Der ukrainische Popstar Artem Piwowarow hätte am Montag im Dynamo in Zürich auftreten sollen. Doch die Stadt sagte den Auftritt in letzter Minute ab. Der Grund: Es sei ein anonymer Hinweis eingegangen, dass Piwowarow rechtsextremen Gruppierungen nahestehen soll.
Piwowarow trat trotzdem in Zürich auf, einfach unter freiem Himmel. Dabei kritisierte er die Zürcher Behörden lautstark. Der Nazi sei nicht er, sondern diejenigen, die gerade sein Land überfielen.
Über ein Protestkonzert, Nazis und eine rot-schwarze Flagge:
Artem Piwowarow inszeniert sich bei seinem Protestkonzert am Bürkliplatz regelrecht. Mehrere Hundert Fans jubeln ihm zu – die meisten davon Frauen, viele von ihnen in ukrainische Flaggen gehüllt.
Auf einem Video, das der Künstler nach dem Konzert auf seinen Instagram-Account hochgeladen hat, ist zu sehen, wie er ein T-Shirt trägt, auf dessen Rückansicht Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko abgebildet sind. Während seines Auftritts nimmt er Bezug auf die Despoten auf seinem T-Shirt, er ruft auf Englisch:
Nach dem Konzert veröffentlichte Piwowarow einen Post auf Instagram, in dem er schrieb:
Offiziell fliesst das Geld aus den Konzerten an wohltätige Organisationen. In einem Post schrieb Piwowarow in der Vergangenheit, dass mit den Einnahmen unter anderem Ausrüstung für das ukrainische Militär finanziert werde.
Hat die Zürcher Polizei den ukrainischen Sänger tatsächlich als Nazi bezeichnet? Der «Tagesanzeiger» hat nach dem Konzert bei der Stadt nachgefragt und schreibt: «Die Antwort der sozialen Dienste der Stadt Zürich lautet zusammengefasst: jein.» Die Inhalte des Sängers auf den sozialen Medien seien von Experten und Expertinnen begutachtet worden. Die Stadt habe daraufhin vor und nach dem Konzert «potenziell gefährliche Situationen» nicht ausschliessen können. Unter anderem darum habe man aufgrund von Sicherheitsbedenken das Konzert abgesagt.
Die Absage des Dynamos an die Organisatorin des Konzerts kam zwei Tage vor dem Konzert. In dem Schreiben stehe, dass es Hinweise darauf gebe, «dass Artem Piwowarow Gruppen nahesteht, die rechtsextremes Gedankengut gutheissen», so die NZZ, der das Schreiben vorliegt. Es sei darum nicht auszuschliessen, dass er selbst auch hinter dieser Haltung stehe. Nach Einsicht des Dokuments vom Dynamo, einer Institution der Stadt Zürich, hakte die Zeitung bei der Stadt nach – hier tönte es etwas anders: «Wir haben keine detaillierten Kenntnisse über die allfällige politische Haltung des Künstlers.»
Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein anonymer Hinweis an die Behörden, in dem Inhalte des Sängers in seinen sozialen Medien verurteilt wurden. Der Künstler würde «faschistischen Dreck» verbreiten, heisst es in dem Hinweis, so die NZZ. Vor allem zwei Posts auf dem Facebook-Kanal von Artem Piwowarow irritieren:
Zum einen zeigte sich der Ukrainer vor einigen Monaten mit Soldaten, wobei unten links im Bild auch die Tyr-Rune abgebildet sein soll – eine Kampfrune, die von den Nazis instrumentalisiert wurde.
Zum anderen zeigte sich der Künstler in einem anderen Post zusammen mit ukrainischen Kämpfern, die eine Ukraine-Flagge und eine rot-schwarze Flagge halten. Und genau um diese rot-schwarze Flagge dreht sich die Kritik. Sie war das Zeichen der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) – einer nationalistischen Partisanenarmee, die als militärischer Flügel der Ukrainischen Nationalisten (OUN) während des Zweiten Weltkrieges agierte.
Während des Zweiten Weltkrieges führte die UPA Aktionen gegen unterschiedliche Parteien wie die Sowjetunion, das kommunistische Polen oder Nazi-Deutschland durch – wobei sie zeitweise auch mit den deutschen Nazis kollaborierte, um gegen die polnische Heimatarmee zu kämpfen. Nach dem Krieg war die UPA weiter als Guerilla-Gruppierung tätig und stellte sich vorwiegend gegen die Sowjetunion. Das Ziel der OUN und der UPA war dabei jeweils, Besatzungsmächte zu vertreiben und eine nationalistische Regierung zu etablieren. In der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre versandete die Gruppierung in dieser Form.
Die Bewertung der UPA heute ist schwierig – gelinde gesagt.
Sie belastet unter anderem die ukrainisch-polnische Beziehung, da der polnische Staat die UPA für das Massaker in den Regionen Wolhynien und Ostgalizien verurteilt, welches sie als «Genozid an der polnischen Bevölkerung» einstuft. Der Vorwurf geht auf das Jahr 1943 zurück, als Kämpfer der UPA in Regionen der heutigen Westukraine eine ethnische Säuberung der polnischen Bevölkerung durchführten. Zwischen 50'000 und 100'000 Menschen starben. Zudem hat die UPA während des Krieges gezielt Juden und Roma getötet, wie der israelische Holocaust-Historiker Daniel Romanovsky belegen konnte.
Auch in der Ukraine wird seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 hitzig über die UPA debattiert, die während der Sowjetzeit als Terrororganisation galt. Seit der Unabhängigkeit drehen sich die Diskussionen vorwiegend darum, ob und wie UPA-Kämpfer als offizielle Kombattanten während des Zweiten Weltkrieges anerkannt werden können – sogar Gedenktafeln für gefallene UPA-Kämpfer wurden von einigen Organisationen installiert. Ab 2015 bekamen die ehemaligen Mitglieder der Ukrainischen Aufständischen Armee dann offiziell den Status als Veteranen verliehen. Der UPA-Führer Stepan Bandera wird heute von vielen verehrt in der Ukraine – und zwar nicht nur von Rechtsradikalen, sondern «auch von Personen aus der Mitte der ukrainischen Gesellschaft», schrieb die NZZ.
Spätestens seit den Euromaidan-Protesten ist die rot-schwarze Flagge der UPA wieder in der ukrainischen Öffentlichkeit präsent, denn damals wurde die Flagge von Demonstrierenden geschwenkt. Der Ukraine-Spezialist der University of Victoria in British Colombia, Serhy Yekelchy, erklärte damals gegenüber der «Bangkog Post»:
Mit dem russischen Angriff auf den Donbass und die Krim im Jahr 2014 sowie dem Angriffskrieg seit 2022 hat sich diese Argumentation noch verstärkt. Die Flagge wird unter vielen Ukrainern mittlerweile als Symbol gegen die russische Besetzung akzeptiert.
Rechtsextreme Gruppierungen in der Ukraine verwenden die Flagge zwar auch, allerdings mit einem zusätzlichen Aufdruck. Auch die Osteuropa-Spezialistin des «Tages-Anzeigers», Zita-Affentranger, bestätigt das. Sie sagt, dass die rot-schwarze Fahne in der Ukraine heute primär als ein Zeichen des Widerstandes gesehen werde – sie sei entsprechend weitverbreitet. Sasha Volkov vom Ukrainischen Verein in der Schweiz wirft der Stadt Zürich darum vor, voreilig reagiert zu haben, und sagt gegenüber der NZZ:
Was ich aber bedenklich finde ist die bewusste Verwendung von Nazi-Symbolik und darstellung dieser als normale patriotische Symbole. Bei der Blut-und -Boden Fahne kann man das ja noch halbwegs verstehen (wobei auch diese Fahne für Nazi-Kolaboration und Massenmord steht). Aber wenn dann SS-Runen, die schwarze Sonne oder Hakenkreuze verwendet werden gibt es einfach keine Ausreden mehr. So etwas verwendet man nicht, wenn man kein Nazi ist!