Selenskyj fehlt am WEF: Davos rätselt über sein wahres Motiv
Noch am Montagvormittag erhielten die Medien die Bestätigung: Präsident Wolodymyr Selenskyj werde am Dienstagvormittag im «Ukraine House» an der Davoser Promenade «erwartet». Am Montagabend sickerten aus diplomatischen Kreisen erste Informationen durch. Selenskyj werde vermutlich nicht anreisen.
Als Grund für seine mögliche Absenz hiess es sogleich: Selenskyj habe vom WEF keinen Auftritt auf der grossen Bühne versprochen bekommen. Und US-Präsident Donald Trump habe einem bilateralen Treffen bislang nicht zugestimmt. Deshalb werde Selenskyj womöglich in Kiew bleiben.
Am Dienstagmorgen dann die Bestätigung: Selenskyj liess vermelden, er bleibe vorderhand in Kiew. Die Begründung war allerdings eine andere als jene, die am Vorabend zirkulierte.
Raketenbeschuss in der Nacht
Denn in der Nacht auf Dienstag hatte Russland eine gross angelegte Welle aus Drohnen und Raketen gegen die Ukraine geflogen. Im Fokus standen Energie- und Versorgungsanlagen. In der Hauptstadt Kiew kam es bei frostigen Temperaturen zu Ausfällen bei Strom, Wasser und Fernwärme; tausende Gebäude waren ohne Heizung.
Selenskyj begründete nun seine Abwesenheit am WEF mit diesen Angriffen. Er teilte mit, er bleibe in der Ukraine und setze die Priorität auf die Lage vor Ort («I choose Ukraine»). Internationale Auftritte seien nur sinnvoll, wenn sie konkrete Resultate wie mehr Luftverteidigung und Hilfe bringen würden. Ein ukrainisches Team reiste dennoch nach Davos.
Diese Worte lassen grosse Enttäuschung durchblicken. Anders als an den letzten vier Kongressen von Davos, bei denen Selenskyj im Mittelpunkt stand, fühlt er sich diesmal marginalisiert. Durchaus mit gutem Grund: Im Kongresszentrum spricht man nur am Rande über die Ukraine; Grönland, Künstliche Intelligenz (KI) und Wirtschaftsthemen dominieren die Debatten.
Die Ausstellung im «Ukraine House» in Davos erinnert an die Gräuel. Seit Kriegsausbruch 2022 wird am Rande des WEF hier jeweils eine Ausstellung gezeigt, die die europäische Öffentlichkeit aufrütteln soll. Diesmal ist es ein KI-generiertes Video auf einem mehrere Meter breiten Bildschirm. Es zeigt Drohnenangriffe auf europäische Städte, darunter auch Davos.
Ursprünglich sei geplant gewesen, in der Ausstellung auch eine abgeschossene Shahed-Drohne zu zeigen, sagt der Oligarch Viktor Pinchuk, dessen Stiftung den Auftritt massgeblich finanziert. Doch die Schweizer Behörden hätten die Einfuhr des Drohnen-Wracks untersagt, sagt er. Es sind oft Shahed-Drohnen iranischer Bauart, mit denen Russland seine nächtlichen Angriffe fliegt.
Auf Nachfrage bekräftigte einer der Kuratoren diese Darstellung. Die Behörden von Davos selbst hätten die Ausstellung der Drohne erlaubt – es sei der Bund gewesen, der das untersagte. Eine Stellungnahme des Bundes lag bei Redaktionsschluss nicht vor.
Ironischerweise erreichte Selenskyjs Abmeldung just an jenem Morgen die WEF-Gemeinde, als EU-Präsidentin Ursula von der Leyen im Kongresssaal sprach. Sie versicherte der Ukraine ihre ungebrochene Solidarität. Sie erinnerte daran, dass es bald vier Jahre her ist, seit Russland in die Ukraine einmarschiert ist: «Russland zeigt keine Anzeichen nachzulassen, keine Reue, keinen erkennbaren Willen zum Frieden», sagte von der Leyen. Im Gegenteil: «Russland verstärkt seine Angriffe und tötet weiterhin Zivilisten, während wir hier sprechen.»
Warme Worte von der EU-Präsidentin
Womöglich hat Selenskyj in Kiew diese Rede mitbekommen, aber zufrieden gestellt haben wird sie ihn kaum. Denn Selenskyj weiss: Es reicht nicht, Europa auf seiner Seite zu wissen. Er braucht die USA – und somit Donald Trump. Mit diesem will Selenskyj einen sogenannten US-Ukraine-«Prosperity Deal» abschliessen: ein Investitions- und Wiederaufbaupaket von bis zu 800 Milliarden Dollar über zehn Jahre.
Es soll mit Krediten, Zuschüssen und privatem Kapital den Wiederaufbau finanzieren und die Wirtschaft ankurbeln; zum Teil ist es mit Sicherheitsgarantien verknüpft.
Selenskyj teilte mit, sollte es doch noch so weit kommen, würde er nach Davos reisen. Es klang desillusioniert. Die Ukraine ist ganz der Willkür und der Tageslaune des US-Präsidenten ausgeliefert. Es ist ein schwacher Trost, dass er dieses Schicksal mit anderen Regierungschefs teilt. Denn im Fall der Ukraine geht es um Leben und Tod. (aargauerzeitung.ch)
