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Wie tickt eine Generation? Bei Antworten auf diese Fragen ist Vorsicht geboten.
Wie tickt eine Generation? Bei Antworten auf diese Fragen ist Vorsicht geboten.Bild: shutterstcok

«Generation Alpha ist die traurigste»: Warum du bei diesen Prognosen aufpassen solltest

Eine neue Studie aus Deutschland zeigt: Die Generation Alpha ist die unglücklichste. Doch die Generationen-Schubladisierung sollte vorsichtig betrachtet werden. Hinter den Prognosen steckt auch ein Geschäft.
20.10.2021, 08:5221.10.2021, 06:39

Alpha: So wird die Generation bezeichnet, die nach 2010 geboren wurde. Kürzlich wurde sie genau unter die Lupe genommen, nämlich vom privaten «Institut für Generationenforschung» in Deutschland. Die Erkenntnisse aus der Studie sind ernüchternd: Die Kinder seien unglücklich, sprachlich defizitär und auch sonst sozial auffällig.

Untersucht wurde die Sprache, das Sozialverhalten, die Motorik und der Medienkonsum der Generation Alpha, indem man die Betreuungspersonen der Kinder befragt hat. Was man daraus schloss, wurde auf der Website des Instituts mit einem Satz von Studienleiter Rüdiger Maas zusammengefasst: «In Deutschland gab es noch nie so viele unglückliche Kinder.»

Mit diesen Worten titelte auch der «Südwestrundfunk» ihren Bericht über die Untersuchung. Auch andere Deutsche Qualitätsmedien wie «Die Zeit» oder die «Süddeutsche Zeitung» druckten die Studienergebnisse eifrig ab.

Grundlage der Studie
Das Deutsche Institut für Generationenforschung hat für die Untersuchung zur Generation Alpha während einem Jahr 1'231 Pädagogen und Pädagoginnen befragt. Sie sollten ihre Einschätzungen zu den null- bis zehnjährigen Kindern, die sie betreuen, abgeben. Ausserdem wurden 652 Eltern zu ihrem Erziehungsverhalten befragt.

Dass eine Generation schlimm und besorgniserregend ist, scheint ein Dauerbrenner zu sein. So gilt bereits die Vorgängergeneration «Z» als «verwöhnt» und «süchtig» nach ihrem Smartphone und die Kinder der «Generation Y», englisch ausgesprochen «Generation why», wissen nicht, was sie eigentlich wollen. Auch die Generation X gilt als verwöhnt, unter anderem weil sie den Wohlstand ihrer Boomer-Eltern geniesst.

Neu ist der kritische Blick auf die Heranwachsenden keineswegs. Schon Sokrates liess an der Jugend seiner Zeit kein gutes Haar: «Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.» Zu diesem Urteil kam der griechische Gelehrte gut 500 Jahre v. Ch.

Kritik an Generationenforschung

Die Generationenforschung will nun die Eigenschaften von einzelnen Generationen mit wissenschaftlichen Befunden darstellen. Allerdings tut sie das nicht ohne Gegenwind. Schon im Jahr 2018 wurde Kritik laut. Hannes Zacher, Professor für Arbeitspsychologie von der Universität Leipzig, war besonders deutlich. Gegenüber dem deutschen Fernsehsender mdr sagte er: «Es gibt eine grosse Generationen-Industrie: Mit dem Thema Generationen und Generationenunterschiede lassen sich sehr gut Bücher und Workshops verkaufen und auch ganze Beratungsunternehmen führen. Die wissenschaftliche Evidenz, die methodische Qualität der Studien ist äusserst fragwürdig».

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Eine kurze Recherche bestätigt: Das eingangs erwähnte Institut für Generationenforschung dürfte ordentlich Geld mit seiner Arbeit machen. Es ist keine universitäre Einrichtung mit öffentlichem Auftrag, sondern eine GmbH. Der Studienleiter und Firmengründer Rüdiger Maas hat kürzlich ein Buch angekündigt mit dem Titel «Generation lebensunfähig». Ausserdem bietet die Firma Workshops für Unternehmen an, in denen erarbeitet werden soll, wie man Arbeitnehmende aus einer bestimmten Generation motivieren und an sich binden kann.

Auch andere Studien aus der Generationen- oder Zukunftsforschung stammen häufig von privatwirtschaftlichen Firmen. Dabei stehen sie meist im Zusammenhang mit Arbeitsoptimierung der jeweiligen Generation. So betitelte etwa das deutsche Zukunftsinstitut ihre 2013 erschienene Studie: «Generation Y – Das Selbstverständnis der Manager von morgen.»

Psychologe bestreitet klare Kategorien

Dass Forschung privatwirtschaftlich betrieben wird, ist nicht der einzige Kritikpunkt von Arbeitspsychologe Zacher. Auch auf wissenschaftlicher Ebene sei einiges falsch: So würden die Studien die Grenzen der Generationen nicht klar definieren. Die einen bezeichnen etwa das Geburtsjahr 1995 als das Ende der Millennials, andere das Jahr 1999. Dadurch seien die Studien untereinander schon mal nicht vergleichbar, sagt Zacher gegenüber mdr. Was für den Professor allerdings noch mehr ins Gewicht fällt: «Es wird nicht auseinandergehalten, ob Unterschiede sich aufgrund des Lebensalters ergeben, aufgrund des Geburtsjahrs oder aufgrund des Kontexts, in dem die Studie stattgefunden hat.»

Zacher streitet nicht ab, dass es Unterschiede gibt. «Wir verändern uns mit zunehmendem Alter. Viele Menschen werden etwa verträglicher und gewissenhafter», sagt der Professor. Dass etwa Millennials früher Erfahrung mit neuen Technologien gemacht haben, bedeute nicht, dass sie komplett unterschiedliche Eigenschaften hätten. «Ich wehre mich gegen diese Bezeichnungen von Generationen mit sehr stabilen Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen wie Zuverlässigkeit oder Leistungsfähigkeit», so Zacher.

Kritik an der Alpha-Studie

Zachers Kritik liegt einige Jahre zurück. Die neue Studie über die Generation Alpha wird allerdings auch hierzulande mit Bedenken beäugt. So etwa von Lennart Schalk, dem Leiter des Instituts für Unterrichtsforschung und Fachdidaktik der Pädagogischen Hochschule Schwyz. Er fände es schwierig, dass die Generation Alpha Kinder mit Jahrgang 2010 bis 2025 umfassen soll. «Die letzten vier Jahrgänge sind also noch gar nicht auf der Welt», sagt er gegenüber SRF.

Kritisch ist auch Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie sagt: «1231 Pädagoginnen anonym 22’511 Kinder beurteilen zu lassen und circa 600 Eltern zu befragen, lässt kaum repräsentative Rückschlüsse auf alle Kinder in Deutschland zu.» Überhaupt sind die Fragebögen, die für die Studie verwendet wurden, nicht publik.

Jedoch seien Studien immer nur ein Mosaikstein eines Bildes, sagt Walitza. In ihren Augen beschreibe auch die Studie des Instituts für Generationenforschung trotz allem wichtige Aspekte, die auf Alltagsbeobachtungen beruhen.

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