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Während die Taliban bereits wenige Kilometer vor der Hauptstadt Kabul stehen, hat sich Präsident Aschraf Ghani am Samstag nach langem Schweigen in einer TV-Ansprache zur Lage geäussert. Dabei ging er nicht auf Spekulationen ein, er könne zurücktreten, um den Weg für eine Einigung mit den militanten Islamisten frei zu machen.
Während die Taliban bereits wenige Kilometer vor der Hauptstadt Kabul stehen, hat sich Präsident Aschraf Ghani am Samstag nach langem Schweigen in einer TV-Ansprache zur Lage geäussert. Dabei ging er nicht auf Spekulationen ein, er könne zurücktreten, um den Weg für eine Einigung mit den militanten Islamisten frei zu machen.
Bild: keystone

Taliban-Offensive in Afghanistan – das sind die 6 neusten Entwicklungen

Während die Taliban gegen Kabul vorrücken, reagieren immer mehr westliche Länder auf die Verschlechterung der Sicherheitslage – so auch die Schweiz.
14.08.2021, 10:5915.08.2021, 13:36

So sieht die militärische Lage aus

Update Samstag, 18 Uhr: Auf ihrem rasanten Eroberungsfeldzug haben sich die islamistischen Taliban bis auf wenige Kilometer an die Hauptstadt Kabul herangekämpft.

Mittlerweile sind fast der gesamte Westen und der Süden Afghanistans unter der Kontrolle der Taliban. Nun zieht es sie immer mehr zur afghanischen Hauptstadt Kabul.

Es gibt Berichte, dass die Taliban auf die Städte rund um Kabul vorrücken. So etwa auf Maidan Shar, eine Stadt, die nur etwa eine Stunde südlich von Kabul entfernt ist. Letzte Nacht habe die US Airforce in Maidan Shar Luftschläge gegen die Taliban ausgeführt, berichtet der afghanische Journalist Bilal Sarwary. Experten schätzen aber, dass die Taliban mit dem Sturm auf Kabul noch zuwarten.

Landesweit haben die Taliban mittlerweile mehr als die Hälfte der Provinzhauptstädte eingenommen, 16 stehen unter ihrer Kontrolle.

Der aktuelle Stand in Afghanistan:

bild: long war journal

Von den etwas über 400 Bezirken sind ca. 247 unter der Kontrolle der Taliban, die Regierung hält nur noch 63 Bezirke. Derweil sind allerdings 97 noch umkämpft bzw. umstritten.

EDA fliegt Deza-Mitarbeitende aus Afghanistan aus

Die Schweiz holt aus Sicherheitsgründen die sechs Schweizer Mitarbeitenden des EDA aus Afghanistan zurück in die Schweiz. 40 langjährige lokale Mitarbeitende der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und ihre Familien erhalten ein humanitäres Visum.

Es dürfte sich insgesamt um 200 Personen handeln, erklärte Mario Gattiker, Staatssekretär beim Staatssekretariat für Migration (SEM). Diesen Entscheid habe Justizministerin Karin Keller-Sutter gefällt. Gattiker sagte dazu:

«Weil diese Afghanen für die Schweiz arbeiteten, besteht die Gefahr, dass sie als Kollaborateure des feindlichen Westens angesehen und verfolgt werden.»

«Die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert sich täglich», sagte Livia Leu, Staatssekretärin beim Aussendepartement EDA, am Freitagabend vor den Medien in Bern. «Wir sind sehr besorgt über diese Entwicklung.» Es müsse dringend ein politischer Dialog aufgenommen werden. «Die Schweiz verurteilt die Verstösse gegen das Völkerrecht, die in Afghanistan begangen werden», sagte Leu weiter, «das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte müssen eingehalten werden».

«Fehlender Widerstand»: USA machen Afghanistan Vorwürfe

Die US-Regierung hat der afghanischen Führung und den Sicherheitskräften angesichts des Vormarsches der Taliban mangelnde Kampfbereitschaft vorgeworfen. Es sei «beunruhigend» zu sehen, dass die politische und militärische Führung nicht den «Willen» gehabt habe, sich dem Vormarsch der militanten Islamisten zu widersetzen, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, dem Sender CNN.

Die USA hätten den «fehlenden Widerstand» durch die afghanischen Streitkräfte nicht vorhersehen können, sagte Kirby am Freitag (Ortszeit) im Interview mit dem Sender.

«Geld kann keinen Willen kaufen.»

Die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban in Bezug auf Ausrüstung, Training und Truppenstärke überlegen und verfügten über eine eigene Luftwaffe, sagte Kirby. Mit Blick auf die finanzielle Unterstützung der US-Regierung für die Sicherheitskräfte fügte er hinzu: «Geld kann keinen Willen kaufen.» Dafür sei die politische und militärische Führung der Afghanen zuständig. Die Kampfbereitschaft sei nötig, um zu verhindern, dass die Taliban das ganze Land unter ihre Kontrolle bringen, warnte Kirby.

Etliche Länder räumen Botschaften

Die Mitarbeiter der britischen Botschaft in Afghanistan sollen bereits in den kommenden Tagen grösstenteils abgezogen werden. Das sagte Premierminister Boris Johnson nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitskabinetts (Cobra) zur Lage in dem zentralasiatischen Land am Freitag in London. Gleichzeitig solle ein Team des Innenministeriums entsandt werden, um die Ausreise von Afghanen zu organisieren, die für die britischen Streitkräfte tätig waren.

Boris Johnson.
Boris Johnson.
Bild: keystone

«Es ist offensichtlich sehr schwierig», sagte Johnson angesichts des dramatischen Vormarschs der Taliban nach dem Abzug westlicher Truppen. Grossbritannien könne aber «extrem stolz» auf seine Rolle in Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren sein. «Wir haben seit langer Zeit keine Al-Kaida-Angriffe auf den Westen gesehen und es gibt Millionen junger Frauen und Mädchen, die Zugang zu Bildung erhalten haben», so der konservative Politiker weiter. Eine militärische Lösung für das Land gebe es nicht.

Johnson ist nicht alleine. Dänemark und Norwegen schliessen ihre Botschaften in Kabul ebenfalls – zumindest vorübergehend. Wann genau wurde aus Sicherheitsgründen nicht mitgeteilt. Deutschland hingegen reduziert das Botschaftspersonal auf das Minimum.

UN-Chef fordert Taliban zu sofortigem Ende von Vormarsch auf

UN-Generalsekretär António Guterres hat die militant-islamistischen Taliban zur sofortigen Einstellung ihres gewaltsamen Vormarsches in Afghanistan aufgerufen. «Die Macht durch militärische Gewalt an sich zu reissen ist ein zum Scheitern verurteiltes Vorgehen», sagte Guterres am Freitag vor Journalisten in New York.

António Guterres.
António Guterres.
Bild: keystone

«Es kann nur zu einem verlängerten Bürgerkrieg oder der kompletten Isolation von Afghanistan führen.» Er hoffe auf eine mit allen Parteien verhandelte Einigung zur Beendigung des Konfliktes. Die Situation bereite ihm grosse Sorge, sagte Guterres. «Afghanistan gerät ausser Kontrolle.»

Kanada will 20'000 gefährdete Afghanen aufnehmen

Kanada will mehr als 20'000 gefährdete Afghanen aufnehmen, um sie vor den Taliban zu schützen. Dazu zählten unter anderen Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und weibliche Führungskräfte, teilt Marco Mendicino, Minister für Einwanderung, Flüchtlinge und Staatsbürgerschaft, mit.

Diese Personen würden zusätzlich aufgenommen. Die Regierung in Ottawa hat bereits Dolmetschern, die für Kanada gearbeitet haben und Botschaftsmitarbeitern in Afghanistan zugesagt, sie vor der Rache der Taliban zu schützen und ins Land zu lassen.

(jaw/sda/dpa/reuters)

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