Ausser Eiskanal nichts gewesen – Deutschland steht vor Olympia-Debakel
In Deutschland ist Fussball natürlich Volkssport Nummer eins. Aber unser nördlicher Nachbar ist auch von Wintersport sehr begeistert: Biathlon, Skispringen, Langlauf, Eisschnelllauf und natürlich alles, was im Eiskanal stattfindet. Überall haben die Deutschen in der Vergangenheit grosse Erfolge gefeiert. Aber das ist es eben: Vergangenheit.
Bei den Olympischen Spielen 2026 in Mailand und Cortina steht Deutschland vor einem Debakel. Im Medaillenspiegel stehen kurz vor Ende der Winterspiele nur sechs Goldmedaillen zu Buche. Dazu kommen je acht Silber- und Bronzemedaillen. Für die stolze Wintersportnation, die den ewigen Medaillenspiegel noch vor Norwegen anführt, ist das eine grosse Enttäuschung.
Zwar gab es vor den Spielen in Norditalien offiziell kein konkretes Medaillenziel. «Eine Zielvorgabe haben wir gar nicht», sagte der deutsche Chef de Mission Olaf Tabor gemäss Welt, fügte aber an: «Wir sind eine Wintersportnation, wir wollen unter die ersten drei Nationen.» Zudem wolle man «von der Gesamtmedaillenanzahl wieder in den Bereich kommen, mit dem wir Peking verlassen haben». Vor vier Jahren holte Deutschland zwölf Mal Gold, zehn Mal Silber und fünf Mal Bronze.
Die fehlenden fünf Medaillen könnten am letzten Olympia-Wochenende zwar noch kommen, doch in Sachen Olympiasiegen dürfte auch am Sonntagabend noch eine Lücke zu den letzten Winterspielen klaffen. Im Zweierbob der Frauen und dem Viererbob der Männer sind die Deutschen zwar die grossen Favoriten, doch ansonsten ist es schwer vorstellbar, dass die Gesamtbilanz noch grossartig aufgehübscht wird. Weniger als neun Goldmedaillen gab es seit Wiedervereinigung noch nie.
Und Deutschland kann sich beim IOC bedanken, dass die Wettbewerbe im Eiskanal nicht nur unangetastet blieben, sondern mit dem Rodel-Doppelsitzer der Frauen sogar noch ein Wettbewerb hinzugekommen ist. Zieht man den Deutschen die Medaillen im Rodeln, im Bob und im Skeleton ab, wo sie einen deutlichen Materialvorteil haben, bleibt eine Bilanz von 1x Gold, 2x Silber und 3x Bronze übrig. Das wäre im Medaillenspiegel gleichbedeutend mit Platz 18.
«Die deutschen Enttäuschungen wachsen von Tag zu Tag», steht deshalb in einer Kolumne bei der Bild. Der Autor schrieb, er erwarte zwar «keine Medaillen-Orgie. Aber bei der Grösse unseres Teams und den Millionen, die in den Spitzensport fliessen, wirkt die Ausbeute erschreckend mager.» Deutschland ist mit 86 Frauen und 99 Männer angereist – es ist die grösste Delegation bei Olympischen Winterspielen in der Geschichte des Landes.
Besonders schmerzen die ausbleibenden Erfolge im Biathlon, im Langlauf, der Nordischen Kombination oder auch im Eisschnelllauf, wo es einst regelmässig Medaillen gab. Im Skispringen gab es zwar überraschend Gold von der Normalschanze durch Philipp Raimund, aber ansonsten gehören die Deutschen auch dort nicht mehr zur Weltspitze. Im Biathlon gab es lediglich eine Bronzemedaille dank der Mixed-Staffel. Dass in den Massenstarts noch etwas hinzukommt, ist angesichts der aktuellen Form von Franziska Preuss und Co. eher unwahrscheinlich.
Deshalb gibt es nun sogar Mitleid von der einstigen Konkurrenz. Der im letzten Jahr zurückgetretene Johannes Thingnes Bö sagte zu Sport1: «Es ist traurig zu sehen, dass Deutschland nur eine Bronze-Medaille gewonnen hat, weil es ein wichtiges Land für Biathlon ist.» Nirgends sei die Mischung aus Langlauf und Schiessen so populär wie dort, weshalb es wichtig sei, «Deutschland auf dem Podium zu haben». Sein Fazit nach neun von elf Entscheidungen? «Ich bin sehr enttäuscht von den Deutschen.»
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Deutschen viel Pech hatten. Elf vierte Plätze gab es bereits – und damit so viele wie für kein anderes Land. Es folgen Norwegen (neun), Gastgeber Italien und auch die Schweiz (je acht). Dazu kommen bittere Enttäuschungen wie jene von Lena Dürr, die im 2. Lauf des Slaloms beim ersten Tor einfädelte, oder der doppelte Sturz von Vinzenz Geiger im Teambewerb der Nordischen Kombination. Mit etwas mehr Glück hätte die Bilanz für Deutschlands «Pech- und Blechkönige», wie der Focus schreibt, also auch anders aussehen können.
Doch es bleibt der Eindruck, dass die historisch erfolgreichste Nation bei Olympischen Winterspielen in vielen Sportarten den Anschluss an die Weltspitze verliert. «Sie müssen in Deutschland irgendeine Art von Veränderung vornehmen, um zurück an die Spitze zu kommen», stellt Bö klar und meint damit Biathlon. Aber die Aussage scheint auch darüber hinaus gültig.
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