Die Crack-Pfeife im Kinderzimmer: Wie Tiktok süchtig macht
Religion war für Karl Marx im 19. Jahrhundert das Opium des Volkes: ein vermeintlicher Trostspender mit schwerwiegenden Folgen. Sie betäubt die Sinne, verstellt den Blick auf die gesellschaftliche Realität und lähmt den Willen der Proletarier, gegen ihr irdisches Leid aufzubegehren. Denn dieses ist gottgewollt – die Erlösung wartete nicht hier, sondern im Paradies.
Im 21. Jahrhundert scheint die Religion abgelöst worden zu sein. An ihre Stelle sind soziale Medien getreten. Tiktok ist die Crack-Pfeife des Kinderzimmers. Endloses Scrollen betäubt die Sinne, verzerrt den Blick auf das eigene Selbstbild, macht süchtig und lässt den Willen erlahmen, sich aufzuraffen und etwas anderes zu tun, als auf einem kleinen Bildschirm inhaltsleere Videos an sich vorbeiziehen zu lassen.
Verbieten! Australien ist Vorreiter
Natürlich ist der Vergleich mit der Crack-Pfeife ebenso überhöht wie Marx’ literarischer Griff zum Opium. Doch mit dem Rauchen werden Tiktok, Instagram und Co. bereits ernsthaft verglichen, etwa wenn es darum geht, im Namen des Jugendschutzes Altersbeschränkungen durchzusetzen. Australien ist hier Vorreiter. Ende 2025 beschloss die Regierung ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige.
Andere Länder ziehen nach: In Dänemark kündigte die Regierung im November an, ein Mindestalter von 15 Jahren einführen zu wollen. Auch Norwegen plant ein solches Verbot. Frankreich, Spanien, Italien und Grossbritannien wollen folgen. Und in der Schweiz hat das Parlament den Bundesrat beauftragt, zu prüfen, wie die Jugend vor übermässigem und schädlichem Konsum sozialer Medien geschützt werden kann.
Eine interessante Konstellation liegt in Deutschland vor: Hier will die konservative CDU ein Verbot, die Linke und die SPD haben sich aber jüngst dagegen ausgesprochen. Statt der Jugendlichen sollen die Plattformen selbst beschränkt werden. Sie sollen verpflichtet werden, ihr Produkt so anzupassen, dass es seine toxische Wirkung verliert – also quasi Zigaretten ohne Schadstoffe zu entwickeln.
Wie bei den Prozessen gegen Big Tobacco
So ähnlich sieht das auch die EU. Tiktok habe ein «süchtig machendes Design» und verstosse damit gegen das EU-Gesetz über digitale Dienste (DSA). Das liege daran, dass unendliches Scrollen möglich sei, sowie an automatisch startenden Videos und an einem penibel personalisierten Empfehlungssystem. Der Tiktok-Mutterkonzern Bytedance müsse deshalb sein Produkt anpassen, sonst werde eine Busse fällig. Dagegen will das Unternehmen allerdings gerichtlich vorgehen.
In den USA wird jetzt schon vor Gericht um den Suchtfaktor von Social Media gestritten – ins Rollen gebracht haben die Prozesse mehrere Privatkläger, die sich durch die Plattformen geschädigt fühlen. Das erinnert an die Prozesse gegen die Tabakindustrie. In den 1960er-Jahren wurde auf diese Weise geklärt, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. In den 1990er-Jahren dann auch, dass Hersteller Konsumenten absichtlich süchtig machen. Solche Urteile wünschen sich nun die Anwälte der Social-Media-Opfer für Tiktok und Co.
Doch sie werden es schwer haben. Anders als beim Rauchen ist die wissenschaftliche Sachlage zu Social Media viel weniger eindeutig. Entscheidend sind nicht soziale Netzwerke an sich, sondern sowohl die Dauer der Nutzung als auch die Art der konsumierten Inhalte. Eine jüngst veröffentlichte Untersuchung aus Australien kommt zum Schluss, dass ein vollständiger Verzicht nicht automatisch zu mehr Wohlbefinden führt: Am besten schnitten jene Jugendlichen ab, die soziale Medien in einem massvollen Umfang nutzten – besser als Gleichaltrige, die ganz darauf verzichteten.
Man darf sich doch noch vernetzen
Opium und Crack zeigen ihre negativen Wirkungen rasch und eindeutig, bei sozialen Medien ist es wie im 19. Jahrhundert bei der Religion: deutlich komplexer. Es kommt vor allem darauf an, wie man sie selbst nutzt beziehungsweise praktiziert – und wie es um den eigenen kritischen Geist bestellt ist.
So führen Kritiker eines Social-Media-Verbots auch gerne ins Feld, dass die Netzwerke etwa queeren und transgeschlechtlichen Jugendlichen helfen, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und auszutauschen – was das psychische Wohlbefinden stärke.
Hier sollte man wohl einmal klar sagen, dass soziale Medien nicht mehr das sind, wozu sie einst konzipiert wurden: nämlich um Menschen zu verbinden. Es gab eine Zeit, da kam man auf Instagram an ein Ende seines Feeds, da wurde einem dann mitgeteilt, dass es keine neuen Beiträge befreundeter Nutzer gebe. Heute bestimmen kaum mehr die Freunde, was man sieht, sondern die künstliche Intelligenz, die statistisch präzise errechnet, welche Beiträge einen interessieren. Es braucht weder Likes noch Follower. Auch ohne einen einzigen «Freund» kann man auf Instagram und Tiktok tagelang scrollen.
Ohne die menschliche Verbindung verlieren soziale Medien ihren eigentlichen Zweck – und durch die Übernahme der KI die Nutzer vollends die Kontrolle. Wer sich früher etwa einen sexistischen oder rassistischen Beitrag auf einem sozialen Netzwerk ansah, verhalf ihm noch nicht zu mehr Publizität; er musste ihn liken oder teilen. Heute reicht ein längerer Blick darauf: Die künstliche Intelligenz deutet ihn als Interesse und spült ihn in die Streams anderer Nutzer. Anschauen allein heisst nun bereits:
Übertragen auf die alte Medienwelt würde das bedeuten: Wer Hitlers «Mein Kampf» zu Studienzwecken liest, verhilft seinen abscheulichen Botschaften zu mehr Publizität. Kurz: «Mein Kampf» lesen bedeutet: «I like it». Reflexion ist unmöglich. Insofern sind die neuen sozialen Medien antiaufklärerisch im Sinne Immanuel Kants.
Marx wüsste, was zu tun ist
Soll man also zum Wohl der Jugend soziale Medien verbieten? Oder doch die Plattformen dazu zwingen, ihr Design humanistischer zu machen? Es ist letztlich eine alte philosophische Frage: Soll man das vermeintliche Böse aus der Welt schaffen oder versuchen, die Welt besser zu machen?
Für Marx wäre die Antwort klar. Bei seiner Kritik am «Opium des Volkes» ging es nicht um den Stoff, sondern um seine gesellschaftliche Funktion. Er kritisierte nicht den Glauben an sich, sondern eine Ordnung, die den kritischen Geist betäubte. Die eigentliche Frage wäre demnach nicht, ob soziale Medien existieren dürfen – sondern welche Wirkung eine Gesellschaft bereit ist, von ihnen zu akzeptieren. (aargauerzeitung.ch)
