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Assads zynischer Plan: Er präsentiert seine Armee nun als einzigen Garanten dafür, die Dschihadisten aus Jarmuk zu vertreiben. 
Assads zynischer Plan: Er präsentiert seine Armee nun als einzigen Garanten dafür, die Dschihadisten aus Jarmuk zu vertreiben. Bild: AP/SANA

«Todeslager» Jarmuk war schon zu Assads Zeiten ein finsterer Ort 

Seit der Eroberung durch den «Islamischen Staat» blickt die Welt erschrocken auf Jarmuk. Uno-Generalsekretär Ban spricht von einem «Todeslager». Dabei hat das Assad-Regime die Menschen in dem Stadtteil von Damaskus schon seit Jahren ausgehungert.
10.04.2015, 08:0010.04.2015, 08:19
Christoph Sydow / spiegel online
Ein Artikel von
Spiegel Online

Wer es nach Jarmuk schaffte, hatte Glück im Unglück. In wenigen Orten des Nahen Ostens war es für palästinensische Flüchtlinge einfacher, sich nach der Vertreibung ein neues Leben aufzubauen. 1957 richtete die syrische Regierung das Lager am südlichen Stadtrand von Damaskus ein. Die Vereinten Nationen bauten Krankenhäuser auf, internationale Geldgeber sorgten für Kindergärten und Schulen.

Aus dem Flüchtlingscamp wurde ein Stadtteil mit mehrstöckigen Gebäuden, mit Cafés und Geschäften. Heimat für etwa 150'000 Menschen. Da waren zwar die Hinweisschilder mit dem Schriftzug «Lager Jarmuk», aber äusserlich unterschied sich das zwei Quadratkilometer grosse Viertel kaum von anderen Stadtteilen in Damaskus.

Das ist vorbei. Heute ist Jarmuk im vom Bürgerkrieg verwüsteten Syrien noch schlimmer getroffen als andere Orte. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht von einem «Todeslager», die verbliebenen rund 16'000 Flüchtlinge lebten «im schwärzesten Loch der Hölle».

In der vergangenen Woche überrannten Kämpfer der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) das Viertel. Sie gingen rücksichtslos gegen Einwohner vor, die sich ihnen in den Weg stellten, mehrere Männer wurden enthauptet.

Mit der Eroberung durch den IS ist die Weltöffentlichkeit schlagartig auf das Schicksal der Menschen in Jarmuk aufmerksam geworden. Doch ihr Leiden hat lange vorher begonnen. In der Geschichte des Lagers verdichtet sich nämlich die Geschichte des syrischen Bürgerkriegs in den vergangenen vier Jahren.

Bomben auf Jarmuk

Das Assad-Regime hat seit Jahrzehnten die «Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando» (PFLP-GC) in Jarmuk regieren lassen. Syriens Führung kontrolliert und finanziert die Organisation, die für zahlreiche Anschläge in Israel verantwortlich ist. Als in Syriens Städten Zehntausende gegen die Regierung protestierten, gingen auch in Jarmuk Palästinenser auf die Strasse, die sich nicht länger von der PFLP-GC als Assads verlängertem Arm drangsalieren lassen wollten.

Im November 2011 brannte eine aufgebrachte Menge das Hauptquartier der PFLP-GC in Jarmuk nieder. Deren Milizionäre erschossen 14 Protestierer. In der Folge schlossen sich palästinensische Assad-Gegner der oppositionellen «Freien Syrischen Armee» (FSA) an.

Ende 2012 brachen heftige Kämpfe zwischen FSA und PFLP-GC aus. Assads Armee kam seinen Verbündeten zur Hilfe. Die Luftwaffe bombardierte Jarmuk, das nur wenige Kilometer vom Präsidentenpalast in Damaskus entfernt liegt. Trotzdem gelang es den Aufständischen nach wochenlangen Gefechten, den Grossteil des Viertels unter Kontrolle zu bringen.

Wenige Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, aber eine ganz andere Welt: Das Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus.
Wenige Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, aber eine ganz andere Welt: Das Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus.Bild: FP

Das syrische Regime reagierte mit kollektiver Bestrafung. Die Armee riegelte Jarmuk weitgehend ab, grosse Teile des Viertels sind seit mittlerweile mehr als zwei Jahren ohne Strom und Wasser. Lebensmittel und Medikamente gelangen nur auf Schleichwegen in das Lager.

Ende 2013 gab es die ersten Hungertoten. Die Menschen fingen an, Gras zu pflücken, um ihre Familien zu ernähren. Im Februar vergangenen Jahres machte ein Fotograf der Vereinten Nationen ein Foto in Jarmuk, das um die Welt ging. Nach Monaten war es dem Uno-Hilfswerk für die Palästinenser gelungen, Lebensmittel in das Viertel zu bringen. Tausende Menschen standen Schlange. Assads Regime hatte Jarmuk schon damals in ein Todeslager verwandelt.

Wie in anderen Teilen Syriens auch, kämpften bald verschiedene Milizen um Macht und Einfluss. Radikale Islamisten, säkular orientierte Gruppen und palästinensische Pro-Assad-Einheiten stritten rücksichtslos um die Kontrolle über die zwei Quadratkilometer grosse Trümmerlandschaft in Damaskus.

Sammelbecken Islamischer Staat

Das zynische Kalkül des Regimes ging auf: Die ausweglose Lage hat mehr und mehr junge Männer in Jarmuk in die Arme des IS getrieben. In der Hoffnung auf Unterstützung von der militärisch stärksten Miliz in Syrien, nahmen Palästinenser aus Jarmuk Kontakt zum IS auf und schlossen sich der Terrormiliz an.

Jetzt auf

Bei der Eroberung des Stadtteils Anfang April hatten IS-Kämpfer, die das Lager von Süden angriffen, so Hilfe von Einwohnern vor Ort. Darunter sollen auch Dschihadisten gewesen sein, die vorher in Reihen der Nusra-Front gekämpft hatten. Der syrische Ableger von al-Qaida ist eigentlich der Erzfeind des IS.

Der einzige Profiteur dieser verheerenden Lage ist Assad. Er präsentiert seine Armee nun als einzigen Garanten dafür, die Dschihadisten aus Jarmuk zu vertreiben. Dabei ist ihm das Schicksal der eingeschlossenen Menschen egal. Der Diktator hat ihnen monatelang jede Hilfe verweigert, und erst in der vergangenen Woche warfen seine Truppen aus Hubschraubern Fassbomben auf den Stadtteil ab.

Eingekeilt zwischen Assads Truppen und dem IS bleibt für die Menschen in Jarmuk kaum noch Hoffnung.

Zusammengefasst: Die Menschen in dem palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus leiden seit Jahren. Das Assad-Regime hat sie von humanitärer Hilfe abgeschnitten. Ausgerechnet der Diktator bietet sich nun an, das Viertel aus der Gewalt des «Islamischen Staats» zu befreien. Damit würde sein zynischer Plan aufgehen.

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