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Diese Schweizer NGO entmint die Ukraine

Ces démineurs travaillent avec la Fondation suisse de déminage.
Nadia posiert mit einer russischen Rakete, die nicht explodiert ist. Die aus Tschernihiw stammende Frau arbeitet für die Schweizer Stiftung für Minenräumung.Bild: zVg

Diese Schweizer NGO entmint die Ukraine

Die Ukraine gilt als das am stärksten verminte Land der Welt. Es wimmelt nur so von Sprengkörpern und nicht explodierten Granaten. Eine Schweizer NGO, die vor Ort tätig ist, erzählt watson von ihrer Arbeit bei der Minenräumung, während der Krieg weiter östlich noch immer tobt.
14.02.2023, 22:23
Alexandre Cudré
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Die Ukraine ist eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Wie Sky News berichtet, sind fast 40 Prozent der Ukraine mit Minen übersät, dies entspricht der Fläche des Vereinigten Königreichs. Das ukrainische Innenministerium bezeichnet das Land als «das am stärksten verminte Land der Welt».

Vor einer Woche warnte Human Rights Watch vor dem massiven Einsatz von Schmetterlingsminen, das sind Antipersonenminen, die in grossem Umfang aus der Luft abgeworfen werden können und nicht vergraben werden müssen. Viele dieser Minen wurden in der Umgebung der befreiten Stadt Isjum gefunden. Für die Mehrzahl der gefundenen Schmetterlingsminen ist vor allem Russland verantwortlich, aber auch die ukrainische Armee soll diese Sprengkörper eingesetzt haben.

Anfang Januar warnten die ukrainischen Behörden vor der wachsenden Gefahr, die von Antipersonenminen ausgeht, insbesondere in den ehemals von der russischen Armee kontrollierten Gebieten. Die Behörden hatten daraufhin ein Video veröffentlicht:

Genfer Konventionen
Das Völkerrecht und die Genfer Konventionen definieren zwischen legalen und illegalen Waffen. Waffen werden dann als verboten deklariert, wenn bei ihrem Einsatz nicht zwischen Zivilisten und Soldaten unterschieden werden kann. Minen, Gas oder Streubomben sind verbotene Waffen, da sie, sobald sie eingesetzt werden, Zivilisten und Soldaten unterschiedslos treffen.

Zusammenarbeit mit Einheimischen

Dmijtro und Nadia arbeiten beide als Minenräumer in der Region Tschernihiw im Norden des Landes. Diese Einheimischen wurden von der Schweizer Stiftung für Minenräumung (FSD), einer NGO mit Sitz in Genf, angestellt und ausgebildet. Seit letztem Sommer machen sie mit ihren Metalldetektoren Jagd auf nicht explodierte Minen und Granaten.

Ces démineurs travaillent avec la Fondation suisse de déminage.
Dmijtro in voller Montur mit seinem Metalldetektor.Bild: zVg

Die FSD ist in vielen Ländern aktiv, etwa in Afghanistan, Irak und Kolumbien. Ein Grossteil ihrer Mitarbeitenden ist nun in der Ukraine stationiert. Wie gehen sie vor? Die FSD stellt Einheimische, die das Gelände gut kennen, ein und bildet sie aus, um Sprengkörper aufzuspüren und zu entschärfen.

Tschernihiw ist neben Charkiw und Isjum eine der drei Städte, in denen die NGO arbeitet. Diese Städte wurden zu Beginn der ukrainischen Gegenoffensive im September letzten Jahres befreit.

Grosser Teil der Granaten explodiert nicht

Die Arbeit von Nadia und Dmijtro ist in drei Kategorien unterteilt: Räumung von Minenfeldern, Kampfzonen und ein schnelles Einsatzteam. Teilweise arbeiten sie in abgegrenzten Gebieten. Es käme auch vor, dass verdächtige Objekte gesichtet würden und sie auswerten müssten. Wenn es sich um einen «einfachen Sprengstoff» handle, könnten sie ihn ausgraben und zurückbringen.

Mehr zu den Mienen
Laut der NGO Mine Advisory Group seien in der Ukraine zwischen 2014 und 2020 rund 1200 Zivilisten ums Leben gekommen sein, weil sie auf eine Mine getreten seien. Le Monde erklärt, dass die Ukraine bereits 2019, als die Intensität des Krieges im Donbass nicht mit dem aktuellen Konflikt vergleichbar war, zu den fünf Ländern gehörte, in denen Minen die meisten Opfer forderten. Danach folgen andere Länder wie Afghanistan, fast 1500 Opfer, Mali 345 Opfer, Jemen 248 Opfer und Nigeria 239Opfer.

Die Minen sind in der Ukraine nur ein Teil der Arbeit. Die grösste Gefahr gehe von nicht explodierten Granaten aus. Alex van Roy, stellvertretender Einsatzleiter für die FSD, erklärt:

«Man schätzt, dass zwischen 10 und 20 Prozent der abgefeuerten Granaten beim Aufprall nicht explodieren.»
Alex van Roy, Schweizer Stiftung für Minenräumung

Sie können sich unter dem Boden vergraben, aber auch in städtischen Gebieten in Trümmern oder sogar in einem Wohngebiet stecken bleiben und jederzeit explodieren. «Wenn eine Granate im Boden steckt, sieht man manchmal nur noch die Flosse herausstehen», berichten die Minenräumer. Sie müssten dann beurteilen, ob das Objekt noch gefährlich ist oder nicht, und entscheiden, wie es weitergehen sollte.

Dmijtro bereitet seine Ausrüstung neben einem Feld von Übungsminen vor.
Dmijtro bereitet seine Ausrüstung neben einem Feld von Übungsminen vor.Bild: zVg

Während des Winters ist der Boden gefroren und mit dem Schnee ist es schwierig, effektiv an der Minenräumung zu arbeiten. Die Anzahl der Einsätze ist dann begrenzt und das Team trainiert, um im Frühjahr, wenn der Boden wieder ausgehoben werden kann, besser arbeiten zu können.

Ehemalige Militärs, die in der NGO aktiv sind

Dmijtro und Nadia gehen vorsichtig vor, je nachdem, wie hoch das potenzielle Risiko ist. Wenn der Gegenstand als zu gefährlich eingestuft wird, verfügen die Einheimischen dann nicht über die nötige Erfahrung.

«Unsere Teams sind wie folgt aufgestellt: ein Teamleiter, der die Einsätze koordiniert, Einheimische, die einfache Sprengstoffe aufspüren und behandeln, und spezialisierte Operatoren, die sich um komplizierte Sprengstoffe kümmern.»
Alex van Roy, Schweizer Stiftung für Minenräumung

Meistens evakuiert das Spezialteam den Sprengkörper und transportiert ihn dann zu einer Abrissstelle, wo er zerstört wird. Wenn ein Transport nicht möglich ist, wird der Sprengkörper an Ort und Stelle gesprengt. Diese Methode wird auch von der Polizei auf der ganzen Welt angewandt, wenn ein verdächtiges Paket in einem Bahnhof oder Flughafen auftaucht.

Dmijtro und ein amerikanischer Spezialist evakuieren eine Granate.
Dmijtro und ein amerikanischer Spezialist evakuieren eine Granate.Bild: zVg

Bei diesen Spezialisten handle es sich unter anderem um ehemalige ausländische, oft westliche Militärs, die ihre Fähigkeiten über Jahre hinweg entwickelt hätten. "Manche haben 15 oder 20 Jahre Erfahrung", sagt Alex van Roy.

Dmijtro erklärt, dass er alle Arten von Sprengstoff kenne, die ihm begegnen. Das ist ein großer Vorteil, wenn es darum geht, die Gefahr einzuschätzen, die von einer nicht explodierten Granate ausgeht: «Die erste Granate, die ich behandelt habe, war eine 152mm Granate», so Dmijtro.

«Ich hatte beim ersten Mal keine Angst»

Dmijtro sagt, dass er bei seinem ersten Einsatz beeindruckt gewesen sei, bei Nadia ist das nicht der Fall. «Ich hatte mich schon daran gewöhnt», sagt sie. Für die aus Tschernihiw stammende Frau war der Kriegsbeginn brutal. In den ersten Tagen der Invasion war die Stadt, die zwischen der weißrussischen Grenze und Kiew liegt, eine der ersten, die angegriffen wurde.

Ces démineurs ukrainiens travaillent avec la Fondation suisse de déminage.
Nadia ist schon seit Monaten mit dem Krieg konfrontiert.Bild: zVg

Nadia war drei Monate vor dem Angriff mit ihrem Mann in eine brandneue Wohnung gezogen. Während dem Krieg trafen mehrere Bomben ihr zuhause und sprengten die Fensterscheiben in ihrem Haushalt: «Die Granatensplitter reichten bis in den Kühlschrank.» Sie sei gezwungen gewesen, sich an einem anderen Ort in der Stadt im Keller zu verschanzen.

«Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich als Sprengmeisterin arbeiten würde, hätte ich ihm nicht geglaubt.»
Nadia

Die Zusammenarbeit mit Einheimischen ist für die FSD selbstverständlich: «Sie fühlen sich engagiert und setzen sich dafür ein, den Ort, aus dem sie kommen, sicherer zu machen», erklärt die Stiftung. Ein Gefühl der Verwurzelung, das sich mit Nützlichkeit verbindet:

«Ich mache den Unterschied auf dem Feld»
Nadia

Sie gehen zu Panzern, um die Granaten zu bergen

Dmijtro arbeitet auch im Hochrisiko-Team für Minenräumung. Er überprüft Gebäude, Fahrzeuge, alte Militärstellungen und Schützengräben. Denn nicht explodierte Granaten sind überall zu finden:

«Wenn Panzer zerstört oder verlassen werden, überprüfen wir, ob sich noch Granaten in der Kanone oder im Munitionsbehälter befinden»
Alex van Roy, Schweizer Stiftung für Minenräumung
Auch der Bereich um den Panzer muss abgesucht werden.
Auch der Bereich um den Panzer muss abgesucht werden.Bild: zVg

Gewisse Sachverhalte sind komplex. Beispielsweise verfügen viele moderne Panzer über eine explosive Reaktivpanzerung, um sich gegen feindliche Raketen zu verteidigen. Diese Reaktivpanzerung explodiert nach aussen, wenn eine Rakete kurz davor ist, den Panzer zu treffen.

Die Anzahl der behandelten explosiven Gegenstände schwankt von einer Woche zur anderen. In einer Woche können mehrere Dutzend Sprengkörper unschädlich gemacht werden. Manchmal kann ein ganzer Tag erforderlich sein, um eine einzige Mine auszuheben.

Keine Genehmigung für Minenräumung in Russland

Alex van Roy weist darauf hin, dass die Schweizerische Stiftung für Minenräumung neutral sei und sich für alle Parteien einsetze, die Hilfe benötigen. Zwar sei es ein klarer Vorteil, mit Ukrainern aus der Region zusammenzuarbeiten, doch es käme nicht in Frage, im Verlauf des Krieges Partei zu ergreifen.

«Wir arbeiten in der Ukraine, weil Kiew uns erlaubt, zum Minenräumen auf seinen Boden zu kommen, aber wir ergreifen keine Partei», stellt der Experte klar.

«Moskau will keine westlichen NGOs in den von Russland kontrollierten Militärgebieten, aber wenn sich die Dinge eines Tages ändern, werden wir auch dort arbeiten gehen»
Alex van Roy, Schweizer Stiftung für Minenräumung

Länder wie Vietnam und Kambodscha befinden sich auch 50 Jahre nach dem Ende des Krieges noch in der Phase der Minenräumung. Auch der ukrainische Boden wird, je länger der Krieg dauert, immer mehr von Minen und Blindgängern zersetzt.

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