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Wirtschaft und Ölpreise im Iran-Krieg: Es droht eine globale Rezession

Droht jetzt die «Stagflation»? Wie der Iran-Krieg die Weltwirtschaft auf die Probe stellt

Im Nahen Osten fallen seit diesem Wochenende die Bomben. Doch der neue Krieg hat Folgen, die weit über die Region hinausgehen – und die jetzt die Weltwirtschaft bedrohen.
04.03.2026, 20:0104.03.2026, 21:04

Die globale Wirtschaft hat in den letzten Jahren viel ausgehalten: die Corona-Krise, eine drohende (jedoch abgewendete) Rezession im Jahr 2022, Inflationsdruck, der Krieg in der Ukraine und Israels Angriffe im Nahen Osten. Doch sie zeigte sich meist erstaunlich widerstandsfähig.

Mit einem beispiellosen Angriff auf den Iran, einer undurchsichtigen Motivation und ohne richtigen Plan (zumindest auf US-Seite) stürzen Israels Netanjahu und Amerikas Trump nicht nur den Nahen Osten in eine Krise. Der Iran-Krieg wird auch die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft auf eine neue Probe stellen. Vielleicht sogar mehr: Er könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Mit anderen Worten: Es droht eine globale Rezession.

A boy waves an Iranian flag in front a police facility struck during the U.S.–Israeli military campaign in Tehran, Iran, Wednesday, March 4, 2026. (AP Photo/Vahid Salemi)
Iran US Israel
Ein Junge schwenkt eine iranische Flagge vor einer Polizeieinrichtung, die während der US-amerikanisch-israelischen Militäraktion in Teheran getroffen wurde.Bild: keystone

Finanzmärkte, Ölpreise und eine drohende «Stagflation»: Schauen wir uns die Brandherde, die alle miteinander verknüpft sind, genauer an.

Finanzmärkte: Hohe Nervosität

Viele Börsen reagierten übers Wochenende zunächst erstaunlich gelassen auf die sich seit Samstag entfaltenden Ereignisse. Gerade die amerikanischen Indizes wie der Dow Jones oder der S&P 500 blieben praktisch auf demselben Niveau.

In Europa waren die Reaktionen etwas ausgeprägter: Der Schweizer Leitindex SMI verlor zwischen Freitag und Montag rund 1,2 Prozent, der britische FTSE 0,6 Prozent, der deutsche DAX 2,6 Prozent und der französische CAC 40 1,7 Prozent. Doch Panik sieht anders aus. Und nicht zu vergessen: Die Verluste ereignen sich auf einem extrem hohen Niveau, nachdem die Kurse vielerorts besonders im Februar einen Höchststand nach dem anderen erreicht hatten.

Die eher geringen Verluste waren eigentlich erstaunlich, wenn man sich den Schauplatz des Krieges – eine zentrale Ölregion – vergegenwärtigt. Offenbar gingen viele Anlegerinnen und Anleger von einer kurzen militärischen Aktion aus.

Mittlerweile wird immer deutlicher, dass das wohl nicht der Fall ist: US-Präsident Trump sprach zunächst von einem «kurzen Einsatz», bevor er bekannt gab, der Krieg könne «mindestens vier Wochen» dauern. Inzwischen schliesst Trump nicht einmal mehr Bodentruppen aus.

Die Börsen reagieren darauf zunehmend nervös. Der sogenannte Volatilitätsindex VSMI zeigt für die Schweizer Börse, vereinfacht gesagt, an, wie hoch die erwartete Volatilität (also der Schwankungsbereich) der Aktien im SMI ist. Dieser stieg am Dienstag gleich um 17 Prozent an. Gleichzeitig setzte der SMI seine Talfahrt fort.

Das erinnert an den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Damals gab es an den Finanzmärkten zunächst nur geringe Verluste. Als sich jedoch die Tragweite des Krieges abzeichnete, ging es stark bachab. Der SMI verlor damals innerhalb von zwei Wochen fast sechs Prozent.

Wie weit es diesmal bergab gehen könnte, ist noch völlig offen – wobei sich am Mittwoch bereits wieder erste Entspannungssignale andeuteten.

Neues Allzeithoch an der israelischen Börse
Sowohl am Montag als auch am Dienstag verzeichnete der TA-125-Index, der die 125 grössten Unternehmen an der Börse in Tel Aviv umfasst, jeweils ein neues Allzeithoch. Im letzten Monat ist der Index um 6,23 Prozent gestiegen und liegt damit um 68,73 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums.
Eine mögliche Erklärung für diesen speziellen Umstand: Investorinnen und Investoren könnten davon ausgehen, dass der Krieg «die langfristige Gefahr der Instabilität in der Region verringern würde», schreibt die Zeitung Jewish Chronicle. Zudem herrsche in der Öffentlichkeit «zumindest in der ersten Phase» des israelischen Angriffes «ein sehr starkes Gefühl des Erfolgs», so ein israelischer Portfoliomanager gegenüber der Jerusalem Post.

Am deutlichsten reagierten bis jetzt die asiatischen Börsen: Der japanische Nikkei-Index schloss am Dienstag mit 3,6 Prozent im Minus ab, der südkoreanische Leitindex Kospi fiel gar um 12 Prozent. Wegen des starken Kurseinbruchs verhängte die Börse in Seoul einen vorübergehenden Handelsstopp, der fünf Minuten dauerte. Der Hongkonger Hang Seng sank bis Handelsschluss um rund zwei Prozent.

Ölpreise: Wie weit nach oben geht es?

Der Grund, weshalb es Asien (bislang) stärker trifft: Länder wie Südkorea und Japan hängen stark von Ölimporten aus dem Nahen Osten ab, die grösstenteils über die Strasse von Hormus transportiert werden. Derzeit ist der Schiffsverkehr in der Meeresenge wegen des Iran-Kriegs stark eingeschränkt und eine Durchfahrt gilt als äusserst riskant.

Die Bedeutung der Strasse von Hormus für die Öl- und Gasversorgung kann kaum überschätzt werden: 2025 flossen laut Daten des Energieberatungsunternehmens Kpler täglich mehr als 14 Millionen Barrel durch die Meerenge, was einem Drittel der weltweiten Rohölexporte auf dem Seeweg entspricht. Etwa drei Viertel dieser Menge ging nach China, Indien, Japan und Südkorea.

Allerdings ist nicht nur die Strasse von Hormus ein Problem: Die grösste Ölraffinerie Saudi-Arabiens – des weltgrössten Ölexporteurs – musste nach einem Beschuss durch iranische Drohnen vorübergehend schliessen. Der Exportstopp von flüssigem Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) dürfte noch mehrere Wochen dauern. Und auch Katar hat die LNG-Produktion in der weltweit grössten Exportanlage eingestellt, ebenfalls aufgrund eines iranischen Drohnenangriffs.

Weniger Angebot führt zu höheren Preisen. Seit dem 27. Februar ist ein Barrel Rohöl der Sorte Brent – sie gilt als Referenzpreis für Öl – um zeitweise 14 Prozent auf 83 Dollar pro Barrel gestiegen. Immerhin: Am Mittwoch gab es dort erste Entspannungen, mittlerweile schwankt er zwischen 77 und 80 Dollar. Extremer sieht es beim LNG aus: Die europäischen Gaspreise notieren zwar deutlich unter den 60 Euro pro Megawattstunde, die zwischenzeitlich erreicht wurden. Trotzdem sind sie weiterhin fast doppelt so hoch wie letzte Woche.

epa12787004 Vessels are seen anchoring off the coast of Dubai, United Arab Emirates, 01 March 2026. Following a joint Israel-US military operation targeting multiple locations across Iran in the early ...
Containerschiffe vor Dubai. Bild: keystone

Mit der zunehmenden Einsicht, dass der Krieg im Nahen Osten länger dauern wird als ein paar Tage, dreht sich beim Öl und Gas nun alles um zwei Fragen: Wie schnell können Länder wie Katar und Saudi-Arabien wieder liefern? Und: Wie gut können Öl und Gas aus dem Nahen Osten ersetzt werden? Gemäss Economist haben viele asiatische Länder zwar in den letzten Monaten eine grosse Reserve angelegt. Doch auch diese ist endlich, und die Länder beginnen bereits jetzt, sich über andere Staaten – Brasilien, Guyana, Norwegen, sowie weitere Länder in Westafrika oder Südamerika – zu versorgen. Dies führt aber zu steigenden Preisen für alle anderen, insbesondere für Europa, da es mit Asien plötzlich um dasselbe Angebot kämpfen wird, so der «Economist».

Viele Analystinnen und Experten gehen mittlerweile davon aus, dass der Preis für Rohöl in den nächsten Wochen über 100 Dollar pro Barrel klettern könnte. Zuletzt war das während mehrerer Monate nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine der Fall. Natürlich hängt das alles davon ab, wie schnell sich die Lage wieder beruhigt. Eine Professorin der Columbia University rechnet gemäss «Economist» jedoch schon mit «Panik, wenn die Exporte aus Katar bis zum Wochenende nicht wieder aufgenommen werden». Die Preise könnten dann gar auf über 100 Euro pro Megawattstunde steigen.

Währungen: Noch mehr Druck auf den Franken

Für die Schweiz gibt es neben auch hierzulande gestiegenen Öl- und Gaspreisen noch ein weiteres Risiko: der starke Franken. Zwar gab es mittlerweile eine leichte Entspannung, doch zuvor drückte der Franken den Euro und den US-Dollar auf Mehrmonatstiefs. Der Euro war gegenüber dem Franken phasenweise so tief wie seit dem Frankenschock 2015 nicht mehr.

Der Vize-Praesident der Schweizer Nationalbank, Antoine Martin, rechts, praesentiert die neuen Schweizer Banknoten der Grafiker Emphase Gmbh, anlaesslich der praesentation der neuen Schweizer Banknote ...
SNB-Vizepräsident Antoine Martin am Mittwoch bei der Vorstellung der neuen Banknoten.Bild: keystone

Die Gefahr scheint noch immer ernst zu sein, denn die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am Mittwoch bekräftigt, falls nötig am Devisenmarkt einzugreifen und so den Franken zu schwächen. Die Bereitschaft, ‌zu intervenieren, sei angesichts der jüngsten politischen Ereignisse höher, sagte SNB-Vizepräsident Antoine Martin am Mittwoch in einer seltenen verbalen Intervention vor Journalistinnen und Journalisten.

Inflation und Rezession – eine drohende «Stagflation»

Was heissen die steigenden Öl- und Gaspreise für die gesamte Weltwirtschaft? In einem vielzitierten Beitrag läutet Bob McNally, Gründer und Präsident des Beraterunternehmens Rapidan Energy, die Alarmglocken. Gegenüber CNBC sagt der ehemalige Berater von US-Präsident George W. Bush:

«Eine längere Sperrung der Strasse von Hormus würde mit Sicherheit zu einer weltweiten Rezession führen.»

Der Markt schätze es nicht, dass Teheran über grosse Vorräte an Waffen verfüge, die den Verkehr auf der Wasserstrasse ernsthaft stören könnten, so McNally.

Stark steigende Ölpreise wirken sich über verschiedene Kanäle auf die Wirtschaft aus. Sie erhöhen die Kosten für Private und Unternehmen, verringern die Kaufkraft und beeinträchtigen das Wachstum. Ausserdem tragen sie entscheidend zur Inflation bei, indem sie die Preise für Transport, aber auch alle Produkte, die petrochemische Stoffe enthalten (Kunststoff, zum Beispiel, basiert auf Erdöl oder Erdgas) in die Höhe treiben.

Während die Preise in den USA aufgrund deren Position als Öl- und Gasexporteur wohl weniger stark steigen dürften, droht besonders Europa und auch der Schweiz ein komplizierteres Szenario. Die Europäische Zentralbank (EZB) schätzt, dass ein Anstieg der Ölpreise um 10 Prozent direkt und fast unmittelbar zu einem Anstieg der Inflation um 0,4 Prozentpunkte im Euroraum führt. Und indirekt könnten mit Verzögerung noch weitere 0,2 Prozentpunkte hinzukommen, da die Unternehmen die höheren Kosten an die Verbraucher weitergeben.

epa12048631 A fisherman passes by the liquefied natural gas (LNG) tanker ETYFA-Prometheas at the Malacca Strait in Malaysia, 23 April 2025. EPA/FAZRY ISMAIL
Ein LNG-Tanker bei Malaysia. Bild: keystone

Bereits gibt es Stimmen, wie der Chef-Ökonom der EZB, Philip Lane, die vor einem sogenannten «Stagflations»-Szenario warnen: erhöhte Inflationsraten bei gleichzeitiger Abnahme des wirtschaftlichen Outputs. Eine solche Stagflation stellt besonders die Zentralbanken vor ein Dilemma: Wollen sie die Inflation in den Griff kriegen, müssen sie die zuletzt gesunkenen Leitzinsen wieder erhöhen. Allerdings würde genau das die Wirtschaft zusätzlich «abwürgen».

Für den EU-Wirtschaftsraum, der bereits seit dem Krieg in der Ukraine erhöhte Energiepreise zahlt, kommen solche Risiken zu einer ungünstigen Zeit: 2023 und 2024 fiel die Produktion der europäischen Länder unter ihrem Potenzial aus und die Inflationsraten sind noch immer leicht über dem von der EZB erklärten Ziel von zwei Prozent.

Auch der EZB-Chefökonom sagt: Wie hart die Konsequenzen dieses Kriegs für die Wirtschaft ausfallen, hängt massgeblich von der Dauer der kriegerischen Auseinandersetzungen ab. Nach einer baldigen Entspannung sieht es jedoch zurzeit nicht aus. Und bis es zu einer solchen kommt, muss die Wirtschaft mit einem weiteren Gift klarkommen: der hohen Unsicherheit.

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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lohner
04.03.2026 20:37registriert August 2025
Droht jetzt die Stagflation?

Nein, der 🍊 König würde das nicht zulassen. Er hat alles im Griff, sagt er.
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dmark
04.03.2026 20:56registriert Juli 2016
Wir sehen nun mal wieder ganz deutlich, wie sehr wir immer noch von fossilen Rohstoffen abhängig sind.
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Pantoffelheld
04.03.2026 20:54registriert September 2025
Zeit, die erneuerbaren Energien unbürokratisch und unkompliziert auszubauen. Die Abhängigkeit von Öl und Gas ist zu einem wirtschaftlichen Risiko geworden und zu einer Gefahr für den Wohlstand.
Natürlich soll man nicht einfach drauflos bauen, aber gewisse Hürden sollten fallen, angefangen zB beim Denkmalschutz, der sich ständig gegen Solaranlagen auf Dächern sperrt.

Solaranlagen in den Mittelstreifen und an den Rändern von Autobahnen.
Ausbau der Stromproduktion mittels Induktionsspulen in Bahnlinien. Windräder, dem Standort angepasst, etc.
Vieles ist in Testphase. Man sollte es einsetzen.
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