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Skandinavien

Eine Million tote Fische: Ein Blick hinter die Kulissen der Fischzucht

«Tierschutzkatastrophe» – wie eine Million Zuchtfische in Island qualvoll verendete

Isländischer Zuchtlachs ist begehrt – doch das Geschäft bringt die natürlichen Bestände immer mehr aus dem Gleichgewicht. Denn: Zuchtfische brechen vermehrt aus den Netzgehegen aus.
04.11.2023, 22:3321.12.2023, 12:29
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«Is that the right thing to do?»

Diese Frage wiederholt sich in einem von den Sängerinnen Björk und Rosalía veröffentlichten Musikvideo in Dauerschleife. Die isländische und die spanische Sängerin kooperieren erstmals, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen: die Fischzucht – und ihre verheerenden Folgen.

Aquakulturen stehen schon seit geraumer Zeit in der Kritik – dennoch boomt der Zuchtlachs noch wie vor.

Das Geschäft ist lukrativ. Zu einer der wichtigsten Exportgüter Islands zählen Fischereierzeugnisse. Im Osten des Landes ist kaum ein Fjord ohne Zuchtanlage.

Die meisten Fische werden in offenen Meeresbecken gezüchtet. Tieraktivisten sprechen dabei von «Massentierhaltung unter Wasser».

Drohnenbilder von Meereskäfigen der abgelegenen Region Westfjorde gewähren nun einen erschreckenden Blick hinter die Kulissen der Fischzucht. Die Aufnahmen zeigen schwer erkrankte Zuchtlachse, die unter starkem Läusebefall leiden.

Lachsfarm im Meerwasser vor der Küste der Insel Streymoy – die Hauptinsel der Färöer im Nordatlantik.
Lachsfarm im Meerwasser vor der Küste der Insel Streymoy – die Hauptinsel der Färöer im Nordatlantik.bild: imago

Viele der Tiere mussten vorzeitig getötet werden. Umweltschützer gehen von rund einer Million verendeten oder getöteten Fischen aus. Offizielle bestätigt wurde dies nicht.

Der Veterinärmediziner Trygve Poppe sagt gegenüber «The Guardian», dass es sich dabei um eine «Tierschutzkatastrophe in einem noch nie dagewesenen Ausmass» handle.

Lachsläuse (Lepeophtheirus salmonis) ernähren sich vom Schleim, Haut und Blut der Lachse. Vorzugsweise leben die Parasiten auf dem Kopf der Fische, wo sie regelrecht Löcher in die Haut fressen. Durch offene Wunden kann eine schmerzhafte Infektion eintreten – viele der Fische verenden dabei qualvoll. Im Extremfall kann es zu Massensterben kommen.

«Es ist eine Tierschutzkatastrophe.»
Trygve Poppe

Schockiert über das Ausmass des Parasitenbefalls zeigt sich auch die Fachärztin für Fischkrankheiten, Berglind Helga Bergsdóttir. «In Island hat es noch nie zuvor einen so hohen Läusebefall gegeben», sagt die Isländerin. Die Wunden hätten sich durch Bakterien womöglich vergrössert.

Mutation durch Medikamente

Gut möglich sei, dass die Läuse mutiert seien – womöglich durch Medikamente. Wir wissen, dass Läuse sehr anpassungsfähig sind, sagt Experte Poppe. Die Züchter mischen das Futtermittel oft mit Anti-Laus-Medikamenten. Doch der Medikamenteneinsatz würde häufig nicht ausreichen, da die Parasiten sehr schnell eine Resistenz entwickeln würden.

Erst im August löste die Flucht von über 3500 Lachsen auf einer Zuchtfischfarm Proteste in Island aus. Die Fische flohen von Arctic Fish – eines der grössten Zuchtunternehmen Islands.

Das isländische Veterinäramt teilte mit, dass Zuchtfische aus den Kulturen entkommen sind und die DNA isländischer Fische dadurch verschlechtert wurde. Zuchtfische sind aggressiver und weniger clever im Umgang mit natürlichen Feinden. Bei einer Kreuzung werden diese Eigenschaften weitergeben, was zu einer Minderung der Überlebenschancen führt.

Norwegian Salmon cultivation, Unst Island. Shetland Islands, Scotland, UK
Norwegische Lachszucht.Bild: imago

Die Parasiten stellen auch für den Wildlachs eine Gefahr dar. Sobald ein erkrankter Zuchtlachs entkommt, überträgt er die Parasiten auf die wildlebenden Lachse im offenen Meer.

Graham Lawton, Biochemiker und Redakteur der Wissenschaftszeitschrift «The Scientist» schrieb daraufhin in einer Kolumne:

«Ich kannte die Probleme der Zuchtfarmen, doch nachdem ich den Schaden gesehen habe, der das Leben im Meeresgehege anrichtet, werde ich künftig anders einkaufen.»

Die Massenflucht hat auch die langjährige Umweltaktivistin und Sängerin Björk zum Protestsong gemeinsam mit der spanischen Sängerin Rosalía bewegt. «Die Fischzuchtindustrie in Island besteht aus ein paar wilden Kerlen, die schnell Geld verdienen wollen und die Natur opfern», so die isländische Sängerin.

Die Einnahmen des Liedes sollen den Tierschutzaktivisten zugutekommen.

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87 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Aruma
05.11.2023 09:47registriert Januar 2020
Massenhaft billiges Fleisch essen funktioniert nur mit Massentierhaltung.
Wenig Tiere essen löst das Problem.
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Schlaf
05.11.2023 09:42registriert Oktober 2019
Das perverse ist, dass man das Problem schon seit Jahren von Norwegen kennt. Es gibt es Dokus über die Zustände in den Zuchten, da isst nach dem schauen niemand mehr Zuchtlachs.
Tanklaster, die Antibiotika in die Seen lassen, Meter hohe Kot-und Nahrungsreste, Fischreste unter den Netzen.

Zudem löst die Futterproduktion für die Zucht an anderen Orten auf dem Planeten zu Überfischungen und ganz anderen Problemen.

Und dann gilt der Zuchtlachs auch noch als nachhaltig🤦🏼‍♂️
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SF_49ers
05.11.2023 10:15registriert Mai 2020
Keine meerestiere (zuchtfische eingeschlossen) essen ist die beste lösung
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87
    Donald Trump hat sich verzockt
    Der Dollar wird schwächer, die Opposition gegen den US-Präsidenten stärker.

    Eines der bekanntesten Zitate aus der jüngeren Finanz-Geschichte stammt von John Connally. Als Richard Nixon zu Beginn der Siebzigerjahre die Gold-Konvertibilität des Dollars aufhob, erklärte der damalige US-Finanzminister den schockierten Verbündeten: «Ab sofort ist der Dollar unsere Währung – aber euer Problem.»

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