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Kein Benzin in Frankreich: Ansturm auf Schweizer Tankstellen

Drivers line up at a petrol station in Roubaix, northern France, Wednesday, Oct. 12, 2022. The French government on Wednesday started the process of requisitioning workers at petrol depots of ExxonMob ...
Autos stellen sich am Donnerstag im nordfranzösischen Roubaix in die Warteschlange.Bild: keystone

Während sich in Frankreich die Tankenden prügeln, stürmen andere die Schweizer Tankstellen

Fast einem Drittel der Tankstellen in Frankreich ist der Treibstoff ausgegangen. An den grenznahen Tankstellen in der Schweiz liess der Ansturm nicht lange auf sich warten.
13.10.2022, 22:1614.10.2022, 12:43
Alexandre Cudré / watson.ch/fr
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In Frankreich zieht sich der Streik der Beschäftigten im Ölsektor in die Länge. Der Ton zwischen dem Staat und den Streikenden verschärft sich. Premierministerin Élisabeth Borne hat angeordnet, dass das notwendige Personal der Raffinerie von Port-Jérôme in der Normandie zur Arbeit verpflichtet wird. Sechs der sieben Raffinerien des Landes sind von den Streiks betroffen, die Gewerkschaft CGT will eine zehnprozentige Lohnerhöhung bei den Raffinerien des Energiekonzerns Total durchsetzen.

Die Ironie der Geschichte: Manche der Tanks der Depots sind bis zum Rand gefüllt. Nur kann der Treibstoff nicht ausgeliefert werden. An etwa einem Drittel der französischen Tankstellen gibt es nach rund zwei Streikwochen inzwischen Engpässe, Autofahrer stehen Schlange oder kurven auf der Suche nach Kraftstoff durch die Städte. Es kam zu zahlreichen Schlägereien und Gewaltausbrüchen.

Hamstern, prügeln und Schlange stehen: die Benzin-Krise in Frankreich

Video: watson/sal

Das Warten zehrt an den Nerven: Südlich von Genf stach am letzten Mittwoch ein junger Franzose mehrmals auf einen Schweizer Familienvater ein, der mit zwei Kindern Benzin holte und den Savoyer vermutlich in der Schlange überholte. Der Genfer überlebte, der Täter ist in Haft.

Die Krise hat auch Auswirkungen im Schweizer Grenzgebiet. Eine kleine Übersicht:

Die Rückkehr zur Normalität

Die Schweizer Autofahrenden hatten es sich in den letzten Wochen zur Gewohnheit gemacht, in Frankreich billig zu tanken. Der französische Staat drückte die Treibstoffpreise mit einer Soforthilfe um bis zu 30 Rappen pro Liter.

Doch durch die Engpässe wendete sich innerhalb weniger Tage das Blatt: Nun sind es wieder die französischen Lenkenden, die ihre Tanks im Nachbarland füllen.

Zwei Schweizer Regionen sind besonders betroffen: Genf, wo der grösste Teil der Kantonsgrenze auf französischem Gebiet verläuft, und der Jurabogen mit den Kantonen Neuenburg und Jura.

Genf

Im Kanton Genf verschärfte sich die Lage rasch. So schreibt die «Tribune de Genève», dass in der französischen Nachbarstadt Annemasse zahlreiche Tankstellen wegen fehlender Treibstofflieferungen leer liefen. Überdies haben die Präfekten der benachbarten Regionen Haute-Savoie und Ain den Tankenden verboten, Kanister zu füllen.

Das führte zu einem massiven Zustrom französischer Autofahrer und zu Engpässen an mehreren Tankstellen auf der Schweizer Seite der Grenze. Laut der TdG zögern einige französische Autofahrer nicht, aus Grenoble anzureisen. Eine Anreise von 150 Kilometern.

Neuenburg

Im Grenzdorf Les Verrières sind die französischen Nummernschilder in großer Zahl zu sehen, wie eine Reportage von Canal Alpha zeigt. Für die Tankstellenpächter ist das eine gute Sache:

«Wegen Covid und des starken Frankens haben wir sehr unter dem Mangel an Kunden gelitten. Ich bin zufrieden mit dieser Situation.»
Shyam Mahadoo, Tankstellenpächter, Meudon (NE)canal alpha

Jura

In Boncourt in der Ajoie kommen viele Franzosen aus Grandvillard, Belfort oder Mulhouse zum Tanken. Eine Grenzgängerin erklärt dies im Gespräch mit dem jurassischen Lokalfernsehen:

«Wir haben kein Benzin mehr in Frankreich. Seit einer Woche renne ich herum, um welches zu finden.»
Nela, Grenzgängerincanal alpha

Viele von ihnen gehen übrigens mit einem oder mehreren gefüllten Kanistern wieder nach Hause:

«Die Leute kommen mit Kanistern. Ich glaube, ich werde das Gleiche tun – aber pssst, das darf man nicht sagen.»
Nela, Grenzgängerincanal alpha

In der Tat waren «in der Region von Belfort und Montbéliard am Dienstag rund 30 Stationen teilweise oder vollständig ausverkauft», berichtet «Le Quotidien jurassien». Genau wie im Kanton Neuenburg freut dieser plötzliche Ansturm auf die Schweizer Zapfsäulen die Tankstellenbetreiber:

«Seit es dieses Problem in Frankreich gibt, haben wir einen Teil unserer Kunden und unseres Umsatzes zurückgewonnen.»
Pascale Noirjean, Tankstellenpächter, Boncourt (JU)canal alpha
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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rethinking
14.10.2022 06:00registriert Oktober 2018
So schnell „wird“ der Mensch zum Tier…

In Tat und Wahrheit ist Egoismus tief in uns verankert…
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rolf.iller
14.10.2022 08:39registriert Juli 2014
Frankreich ist halt ein emanzipiertes Volk. Die brauchen keinen Putin für eine Energiekrise. Das kriegen die ganz von alleine hin 😅
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Ohniznachtisbett
14.10.2022 07:59registriert August 2016
Tja, das ist wenn man so unglaublich auf genderneutrale Sprache schaut, dass man Deutsch und die Bedeutung aus den Augen verliert. Es sind Menschen an einer Tankstelle die sich prügeln. Währen sie alle tankend, würden sie sich wohl kaum prügeln. Wie wärs mit: "Franzosende prügeln sich um Zapfsäule". Im Ernst: Tankwillige prügeln sich um Zapfsäule wäre wohl richtig.
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