«Dieser Kuhhandel funktioniert nicht mehr» – Mark Carney spricht am WEF Klartext
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat Kanadas Premier Mark Carney am Dienstag eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er unter anderem den US-Präsidenten und dessen Politik der Spaltung scharf kritisierte. Ebenfalls am Dienstag hatte Donald Trump zwei Fotomontagen auf seiner Online-Plattform Truth Social veröffentlicht, die andeuteten, dass er neben Grönland auch Kanada unter die Kontrolle der Vereinigten Staaten bringen will.
In der Vergangenheit hatte Trump bereits mehrfach öffentlich mit dem Gedanken gespielt, Kanada unter US-Kontrolle zu bringen. So solle das Nachbarland Teil der Vereinigten Staaten und der «51. Bundesstaat» werden. Der kanadische Regierungschef hatte Trumps territorialen Ambitionen im vergangenen Mai eine klare Absage erteilt.
Ohne den Namen Trumps explizit zu nennen, sprach Carney in Davos davon, dass Grossmächte gerade dabei seien, die Weltordnung auf den Kopf zu stellen.
Während man in den vergangenen beiden Jahrzehnten daran gearbeitet habe, die Integration eines grossen Teils der Weltgemeinschaft mithilfe gemeinsamer Wirtschaftsvorhaben voranzutreiben und diese widerständig gegen Krisen zu machen, sei dies nun vorbei. «In jüngster Zeit werden wirtschaftspolitische Instrumente als Waffen eingesetzt».
Davos: Selbstanklage liberaler Demokratien
Als Beispiel nannte Carney Strafzölle oder auch die Abhängigkeit von finanziellen Infrastrukturen und Lieferketten, die nun als Mittel zur Erpressung eingesetzt würden. Allerdings legte der kanadische Premier auch den Finger in die Wunde. So habe man sich unter der Kuratel globaler Handelsbeziehungen jahrelang etwas vorgemacht.
Was der 60-Jährige da sagte, war im Grunde eine Selbstanklage der liberalen Demokratie. Unter wohlklingenden Etiketten wie 'regelbasierte Ordnung' und 'globaler Handel' habe man sich lange Zeit etwas vorgemacht. Diese Erzählung sei nützlich gewesen, denn davon hätten viele Nationen und Volkswirtschaften profitiert. Doch diese Erzählung, so Kanadas Premier, sei nur ein Fantasma gewesen, ein Hilfskonstrukt, an das man allzu gern geglaubt habe.
Krisen wie die Weltfinanzkrise oder auch die Coronapandemie hätten die Anfälligkeit dieses Systems bereits spürbar werden lassen. Nun werde die Illusion endgültig zerstört. Von wem, das war wohl allen im Raum klar: Donald Trump. Die Globalisierung sei inzwischen zur Hauptursache der Unterdrückung geworden, sagte Carney. Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO) und Gipfel wie die Weltklimakonferenz COP hätten ihre Macht eingebüsst.
Carney: «Die alte Ordnung kommt nicht zurück»
Als eine Folge dieses Befunds hätten viele Staaten erkannt, dass sie eine «strategische Unabhängigkeit» aufbauen müssten. Betroffen seien Bereiche wie die Energie- und Lebensmittelversorgung, wichtige Rohstoffe wie Seltene Erden, die Finanzindustrie und auch die Lieferketten. Nur so könne man sich in dieser neuen Weltordnung gegen aggressive Hegemonialmächte effektiv zur Wehr setzen, so Carney.
Der Vorsitzende der Liberalen Partei Kanadas warnte vor einer «Welt der Festungen» – allerdings sei diese Welt bereits im Entstehen und Länder wie Kanada müssten sich mit anderen Gleichgesinnten zusammentun, um gegen die Dominanz grösserer, reicherer und militärisch stärkerer Länder zu bestehen. Er nannte das «klassisches Risiko-Management». Und das habe seinen Preis, doch die Kosten dafür könnten geteilt werden.
Carney machte den weniger mächtigen Ländern daher auch Hoffnung. Wenn man strategische Allianzen bilde, könne man viel erreichen.
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Verwendete Quellen:
- ici-radio-canada.ca: ’The old order is not coming back,’ Carney says in provocative speech at Davos
- cbc.ca: Prime Minister Mark Carney is making international headlines for what he said Tuesday in Davos
- Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

