfordert zu sein. (tn)

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Die Wirkung von Nyaope ist euphorisierend, hält aber nur wenige Stunden.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

In der Nyaope-Hütte.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Ein Nyaope-Süchtiger zieht in der Hütte die Spritze auf.
Bild: Lindokuhle Sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Warten auf den nächsten Schuss.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Bilder an der Wand, ein paar Decken am Boden.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope-Droge in Südafrika: In der Nyaope-Hütte.

Der eine macht sich einen Schuss bereit, der andere putzt.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Die Männer bereiten den nächsten Schuss vor.
Bild: lindokuhle sobekwa

«Die Kamera gibt mir eine Distanz zu dem, was um mich herum geschieht, etwas, an dem ich mich festhalten kann.»

Lindokuhle Sobekwa, 20-jähriger Fotograf

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Die Droge wird gespritzt – meistens mit gebrauchten Spritzen.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Nyaope wird gespritzt, wenn die Wirkung beim Rauchen nicht mehr stark genug ist.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Ein kleines Ritual schweisst die «Nyaope-Jungs» zusammen.
Bild: lindokuhle sobekwa

Trailer zu «The Bang Bang Club»

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YouTube/Red Carpet Diary

Das Vorbild: Die Bang-Bang-Clubs

Thokoza wurde international bekannt durch die Fotografen des sogenannten Bang-Bang-Clubs, Kevin Carter, Greg Marinovich, Ken Oosterbroek und João Silva, die hier zu Ikonen der Kriegsfotografie wurden.
Als das Township in den letzten Jahren des Apartheid-Regimes zu einem Brennpunkt der Gewalt zwischen Anhängern des ANC und der von den Zulu’s unterstützten Inkatha Freedom Party wurde, wagten sie sich zwischen die Fronten.
Ihre Bilder wurden weltweit publiziert und mehrfach preisgekrönt. Im April 1994, wenige Tage vor den ersten freien Wahlen in Südafrika, wurde Ken Osterbroek beim Fotografieren in den Strassen von Thokoza erschossen. Kurz darauf beging Kevin Carter Suizid, weil er mit den Bildern im Kopf nicht mehr zurechtgekommen war. Insgesamt forderten die Gemetzel in Thokoza über 3000 Menschenleben.
Lindokuhle Sobekwa war da noch nicht geboren – er ist dieses Jahr 20 geworden. Der «Bang- Bang-Club» ist für ihn Teil seiner Geschichte und eine Messlatte für die Qualität seiner Bilder. (tn)

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Schlafen und abhängen nach dem Schuss: In der Nyaope-Hütte.
Bild: lindokuhle sobekwa

Das schwere Erbe der Generation «born free»

Sobekwa ist kein Kriegsfotograf, sondern ein diskreter Chronist des alltäglichen Überlebenskampfes vor seiner Haustür. Was ihn von seinen Sujets unterscheidet: Sie haben Nyaope, er eine Kamera. Zum Fotografieren animiert wurde er durch ein Projekt namens Of Soul and Joy an der lokalen High School. «Die Kamera gibt mir eine gewisse Distanz zu dem, was um mich herum geschieht», sagt er, «etwas, an dem ich mich festhalten kann.»

Die oft gefeierte und verklärte «born free»-Generation trägt ein schweres Erbe. Das Leben im Township ist geprägt von Gewalt, Kriminalität und Alkoholismus. Südafrika belegt international Spitzenpositionen in den Statistiken für gewaltsamen Tod und soziale Ungleichheit. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt offiziell knapp 50 Prozent.

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Bild: Lindokuhle Sobekwa

«Zu sehen, wie schlecht sie darauf aussehen, machte sie traurig – aber sie wollten es zeigen, als Warnung für andere.»

Lindokuhle Sobekwa, Fotograf

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Blick aus der «Nyaope-Hütte» auf ein «squatter camp» in Thokoza.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Altmetall-Sammeln in einer Abfalldeponie. Mit dem Erlös werden Drogen gekauft.
Bild: lindokuhle sobekwa

Dazu kommt, dass viele ihre Eltern früh verloren haben, oft durch die Aidswelle, die in den ersten Jahren der «Freiheit» über das Land rollte. Mit beiden Elternteilen aufzuwachsen, ist die Ausnahme. Auch Sobekwas Vater ist früh gestorben – nicht an Aids, wie er betont. Seine Mutter ist zurück in ihr Heimatdorf gezogen. Er wohnt deshalb alleine in seiner Hütte.

Es fällt dem jungen Fotografen schwer, Worte zu finden für das, was in seiner Siedlung geschieht. Die Geschichten der Menschen in seinen Bildern bleiben bruchstückhaft. Auffällig findet er, dass es oft besonders talentierte Jugendliche seien. Solche, die an der Schule noch als gute Sportler, Autorinnen oder Rapper aufgefallen waren. Die ersten Fotos hatte er auf ihre Einladung hin gemacht. «Zu sehen, wie schlecht sie darauf aussehen, machte sie traurig – aber sie wollten es zeigen, als Warnung für andere.»

Vom Mob zu Tode geprügelt

Unterdessen sind drei von ihnen gestorben. Einer wurde eines Morgens tot in einem Kirchenzelt gefunden, wo er sich den letzten Schuss gesetzt hatte. Sobekwa fotografierte seine Beerdigung. Ein anderer wurde von einem Mob zu Tode geprügelt, weil er etwas gestohlen haben soll.

Es ist kein Geheimnis, dass die Süchtigen die 25 bis 45 Rand (1.80 bis 3.20 Franken) für eine Dosis Nyaope nicht immer mit legalen Mitteln auftreiben. Ihr Haupterwerb ist der Verkauf von Altmetall, wobei manchmal auch Kabel und andere verwertbare Materialien abmontiert werden, die noch in Gebrauch sind.

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Dieser Süchtige wurde verprügelt, weil er etwas gestohlen haben soll.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Die Süchtigen verkaufen Snacks auf der Strasse, um ein wenig Geld zu verdienen.
bild: Lindokuhle Sobekwa

«Wir müssen mehr wissen über diese Droge und wirksame Entzugstherapien finden für die Leute, die damit aufhören wollen.»

Lindokuhle Sobekwa, fotografiert Süchtige im Township

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Unterwegs in den Strassen von Thakoza.
Bild: lindokuhle sobekwa

Nyaope Drogenszene (Johannesburg, South Africa)

Ein Süchtiger gönnt sich eine Pause auf Betonröhren.
Bild: lindokuhle sobekwa

Andererseits bieten die Süchtigen auch willkommene Sündenböcke für alle möglichen Diebstähle, die sie nie begangen haben. Weil die Polizei in Bagatellfällen nichts unternimmt, oder die Süchtigen nach ein paar Tagen Gefängnis wieder frei kommen, nehmen die Quartierbewohner das Recht in die eigene Hand. Die Hütte, in der viele von Sobekwa‘s Fotos entstanden, gibt es nicht mehr: Eines Nachts wurde sie vom Mob niedergebrannt.

Riskante Arbeit – und ein wenig Anerkennung

Sobekwas Nähe zu den Nyaope-Süchtigen ist riskant. Er verbrachte drei Nächte im Gefängnis, weil die Polizei ihn bei einer Drogenrazzia für einen der Süchtigen hielt. Dann wurde seine Kamera gestohlen, vielleicht von Neidern in der Siedlung. Er will daraus kein Drama machen – was ihm passiert ist, sei schliesslich «nichts Spezielles».

Seine Arbeit hat ihm nicht nur Probleme, sondern auch Unterstützung und Anerkennung gebracht: Die Nyaope-Serie erschien im Mail&Guardian und im Vice Magazin, wurde in Belgien ausgestellt und als Fotobuch veröffentlicht.

Zurzeit fotografiert Sobekwa mit einer geliehenen Kamera und besucht Kurse am Market Photo Workshop, danach möchte er an einer Uni Fotografie studieren. Den Fokus seiner Arbeit hat er auf ganz Thokoza erweitert, doch das Schicksal der Nyaope-Süchtigen lässt ihn nicht los: «Wir müssen mehr wissen über diese Droge und wirksame Entzugstherapien finden für die Leute, die damit aufhören wollen.»

Was ihn antreibt ist der Glaube an die aufklärerische Wirkung von Bildern, die zum Hinsehen zwingen, wo man lieber wegschauen möchte.

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