Trump gegen den Iran: Steigen jetzt die Zinsen – wie nach Putins Angriff auf die Ukraine?
Es wurde teuer für die Schweiz, als das letzte Mal ein Krieg begann und einen Energieschock auslöste. Im Februar 2022 liess Russlands Präsident Wladimir Putin die Ukraine angreifen. Die Schweiz war weit entfernt, dennoch stiegen danach hierzulande die Mieten, die Preise für Benzin oder Strom sowie die Hypothekarzinsen.
Wird sich nach dem Iran-Krieg das gleiche wie nach Putins Angriff auf die Ukraine ereignen? Wiederholt sich die Geschichte mit hoher Inflation und hohen Zinsen? Die Ökonomen der Bank J. Safra Sarasin haben berechnet, was im schlimmsten Fall passieren könnte.
Damals drosselte Putin die Gaszufuhr nach Europa. Die Preise für Energieträger schossen in die Höhe, so etwa für Gas, Benzin oder Heizöl. In der Folge wurde auch Strom teurer und nach über einem Jahrzehnt kehrte die Inflation zurück. Auf dem Höhepunkt war sie so hoch wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr. Schliesslich reagierte die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Leitzinserhöhungen von mehr als 2 Prozentpunkten. Die Hypothekarzinsen stiegen, ebenso wie die damit verbundenen Mieten. Am Ende lagen die Lebenskosten in der Schweiz um 5 Prozent höher.
«Horrorszenario» ist wahrscheinlich geworden
Heute lässt US-Präsident Donald Trump den Iran bombardieren. Die Begründungen seiner Regierung dafür wandeln sich und klingen gelegentlich absurd. So sagte Trumps Sprecherin Karoline Leavitt laut der «Financial Times» von einem «Feeling» des Präsidenten. Trump habe «das Gefühl gehabt, basierend auf Fakten, dass der Iran die USA angreifen wird». Er habe nicht tatenlos zusehen wollen, wie das passiert.
Nun ist vieles möglich. Laut dem «The Economist» ist unter anderem das sogenannte «Horrorszenario» wahrscheinlich geworden. Für Energieanalysten sei dies immer ein iranisches Regime gewesen, das nichts mehr zu verlieren hat: Ein Regime das seine Nachbarn beschiesst, auch wenn es damit Vergeltungsschläge auf seine eigene Erdölinfrastruktur provoziert. Ein Regime, das die Strasse von Hormus blockiert, auch wenn es damit China verärgert – den Hauptabnehmer seines Erdöls. Kurzum: ein Regime, das wild um sich schlägt.
Laut Thomas Friedman, Nahost-Experte der «New York Times», ist es für das Regime tatsächlich am besten, «so viel Chaos wie möglich auf den Öl- und Finanzmärkten zu verursachen». So wolle es Trump aus der Fassung bringen, sagt Friedman dem US-Sender «MS Now». «Deshalb schlägt es in alle Richtungen zu, will den Ölpreis so weit wie möglich hochtreiben und die Börse so weit wie möglich nach unten – in der Hoffnung, dass Trump einen Rückzieher macht.»
Erdöl ist bereits deutlich teurer geworden, Gas ebenfalls. An den europäischen Märkten beginnt der Strompreis zu steigen. «Die Gaspreise sind förmlich explodiert und die Strompreise werden bereits mitgezogen», sagt Pascal Vautier, Chef des Stromhändlers Ompex. «Da kommt etwas auf uns zu in den nächsten Tagen, Wochen oder sogar Monaten.»
Trump könnte zur lahmen Ente werden
Gegen dieses «Horrorszenario» spricht jedoch auch einiges. So gibt es erste Anzeichen dafür, dass der iranische Widerstand bröckelt. Laut dem US-Militär feuert das Regime bereits viel weniger Raketen und Drohnen ab als am ersten Kriegstag. Israelische Geheimdienstquellen berichten laut «New York Times», dass iranische Soldaten und Polizisten nicht mehr zum Dienst erscheinen.
Und auch wenn das Regime noch lange durchhält, muss es nicht zum Horrorszenario kommen. Wie vom Regime beabsichtigt, könnte Trump schwach werden, vorzeitig den Sieg erklären und den Krieg beenden. Sein Angriff auf den Iran ist gemäss Umfragen heute schon unbeliebt und wird mit den nun steigenden Benzinpreisen noch unbeliebter werden in den USA. Im November stehen Wahlen an. Sollten die Republikaner ihre Mehrheiten im Kongress verlieren, wird Trump zur lahmen Ente.
Aber was passiert, wenn sich die Dinge im Nahen Osten doch entlang des «Horrorszenarios» entwickeln? Die Ökonomen der Bank J. Safra Sarasin haben dazu ein Worst-Case-Szenario durchgerechnet.
Der Ölpreis steigt dann mehrere Monate lang auf über 100 Dollar. In vielen europäischen Ländern fällt die Wirtschaft in eine Rezession, und die Inflation steigt deutlich. Die Zentralbanken stünden vor einem Dilemma. Erhöhen sie ihre Leitzinsen, senken sie die Inflation, aber verschlimmern die Rezession. Senken sie die Zinsen, helfen sie der Konjunktur, aber sie lassen die Inflation ausser Kontrolle geraten.
An den Finanzmärkten dürfte es turbulent werden. Die wichtigsten Aktienindizes in den USA, Europa und der Schweiz würden in diesem Szenario um mindestens 15 Prozent fallen. Die Märkte würden in sichere Häfen flüchten. Gold steigt auf 6000 Dollar pro Feinunze. Der Franken würde so stark, dass ein Euro erstmals weniger als 90 Rappen kostet.
Rezessionen, Frankenaufwertung – es wäre schwierig für die Schweizer Wirtschaft. Aber ihr hilft eine Eigenschaft: Sie ist weniger abhängig vom Öl als die meisten Industrieländer und deshalb besser gegen steigende Ölpreise geschützt. Laut Sarasin-Ökonom Raphael Olszyna-Marzys «ist das die gute Nachricht.» Falls Öl tatsächlich bald 100 Dollar kostet, werden die meisten Industrieländer zwei Prozentpunkte mehr Inflation haben und in eine Rezession fallen. Die Schweiz wird nur einen Prozentpunkt mehr haben und eine Rezession vermeiden.
Gleich zweimal ein Inflations-Schock
Im Vergleich zum Ausland wäre die Schweiz einmal mehr eine Insel der Stabilität. Dennoch hätte auch sie wieder mehr Inflation. Ihre bereits heute nur leidlich laufende Wirtschaft geriete mehr ins Stocken. Wie reagiert die Schweizerische Nationalbank? Die Sarasin-Ökonomen gehen davon aus, dass sie den Öl-Schock aussitzen wird.
Höhere Leitzinsen wären nicht nötig, denn die Inflation würde deutlich unter der von der SNB gesetzten Obergrenze von 2 Prozent bleiben. Denn aktuell hat die Schweiz so gut wie keine Inflation. Eine Leitzinssenkung wiederum wäre auch nicht nötig, denn die Schweizer Wirtschaft wird nicht in einer Rezession landen. Zudem hat die Nationalbank bereits einen Nullzins. Negative Leitzinsen haben selbst beträchtliche Nebenwirkungen.
Die Schweiz zöge sich also glimpflicher aus der Affäre als nach Putins Angriff auf die Ukraine. Das überrascht auf den ersten Blick, denn wie im «Horrorszenario» zum Iran-Krieg stieg der Ölpreis nach dem Putin-Schock auf etwas über 100 Dollar. Das vermeintliche Rätsel erklärt sich so: Der damalige Putin-Schock traf die Wirtschaft zusammen mit den Nachwirkungen der Corona-Pandemie.
Diese Nachwirkungen beförderten ihrerseits die Inflation. Lieferketten mussten neu geordnet werden. Als die Wirtschaft aus den Corona-Einschränkungen entlassen wurde, veränderte sich die Nachfrage rasch: Die Menschen wollten keine Hometrainer mehr, sondern die verlorenen Monate auf Reisen nachholen. Damals erlitt die Welt also gleich zwei Inflations-Schocks. Im Iran-Krieg scheint es bei einem Schock zu bleiben. Wobei niemand weiss, welches «Feeling» nun Trump als Nächstes beschleicht. (aargauerzeitung.ch)

