Die Islamisten-Allianz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) hat am Freitagabend verlauten lassen, dass ihre Kämpfer nun vor den Toren von Homs im Westen Syriens stünden und die Stadt wahrscheinlich in den nächsten Stunden fallen werde.
Syrische Regierungstruppen hätten sich bereits aus der Millionenmetropole zurückgezogen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die mit einem Netz aus Informanten das Kriegsgeschehen im Land verfolgt. Regierungstreue Milizen seien jedoch weiterhin in der drittgrössten Stadt Syriens stationiert.
Der Beobachtungsstelle mit Sitz in Grossbritannien zufolge hatten die Rebellen zuvor bereits die Kontrolle über das nördliche Umland von Homs übernommen.
Die Orte Talbiseh und Rastan, beide zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs Hochburgen der Oppositionskräfte, stehen demnach bereits unter ihrer Kontrolle.
Sicherheitskräfte der Regierung hätten zuvor Posten und Stützpunkte verlassen, berichtete die Beobachtungsstelle, die mit einem Netz aus Informanten das Kriegsgeschehen im Land verfolgt. Die Aufständischen riefen demnach Angehörige der syrischen Streitkräfte zum Überlaufen auf.
Homs ist ein Knotenpunkt zwischen der Hauptstadt Damaskus, den Küstenregionen und dem Norden des Landes. Die Grossstadt mit ihren rund 1,5 Millionen Einwohnern war lange ein symbolischer Schauplatz des Widerstands im Bürgerkrieg.
«Wer die Schlacht mit Homs gewinnt, wird Syrien regieren», sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel-Rahman, der Deutschen Presse-Agentur.
Sollte Homs fallen, werden die russischen und syrischen Streitkräfte in Tartus und Latakia laut Beobachtern vom Rest des Landes abgeschnitten sein.
Reuters schreibt:
Aufständische haben im Süden Syriens laut Aktivisten die Kontrolle weiter Teile des symbolträchtigen Gouvernements Daraa übernommen. Lokale Oppositionsgruppen hätten rund 80 Prozent der Region unter ihre Kontrolle gebracht, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.
Am Freitagabend hatte die Syrische Beobachtungsstelle zuvor gemeldet, dass die Regierung zudem die Kontrolle über die südwestsyrische Stadt Suwaida im Daraa angrenzenden Gouvernement Suwaida verloren hatte. Lokale Aufständische hätten das Zentralgefängnis in ihre Gewalt gebracht. Der Gouverneur sei geflohen.
Der Konflikt in Syrien begann 2011 mit Protesten gegen die Regierung Assads. Sicherheitskräfte gingen dagegen mit Gewalt vor. Alles mündete in einen Bürgerkrieg mit internationaler Beteiligung, in dem Russland, der Iran, die Türkei und die USA eigene Interessen verfolgen. Rund 14 Millionen Menschen wurden vertrieben. Nach UN-Schätzungen kamen bisher mehr als 300'000 Zivilisten ums Leben. Eine politische Lösung ist seit Jahren nicht in Sicht.
Am 27. November flammte der Bürgerkrieg mit der Offensive der Islamisten-Allianz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) plötzlich wieder auf. In kürzester Zeit nahm die Gruppe viel Gebiet teils kampflos ein.
Am vergangenen Sonntag fiel die zweitgrösste syrische Stadt Aleppo, das Wirtschaftszentrum im Norden, unter ihre Kontrolle. Das Bündnis unter Anführer Abu Mohammed al-Dschulani, der erst Anfang 40 ist, plant den Sturz der syrischen Regierung.
Die russische Luftwaffe hat gemeinsam mit syrischen Kampfflugzeugen nach eigenen Angaben in den Provinzen Idlib, Hama und Aleppo Stellungen und Munitionsdepots der Rebellen zerstört. Es seien 200 Terroristen und Dutzende Einheiten Militärtechnik «vernichtet» worden, teilte der russische Luftwaffenoffizier Oleg Ignassjuk der Moskauer Nachrichtenagentur Interfax zufolge in Syrien mit. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden. Russland unterstützt in dem Bürgerkrieg in Syrien Machthaber Baschar al-Assad und hat neben der Luftwaffe in dem Land auch Kriegsmarine – im Mittelmeerhafen von Tartus – stationiert.
Russland führt die Militäroperation in Syrien seit September 2015. Nach einer Stabilisierung der Lage in den vergangenen Jahren sieht sich Russland, das auch einen verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, angesichts der neu aufgeflammten Kämpfe in der Pflicht, dort wieder mehr Einsatz zu zeigen.
Die von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben derweil Aktivisten zufolge eine strategisch wichtige Stadt in Ostsyrien unter ihre Kontrolle gebracht. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, nahmen die SDF Dair as-Saur am Freitag ein. Regierungstruppen hatten sich demnach zuvor zurückgezogen.
Die Stadt, früher Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen Syrien und dem Irak. Im Jahr 2017 wurde sie von der syrischen Armee mit Unterstützung Russlands zurückerobert.
Unterdessen hat Jordanien einen wichtigen Grenzübergang geschlossen. Das Innenministerium habe aufgrund der Sicherheitslage die Schliessung der Dschaber-Grenzstelle im Norden des Landes angeordnet, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Petra. Es ist einer von nur zwei Grenzübergängen der Nachbarländer.
Laut einer Erklärung des Aussenministeriums sollen jordanische Staatsangehörige so schnell wie möglich das Nachbarland verlassen.
Auch der Irak rief seine Bürgerinnen und Bürger dazu auf, sich bei den diplomatischen Vertretungen zu registrieren, sollten sie die Ausreise planen.
Eine explizite Aufforderung sprach Syriens östliches Nachbarland Irak aber nicht aus, wie aus einem Bericht der Staatsagentur INA hervorgeht.
Israel schickte weitere Soldaten auf die annektierten Golanhöhen. Zusätzliche Luft- und Bodentruppen würden dort entlang der Grenze zu Syrien stationiert, teilte das israelische Militär mit. Israel Armee werde «keine Bedrohungen in der Nähe der israelischen Grenze tolerieren», hiess es in einer Mitteilung weiter.
Israel stellt sich Medien zufolge auch auf einen möglichen Kollaps der syrischen Armee ein. Die israelische Zeitung «Haaretz» meldete, Israel bereite sich auch auf die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs aus der syrischen Grenzregion heraus vor.
Im Sechstagekrieg 1967 wurden die Golanhöhen, ein strategisch wichtiges Felsplateau, von Israel erobert und 1981 annektiert. International wird dies nicht anerkannt. Nach internationalem Recht gelten die Gebiete als von Israel besetztes Territorium Syriens.
Unbestätigten israelischen Medienberichten zufolge befürchten die israelische Regierung und die Militärführung zudem, dass Chemiewaffen des syrischen Machtapparats oder Material und Wissen für deren Herstellung in die Hände der Rebellen oder proiranischer Milizen fallen könnten. In einem solchen Fall könnte sich Israel gezwungen sehen, vorsorglich militärisch einzugreifen, hiess es. Die israelische Armee verweigerte auf Anfrage einen Kommentar zu Berichten, wonach die Luftwaffe in den vergangenen Tagen bereits Lager für Chemiewaffen in Syrien bombardiert haben soll.
Seit dem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs in Syrien sind laut Vereinten Nationen mindestens 370'000 Menschen vertrieben worden. «Die meisten der Vertriebenen sind Frauen und Kinder. Unsere Kollegen von der humanitären Hilfe berichten uns, dass inzwischen Zehntausende Menschen im Nordosten Syriens angekommen sind», sagte UN-Sprecher Stéphane Dujarric in New York.
Viele Notunterkünfte stossen laut UN bereits jetzt an ihre Grenzen. «Mit diesen Standorten, die nun ausgelastet sind, schlafen Menschen auf der Strasse oder in ihren Autos bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, da der Winter hereinbricht», sagte Dujarric. Die Kämpfe verursachen demnach auch Schäden an wichtiger Infrastruktur und unterbrechen dringend benötigte Hilfe.
Die deutsche Regierung verfolge die sich rasch verändernde Lage in Syrien genau, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums. Ob sich aus dieser Lage Fluchtbewegungen in der Region oder aus der Region hinaus ergäben, sei zur Zeit ebenso wenig vorhersehbar wie mögliche Auswirkungen auf die Möglichkeiten von syrischen Flüchtlingen zur Rückkehr in ihre Heimat.
Nach dem Tod von zwei Journalisten in Syrien fordert die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) eine unabhängige Untersuchung. Die gezielte Tötung von Medienschaffenden sei ein Kriegsverbrechen, erklärte RSF. «Kriegsberichterstatter sind unter allen Medienschaffenden diejenigen, die am stärksten gefährdet sind», sagte RSF-Geschäftsführerin Anja Osterhaus.
Am Mittwoch war der preisgekrönte dpa-Fotograf Anas Alkharboutli bei einem mutmasslich von der syrisch-russischen Militärallianz ausgeführten Luftangriff getötet worden. Der 32-Jährige hatte in den vergangenen Tagen über den Vorstoss der Rebellenallianz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) berichtet.
Vier Tage zuvor wurde laut RSF der Korrespondent des türkischen Staatssenders TRT, Mustafa al-Kurdi, erschossen. Nach RSF-Informationen eröffneten regierungstreue Soldaten in Aleppo, der zweitgrössten Stadt Syriens, das Feuer auf ein Auto, in dem der Reporter sass.
(sda/dpa)