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bild: b.a.

Interview

«Einmal falsch abgebogen und du bist mitten drin» – ein Schweizer in den Hongkong-Unruhen

Im Sommer 2019 begann es in Hongkong zu brodeln. Massenproteste und Strassenschlachten mit der Polizei stehen beinahe auf der Tagesordnung. Seit Monaten ist die Situation festgefahren. Mittendrin im Chaos ist B.A. Der 26-Jährige aus Rüschlikon ZH kam im August nach Hongkong und berichtet über sein Leben zwischen 5-Sterne-Hotel und Molotowcocktails.



B.A., du willst deinen Namen und dein Gesicht nicht online sehen. Wieso?
B.A.: Die Lage ist momentan sehr heikel in Hongkong. Ich fürchte mich vor Repressionen, wenn ich mich öffentlich zu den Protesten äussere.

Was machst du überhaupt in Hongkong?
Ich bin für sechs Monate hierher gekommen, um ein Praktikum zu absolvieren. Ich studiere zurzeit an der Hotelfachschule. Ich arbeite noch bis Ende Januar in einem 5-Sterne-Hotel.

Du bist also seit August in Hongkong. Was kriegst du von den Demonstrationen mit?
Vieles. Ich muss mir jeden Tag überlegen, mit welchem Verkehrsmittel ich zur Arbeit komme. Ich informiere mich online, ob Strassen gesperrt oder Gleise blockiert sind. Erst kürzlich konnte meine Metro nicht weiterfahren, da Demonstranten Objekte auf die Gleise geworfen haben. Wir mussten aussteigen, Bahnangestellte haben irgendwas durch die Lautsprecher gesagt, das ich nicht verstanden habe. Ich bin dann einfach den anderen Leuten gefolgt.

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bild: b.a.

Bist du auch schon mal den Demonstranten bei einer Kundgebung gefolgt?
Ja, ich bin auch schon mitgelaufen. Aus reinem Interesse. Manchmal kommt man auch per Zufall in eine Demo und plötzlich fliegt einem Tränengas um die Ohren.

Was ist passiert?
Ich habe mich in Wan Chai, einem beliebten und lebhaftem Geschäftsviertel, mit einem Freund zum Essen verabredet. Er wohnt dort. Auf dem Weg zu seiner Wohnung geriet ich in eine Demonstration. Einmal falsch abgebogen und du bist mitten drin. Plötzlich wurde mit Tränengas geworfen, es entstand Hektik. Das Krasse war: Es hatte viele ältere Menschen und auch Kinder in der Menge.

Und dann?
Irgendwie ist es mir gelungen, mich aus der Menge zu befreien und zur Wohnung des Kollegen zu gelangen. Wir warteten ab, bis sich die Lage beruhigte. Als wir es tatsächlich zum Restaurant geschafft haben, mussten wir feststellen, dass es ziemlich was abbekommen hat. Die Scheiben waren eingeschlagen. Also suchten wir uns ein anderes Restaurant dieser Kette. Beim dritten zerstörten Etablissment haben wir aufgegeben. Es ist eine chinesische Restaurant-Kette.

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So hat eines der Restaurants ausgesehen. Bild: b.a.

Du arbeitest in einem 5-Sterne-Hotel, welches in unmittelbarer Nähe zur Polytechnischen Universität liegt. Wird das Hotel hermetisch abgeriegelt oder wie handhabt man die Situation?
Momentan müssen circa 50 Mitarbeiter jede Nacht im Hotel übernachten, weil sie nicht mehr nach Hause oder am nächsten Tag nicht mehr zur Arbeit kommen könnten. Wir haben regelmässig Sicherheitsmeetings und sind über Telegram auch mit Vertretern der Demonstrationen verbunden. Eine erhöhte Security-Präsenz haben wir aber nicht.

Wie stehst du persönlich zu den Demonstrationen?
Ich unterstütze ihre Bestrebungen nach Freiheit und Demokratie. Was ich jedoch verurteile ist die Gewalt, die mittlerweile auf beiden Seiten sehr präsent ist. Wobei man sagen muss, dass die Polizei zuerst zu Gewalt gegriffen hat. Wahrscheinlich um Härte zu demonstrieren.

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Bild: b.a.

Videos von Leuten, die angezündet werden oder Berichte über Pfeilbogen-schiessende Demonstranten gibt es mittlerweile auch immer häufiger.
Stimmt. In der Chinese University Of Hong Kong, wo sich die Demonstranten versteckt hielten, fand man zum Beispiel auch 8000 Molotowcocktails. Die Gewalt spitzt sich zu – auf beiden Seiten.

Wie soll das alles enden?
Ich weiss es nicht. Die Proteste werden nicht nachlassen, bis entweder das chinesische Militär hier einrückt oder der Staat endlich zuhört und auf die Forderungen eingeht. Es würde schon reichen, wenn die Politik zwei der fünf Forderungen – kein Auslieferungsabkommen mit China und unabhängige Untersuchung der Polizei – umsetzen würde. Dann könnten die Proteste aufhören und Verhandlungen beginnen.

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Bild: b.a.

Du liest sehr viel über die Proteste, sowohl in Schweizer Medien wie auch in lokalen Zeitungen. Gibt es einen Unterschied in der Berichterstattung?
Definitiv. Schweizer Medien setzen einen ganz anderen Fokus, auch scheint mir die Auswahl der Infos zuweilen etwas willkürlich. Ein Beispiel: Die Demonstranten verschanzten sich in fünf verschiedenen Unis, und bevor es an der Polytechnischen Universität zu Ausschreitungen kam, knallte es so richtig an der Chinese University Of Hongkong. Auch dort lieferte man sich schon ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. In Schweizer Medien habe ich gar nichts darüber gelesen. Das war hier nur eine Randnotiz.

Auf welcher Seite stehen die Medien in Hongkong denn?
Schon auf der Seite der Demonstranten. Aber auch hier finde ich, dass sie vermehrt die Gewalt der Protestierenden anprangern. Sie zeigen also beiden Seiten auf – was ich sehr löblich finde.

Hast du keine Angst, hier zu leben?
Nein, nicht wirklich. Es ist ja nicht so, dass hier Krieg herrscht. Man kann den Demos schon noch aus dem Weg gehen. Ein paar meiner Freunde sind jedoch schon nach Hause gereist. Ein paar weitere haben sich nun entschieden, das Gleiche zu tun. Wahrscheinlich, weil die Familien langsam Druck machen. Sie kriegen es mit der Angst zu tun und
wollen, dass man nach Hause kommt. Irgendwie auch verständlich.

Gehen die Leute eigentlich noch raus und haben Spass? Oder heisst es hier nur noch Demonstrieren oder Zuhause bleiben?
Klar gehen die Leute noch raus. Die Hongkonger lassen sich nicht unterkriegen. Und Hongkong ist immer noch eine super vielfältige und interessante Stadt – Demos hin oder her. Nur Halloween ist ein bisschen ins Wasser gefallen. Wegen der Masken...

Ein bisschen Lebensfreude:

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Ist es gefährlich für Touristen, jetzt nach Hongkong zu reisen?
Im Moment, ja. Wenn man sich überhaupt nicht auskennt in der Stadt, dann würde ich zum jetzigen Zeitpunkt darauf verzichten, hierher zu kommen. War man jedoch schon einmal in Hongkong und weiss ein bisschen Bescheid, dann sehe ich eigentlich kein Problem.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • TheRealSnakePlissken 21.11.2019 15:18
    Highlight Highlight Was mir etwas zu kurz kommt in der aktuellen Berichterstattung ist die Tatsache, dass Hong Kong historisch gesehen nicht bloss ein britische Kolonie war, sondern über Jahrzehnte auch Ziel und neue Heimat von Flüchtlingen aus dem kommunistischen Festland-China. Da gab es eine Grenze, die genau so schwer zu überwinden war wie die zwischen der BRD und der DDR. Dass diese Menschen und ihre Nachfahren nicht begeistert sind, wieder unter die Fuchtel Pekings zu geraten, ist ja leicht nachzuvollziehen.
    • bebby 21.11.2019 17:46
      Highlight Highlight Die Mauer ist immer noch da und im Gegensatz zu 1989 will in HK vermutlich niemand, dass sie abgerissen wird. Grosser Unterschied.
  • Donald 21.11.2019 11:20
    Highlight Highlight Super Interview.

    Und auch noch etwas für Watson zum mitnehmen: "Definitiv. Schweizer Medien setzen einen ganz anderen Fokus, auch scheint mir die Auswahl der Infos zuweilen etwas willkürlich."

    Berichtet endlich mal ausführlich über die Polizeigewalt und das Schikanieren von friedlichen Demonstrationen. Dies sind nämlich die Gründe für die aktuelle Situation.
    • Robin Weber 21.11.2019 13:51
      Highlight Highlight So ausführlich einseitig über die Gewalt des Staates zu berichten wäre nicht neutral und wenn man über beide Seiten vertieft berichtet, stellt sich die Frage der Selektivität, denn es gäbe noch viele Proteste zur Zeit, über die man vertieft berichten könnte.
    • Donald 21.11.2019 14:14
      Highlight Highlight Korrekt. Aktuell wird einfach mit Fokus auf Ausschreitungen berichtet, ohne darauf einzugehen, dass normale Demonstrationen nicht erlaubt und nierdergeschlagen werden. Und auch nicht über die täglichen Beleidigungen der Polizei gegenüber normalen Menschen auf der Strasse. Schon gar nicht über die Vorfälle, in denen Polizisten wehrlose Menschen, die am Boden liegen, weiter treten und Schlagen, was zu schwersten Verletzungen führt.

      Man kann gerne auch über die Regierung vertieft berichten. Aber ohne auf die Gründe der Gewalt einzugehen, sollte man nicht über die Gewalt berichten.
    • bebby 21.11.2019 15:04
      Highlight Highlight Donald hat offenbar auch ein einseitiges Bild und möchte deshalb primär mehr von einer Seite hören...
      Es ist falsch nicht über Gewalt zu berichten, nur weil sie nicht in das Bild passen. Gewalt ist auf beiden Seiten weit verbreitet. Leider.
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