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Ukraine entwickelt in Rekordzeit eigenes Flugabwehrsystem

Ukraine entwickelt in Rekordzeit eigenes Flugabwehrsystem

Luftverteidigung hat für die Ukraine angesichts massiver russischer Drohnen- und Raketenangriffe oberste Priorität. Künftig soll ein eigenes System die Abwehr verbessern.
28.08.2025, 12:1628.08.2025, 12:19
Simon Cleven / t-online
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t-online

Die Ukraine entwickelt in rasantem Tempo eigene Flugabwehrsysteme, um sich gegen die anhaltenden russischen Raketen- und Drohnenangriffe zu verteidigen. Andrij Hyrtsenjuk, Leiter von Brave1, einer ukrainischen Koordinationsplattform für Verteidigungstechnologie, erklärte dem Fachportal «The War Zone», dass innerhalb von gut zwei Jahren eine völlig neue Raketenindustrie in der Ukraine entstanden sei. Dutzende Unternehmen arbeiteten inzwischen an Boden-Luft-Raketen, mehrere Modelle würden auf Truppenübungsplätzen und teils bereits an der Front eingesetzt.

Das norwegische Nasams-Luftabwehrsystem der Firma Kongsberg hat das VBS bei der Evaluation der Bodluv-Systeme ignoriert. HO
Ein Nasams-Flugabwehrsystem feuert eine Aspide-Rakete ab (Archivbild): Die Ukraine setzt verschiedene Systeme zur Luftverteidigung ein.

Im Mittelpunkt steht laut Hyrtsenjuk die Entwicklung kostengünstiger Raketen, die insbesondere iranische Shahed-Drohnen bekämpfen können: «Für uns ist es entscheidend, günstige Waffen zu haben, die die Shahed-Drohnen in jeder Situation abschiessen können – bei jedem Wetter, Tag und Nacht, in den Wolken, im Winter und in unterschiedlichen Höhen.»

Russland attackiert die Ukraine täglich mit Drohnenschwärmen, die teils mehrere Hundert Fluggeräte umfassen. Im bisher grössten Angriff dieser Art setzte das russische Militär im Juli 728 Drohnen in nur einer Nacht ein. Jede Drohne kann einen Gefechtskopf von bis zu 60 Kilogramm, bei neueren Modellen sogar rund 90 Kilogramm, mit sich tragen. Erst in der Nacht zu Donnerstag starben in Kiew mindestens acht Menschen durch russische Angriffe mit Drohnen und Raketen.

Ukraine setzt Vielzahl von Systemen ein

Angesichts dieser Bedrohung startete die Ukraine bereits 2024 ein Programm zur Entwicklung eigener Flugabwehrfähigkeiten. Bisher ist sie dabei im besonderen Masse auf westliche Systeme angewiesen: etwa Patriot und Hawk aus den USA, Iris-T sowie Skynex aus Deutschland, das norwegisch-amerikanische System Nasams und das französisch-italienische SAMP/T. Zudem hat die Ukraine mehrere Systeme sowjetischer Bauart sowie auch russische S-300-Flugabwehr in ihrem Arsenal.

Doch die Vielzahl an unterschiedlichen Systemen und die Akquirierung von Nachschub stellen die Ukraine vor Probleme. Als besonders effektiv bei der Abwehr ballistischer Raketen hat sich das US-System Patriot herausgestellt. Die entsprechenden Abfangraketen werden jedoch aktuell nur in den USA hergestellt und Washington zögerte zuletzt mehrfach mit neuen Lieferungen, weil die eigenen Arsenale zur Neige gehen. Es ist nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen die ukrainische Luftverteidigung steht.

epa11584522 Vehicles of the IRIS-T SLM air defense system from Diehl Defence are stationed on the grounds, during the ceremonial commissioning at the Todendorf barracks in Todendorf, Northern Germany, ...
Ein Iris-T-Flugabwehrsystem (Archivbild): Westliche Unterstützer haben der Ukraine diverse Systeme zur Verfügung gestellt.Bild: keystone

In der Vergangenheit haben die Ukrainer mehrfach sogenannte Frankenstein-Systeme zum Einsatz gebracht, eine Kombination von Abschussvorrichtungen aus Sowjetzeiten mit Boden-Luft-Raketen westlicher Bauart. Mit der Entwicklung einer eigenen Flugabwehr wollen die ukrainischen Rüstungsentwickler nun einen neuen Weg beschreiten.

«Wir nutzen alles, was wir bekommen, kaufen oder aufarbeiten können»

Denn eine Einbindung in westliche Systeme wie Patriot oder NASAMS hält Hyrtsenjuk für problematisch. Sie sei technisch sehr schwierig und mache die Raketen deutlich teurer. «Wir nutzen alles, was wir bekommen, kaufen oder aufarbeiten können, aber das reicht nicht aus», sagte er «The War Zone», und erklärte: «In manchen Fällen ist es einfacher, neue Werfer mit modernen Steuerungsprinzipien zu bauen, weil sich die Technologien so schnell entwickeln.»

Zu den technischen Fähigkeiten der neuen Systeme machte Hyrtsenjuk keine Angaben. Details würden bewusst zurückgehalten, um russische Gegenmassnahmen zu verhindern.

Brave1 arbeitet an Lösungen mithilfe von KI

Die Plattform Brave1 wurde im April 2023 von der ukrainischen Regierung gegründet, um Unternehmen und Start-ups der heimischen Rüstungsindustrie zusammenzubringen. So sollen Innovationen und Ideen schneller vorangebracht werden können, um eigene Waffensysteme zu entwickeln und zu produzieren, die auf die Bedürfnisse der ukrainischen Streitkräfte zugeschnitten sind.

Managerin Natalija Kuschnerska erklärte dem Fachportal «Defence IQ» in einem Interview, dass dabei neben Luftverteidigungssystemen insbesondere Bodendrohnen, Flugdrohnen und Systeme zur elektronischen Kriegsführung im Fokus stehen. Dazu treibt Brave1 auch den Einsatz von KI und maschinellem Lernen auf dem Schlachtfeld voran. «Angriffs-Drohnen mit KI können Ziele auf dem Schlachtfeld mit höherer Genauigkeit identifizieren», sagte Kurschnerska.

Vor allem bei der Abwehr von Flugdrohnen habe man «umfassende Erfahrungen und viele Lehren gezogen», so die Brave1-Managerin. «Zunächst müssen Märkte geöffnet werden, um Innovationen und Technologien zu entwickeln», erklärte sie das Vorgehen. «Das Militär testet Entwicklungen unter realen Kriegsbedingungen und gibt Feedback – die Hersteller verfeinern sie dann für einen effektiveren Einsatz auf dem Schlachtfeld.»

«Wir erkennen, wo weitere Waffentypen benötigt werden»

In den vergangenen Jahren hat die Ukraine durch diesen Ansatz vor allem mit Entwicklungen im Bereich der Drohnentechnologie auf sich aufmerksam gemacht. Dabei hatten die Ukrainer lange einen technologischen und quantitativen Vorsprung gegenüber Russland, den die Angreifer mittlerweile aber teils aufholen oder sogar zu ihrem Vorteil wenden konnten. Dies betrifft besonders den Bereich der FPV-Drohnen, also handelsüblichen, mit Sprengstoff ausgerüsteten Fluggeräten, die mit Videobrillen gesteuert werden.

Laut einem Bericht von «Politico» liegt deshalb die grösste Hoffnung der Ukrainer darin, durch den Einsatz von KI höhere Effektivität zu erzielen. Viktor Sachartschuk erklärte dem Portal, dass man nun einen Punkt in diesem Krieg erreicht habe, «an dem billige Low-Tech-Drohnen an ihre Grenzen stossen». Künstliche Intelligenz soll das restliche Potenzial aus diesem Bereich herauskitzeln: «Innerhalb eines Jahres werden 90 Prozent aller erfolgreichen Drohneneinsätze von KI beeinflusst sein.»

Drohnen haben jedoch den grossen Nachteil, dass sie nicht bei jedem Wetter funktionieren. Traditionelle Waffensysteme in den Bereichen Artillerie und Flugabwehr lassen sich daher nur in begrenztem Masse ersetzen. Auch Brave1-Chef Andrij Hyrtsenjuk hat das Problem erfasst: «Wir erkennen, wo die Lücken sind und wo weitere Waffentypen benötigt werden – Boden-Luft-Raketen gehören dazu.»

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81 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Nett sein ist keine Schwäche
28.08.2025 13:03registriert August 2024
Ein weiterer grosser Schritt von den Waffenlieferungen der USA unabhängig zu werden.
Bald kann Trump uns Europäer nicht mehr erpressen.
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Squawk 7700
28.08.2025 13:03registriert Mai 2025
Was wir wohl alles selbst entwickeln könnten mit den 11 Milliarden, die wir für F-35 und Patriot ausgeben und dann auch noch an befreundete Staaten liefern könnten. Das würde uns und ganz Europa viel mehr Sicherheit geben und uns unabhängig von der USA machen.
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Verbesserer
28.08.2025 12:55registriert Mai 2020
Möge den Ukrainern gelingen die russischen Attacken gegen die Zivilbevölkerung erfolgreich abzuwehren.
Die Entwicklung ukrainischer Drohnen und Raketen könnten auch zur Verteidigung anderer westlichen Staaten in Zukunft von Nutzen sein. Die Ukraine beweist, dass die grösse eines Landes nicht zwingend den Untergang kleinerer Nationen bedeuten muss. Zusammen kann der Westen auch ohne die USA Russland in die Schranken weisen. Dazu braucht es aber auch den Mut und Entschlossenheit zu einer engen Zusammenarbeit in der EU, GB und ja auch in der Schweiz.
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