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Richtig spenden – mit diesen 7 Tipps machst du nie mehr etwas falsch

epa10296690 Red Cross workers move medical supplies by boat across a reservoir next to a bridge that was destroyed by shelling in the settlement of Staryi Saltiv, Kharkiv region, Ukraine, 09 November  ...
Medizinische Hilfsmittel für Charkiw: Mitarbeitende des Roten Kreuzes in der UkraineBild: keystone

Richtig spenden? So bewirkst du mit deinem Geld am meisten

In Zeiten von Krieg und Klimakrise wollen viele Menschen Geld spenden. Doch so einfach ist das gar nicht. Sieben Tipps, wie du am meisten mit deinem Geld bewirken kannst.
12.12.2022, 05:3613.12.2022, 09:25
Dennis Frasch
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Die Adventszeit ist auch eine Zeit der Barmherzigkeit. In keinem Monat wird so viel gespendet wie im Dezember. Über zwei Milliarden Franken haben Schweizer Hilfswerke im Jahr 2021 erhalten. Das meiste Geld stammt dabei von privaten Haushalten. Das wissen auch die Hilfsorganisationen: In den Briefkästen stapeln sich momentan die Bettelbriefe.

Die richtige Organisation zu finden, ist dabei gar nicht so einfach. Doch mit diesen sieben Tipps kannst du sicher sein, das meiste aus deinem Geld herauszuholen.

Nimm dir Zeit

Viele Menschen treffen ihre Spendenentscheidung spontan. Meistens dann, wenn sie sich von einer NGO auf der Strasse überreden lassen. Oder sie nehmen die bekannteste Organisation, die ihnen in den Sinn kommt.

Das ist okay. Doch mit etwas Recherche kann man garantiert mehr Gutes mit dem gespendeten Geld tun. Dafür sollte man sich zuerst fragen, was einem eigentlich wichtig ist. Gesundheitliche Themen? Tiere? Entwicklungshilfe? Klimaschutz?

Ist man bei dieser Frage schon überfordert, sollte man sich nach der Wissenschaft richten.

Traue der Wissenschaft

Ja, es gibt mittlerweile eine ganze Bewegung, die sich mit gutem Spenden auseinandersetzt. Sie nennt sich effektiver Altruismus und wurde Anfang der Nullerjahre von Philosophen, Ökonomen und Mathematikern ins Leben gerufen.

Sebastian Schwiecker ist einer dieser effektiven Altruisten. Der gelernte Volkswirt gründete vor einigen Jahren das Portal «effektiv-spenden.org». Der Name ist Programm. Schwiecker findet es schade, dass die Leute relativ gedankenlos spenden: «Wenn man sich ein neues Telefon kauft oder in die Ferien reist, liest man Testberichte und schaut Videos. Bei Spenden machen das viele nicht.»

Dabei gäbe es gerade bei Spenden ein riesiges Gefälle. «Man kann mit dem gleichen Geldbetrag bis zu 100 Mal mehr Menschen helfen», sagt Schwiecker.

Beweise dafür liefert die Wissenschaft. Da gibt es etwa das «Center on Long-Term Risk», welches die grossen langfristigen Bedrohungen für unsere Spezies und unser Ökosystem untersucht. Ähnlich versucht das «Global Priorities Institute» per Datenanalyse herauszufinden, welche globalen Missstände zu priorisieren sind.

Auf seiner Website hält sich Schwiecker an die Forschungsergebnisse von «GiveWell» – eine Organisation, die untersucht, welche Hilfsorganisationen pro Franken am meisten Leben retten oder verbessern. Menschen, die mit ihrer Spende eine möglichst grosse Wirkung erzielen wollen, empfiehlt Schwiecker in die folgenden Bereiche zu investieren:

  • Armut bekämpfen
  • Klima schützen
  • Tierleid verringern
  • Zukunft bewahren

Denke global – Fokus auf Entwicklungsländer

Wer mit seinem Geld möglichst vielen Menschen helfen will, sollte deswegen über die Landesgrenzen hinaus blicken. «Viele Menschen müssen bei uns bereits den Gürtel enger schnallen. Doch die ärmsten Menschen dieser Welt trifft es noch viel härter», sagt Spendenexperte Schwiecker.

Auch seien die grössten Probleme der Menschheit solche, die in der Öffentlichkeit nicht die entsprechende Aufmerksamkeit erhalten. «Jährlich sterben immer noch hunderttausende Kinder an Malaria.» Dabei gebe es kostengünstige und effektive Massnahmen dagegen: Moskitonetze und prophylaktische Medikamente.

Gerade niederschwellige Massnahmen haben oft den grössten Effekt. Bestes Beispiel ist die «Deworm The World»-Initiative. Sie wurde von drei Wirtschaftsnobelpreisträgern ins Leben gerufen. Durch sie verbringen Kinder in Entwicklungsländer 50 Mal mehr Zeit in der Schule als durch manch andere Hilfsmassnahme.

Wer eine ähnliche effektive NGO mit Schweizer Beteiligung sucht, kann sich «New Incentives» ansehen. Die Organisation setzt sich für einen verbesserten Zugang von Impfungen für Babys ein. Mitbegründer des Projekts ist der Schweizer Patrick Stadler.

Verwaltungskosten und (Zewo)-Gütesiegel sind nicht so wichtig

Bekannte Auswahlkriterien für die richtige Organisation sind die Verwaltungskosten und das Gütesiegel. Diese liefern wichtige Hinweise, sagen aber nur wenig über die Effektivität aus.

Die Verwaltungskosten eines Hilfswerks geben Auskunft darüber, wie viele Prozente der Spendeneinnahmen für die eigene Verwaltung ausgegeben wird – statt für die Hilfsprojekte. Doch Organisationen mit hohen Verwaltungskosten können durch gezielte Massnahmen trotzdem viel effektiver sein.

Ähnlich verhält es sich beim Gütesiegel: In der Schweiz zertifiziert die Zewo Hilfsorganisationen, denen man trauen kann. Als erste Information kann dies hilfreich sein. Das Siegel werde jedoch überschätzt, sagt Sebastian Schwiecker. «Organisationen wie die Zewo leisten nicht schlechte Arbeit. Aber sie beantworten die falschen Fragen.» Schwiecker vergleicht es mit der MfK-Prüfung: «Man schaut, ob das Auto überhaupt auf die Strasse darf. Nicht, ob es das beste Auto ist.»

Patenschaften sind keine gute Idee

Eine besonders ineffektive Art zu spenden, sind Kinderpatenschaften. «Im besten Fall ist es Etikettenschwindel, im schlimmsten Fall eine hochgradig ineffektive oder sogar kontraproduktive Art der Entwicklungshilfe», sagt Schwiecker.

Gründe dafür gibt es viele. So würden Patenschaften nicht die Ursachen der Armut bekämpfen, die unterstützten Kinder isolieren und Neid erzeugen, familiäre und soziale Strukturen zerstören und dazu noch sehr teuer sein.

Organisationen wie «World Vision» hingegen würden Etikettenschwindel betreiben, da sie gar keine Einzelfallhilfe betrieben, sondern «Projektarbeit im Umfeld des Patenkindes», wie es im Kleingedruckten heisst.

So viel solltest du spenden

Hat man einmal eine Organisation oder ein Projekt gefunden, stellt sich die Frage nach der Höhe der Spende.

Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Orientierungshilfe jedoch zuhauf: Man könnte sich zum Beispiel an der Schweizer Entwicklungshilfe orientieren. So hat die Schweiz 2021 rund 0,5 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe ausgegeben. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich an der Kirchensteuer zu orientieren.

Effektive Altruisten wie Schwiecker spenden zehn Prozent ihres Einkommens. «Wenn man sich darauf einlässt, glaube ich, dass dies für die meisten Menschen in unseren Breitengraden möglich ist.» Die Menschen in Zentraleuropa gehörten selbst mit einem mittleren Einkommen zu den reichsten fünf Prozent der Welt. «Bei allen Herausforderungen: Wir jammern auf hohem Niveau.»

Schwiecker empfiehlt deshalb, sich zu überlegen, wann man das letzte Mal mit zehn Prozent weniger gelebt habe. «Dann sollte man sich fragen: War das eine sehr harte Zeit oder war mein Leben nicht auch schon damals gut genug?»

Bonus: Warum man eher nicht an die Ukraine spenden sollte

Viele dürften sich in diesem Jahr überlegen, Geld an die Ukraine zu spenden. Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Hier findet man eine Übersicht mit möglichen Hilfsorganisationen.

Trotzdem gibt Spendenexperte Schwiecker zu bedenken, dass es bessere Optionen gäbe: «Ich bin für jeden dankbar, der an die Ukraine spendet. Aber durch die mediale Berichterstattung geht bereits ein grosser Anteil der weltweiten Spenden in die Ukraine.»

Das bedeute, dass weniger beachtete Bereiche, die ohnehin schon zu wenig Spendengelder bekämen, jetzt noch weniger erhielten. «Das bedeutet aber auch, dass jeder Franken jetzt noch mehr bewirkt», sagt Schwiecker.

Weiter sei es extrem kompliziert, in aktiven Kriegsgebieten überhaupt sinnvoll helfen zu können. «Die Gefahr ist hoch, dass die Mittel in die falschen Hände geraten.» Denn es fehle an der wichtigsten Ressource für die effektiven Altruisten: Daten.

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79 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Nummy33
12.12.2022 07:30registriert April 2022
bitte nicht vergessen, dass es auch in der Schweiz viele Menschen / Institutionen gibt welche unsere Spenden nötig haben
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Antinatalist
12.12.2022 06:36registriert September 2019
Wenn die Spende dann als Teil des 50'000-Franken-Jahreshonorars auf dem Konto von Doris Fiala landet, weiss man, dass es ganz sicher besonders gut investiert wurde...
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Xinaka
12.12.2022 06:42registriert Juli 2019
Bei World Vision bin ich mir grad nicht sicher, ob ich die Kritik verstehe : am Prinzip der Patenschaft wird kritisiert, dass sie das Kind isoliere, Neid erzeuge und existierenden familiären oder sozialen Strukturen zuwiderläufe.
Dann steht da, dass World Vision projektbasiert arbeitet und eben nicht spezifisch 1 Kind fördert, und das ist auch nicht gut?
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